Du bist aber empfindlich!

„Sei nicht so empfindlich!“

„Du bist aber empfindlich!“

„Dann musst Du Dich mal abhärten!“

 

Wenn ich mal den Versuch mache, Menschen in meiner Umgebung mitzuteilen, dass ich lärmempfindlicher bin als sie und sie dann darum bitte, darauf Rücksicht zu nehmen, erhalte ich oben genannte Antworten. Besonders absurd ist es, wenn das genau die Leute sagen, die bei dem Lärm, den sie verursachen, selbst zusammenschrecken würden, wenn sie das Geräusch nicht selbst verursachen oder „kommen hören“ würden.

 

Gehen wir aber davon aus, dass es eine Art von Lärm/Lautstärke ist, die sie nicht stört, aber mich immens. Tagein tagaus gehe ich in die NT-Welt, ich ertrage ihr Gerede, ihren Small-Talk, ihr soziales und auch physisches Nähebedürfnis (alle weiteren Aufzählungen wären je nach Person anders intensiv, also belasse ich es dabei, was ich definitiv täglich erlebe.

Es ist anscheinend nicht möglich, zu verdeutlichen, wie sich das Durcheinander-Reden mehrerer Leute für mich anhört:

 

1.       Gesetzt den Fall, jemand will mir in dem Moment, in dem mehrere Leute durcheinander reden,
etwas sagen, muss ich mich massiv anstrengen, um überhaupt noch etwas von dem, was man mir sagen will, zu verstehen – meistens ist das nicht möglich.
2.       Es hört sich an wie Rauschen.

 

Meistens sage ich dann: „Ich verstehe gerade gar nichts. Lass uns das bitte woanders besprechen.“ Das ist dann okay.

Sage ich aber so etwas: „Könntest Du bitte etwas leiser sein“ oder „Könntest Du das bitte nicht in der Lautstärke machen, ich bin sehr lärmempfindlich“, höre ich das oben genannte.

 

Ich versuche hin und wieder, Menschen, die nicht „so empfindlich“ sind wie ich, aufzuzeigen, wie ich wahrnehme. Es gibt Momente, in denen andere zu mir sagen: „Boah … die/der redet aber viel! Das ist ja unerträglich!“ Ich versuche dann zu vermitteln, dass für mich der Zustand, den die Person gerade erlebt hat, Normalität ist. Das ich das jeden Tag empfinde. Manchmal verstehen es die Leute, oft nicht.

 

Ich möchte den „Du bist aber empfindlich!“-Sprechern mitteilen:

 

„Wisst ihr was? Und das ist auch gut so! Denn wäre ich nicht so empfindlich, dann würde ich mich wie ihr derart beschallen, dass ich gar nicht mehr zur Ruhe käme. Denn wäre ich es nicht, dann wäre ich unempfindlich und abgestumpft. Denn wäre ich es nicht, dann gäbe es gar keine Möglichkeit, Kleinigkeiten wahrzunehmen, dann würde ich nicht richtig hören und nicht richtig sehen. Denn wäre ich es nicht, dann wäre ich wir ihr! Dann würde ich anderen Leuten sagen, sie sollten sich doch mal abhärten! Dann würde ich ihnen sagen, dass sie nicht in Ordnung sind; dass sie nicht richtig sind; dass sie falsch sind; dass sie nicht hinein passen in eine Welt der Unempfindlichen!“

 

Und zu denen, die meinen, man gewöhne sich an alles:

 

„Das ist nicht korrekt! Das ist dummes Geschwätz! Wir können ja mal den Versuch starten: Immer wieder, wenn mir danach ist, gebe ich Dir eine Ohrfeige. Wir können dann mal schauen, wie lange es dauert, bis Du Dich daran gewöhnst.“

 

Und ich meine „gewöhnen!“, nicht ertragen, nicht versteinern, sondern gewöhnen, wie man sich an einen neuen Bettbezug gewöhnen kann.

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Der Unterschied

Zu Beginn ein Batman-Zitat, da ich Batman schon immer klasse fand.

Er wird gefragt: „What’s the difference between you and me?“

Batman: “I’m not wearing hockey pads!”

 

Um „hockey pads“ soll’s in diesem Text nicht gehen. Aber um die Frage: „What’s the difference between you and me?“

 

Interessen: Einer der großen, auffälligen Unterschiede zwischen mir und anderen ist, dass sich andere für Dinge interessieren, die mich nicht interessieren. Sie haben ein ausgeprägtes Interesse daran, über Schicksalsschläge, Katastrophen und ähnliches zu reden. Ich besitze keinen Fernseher und höre kein Radio – das ist auch gar nicht notwendig, ich bin immer up to date, da ich berufstätig bin und die Kollegen bereits um kurz vor 6 Uhr morgens allerlei Neuigkeiten verbreiten: Ein Unfall hier, ein Toter dort, ein Anschlag in x, eine Vergewaltigung von y. Privat geht das dann weiter: Habe ich Kontakt zu meiner Mutter, bin ich immer up to date: Herr x hat das gemacht/gesagt, Frau y ist das und das zugestoßen. Oft habe ich diese Leute jahrelang nicht gesehen, weiß gar nicht, von wem die Rede ist oder kenne sie noch nicht einmal. Die Spitze dieses „updatens“ ist, wenn mir die Handlung eines Films oder eines Buchs erzählt wird; oder, noch schlimmer: Ein Interview rezitiert wird. Mich interessiert das nicht, aber mein Desinteresse interessiert die Leute nicht. (Stichwort: Einfühlsamkeit/Diskretion: So etwas lernt man nicht von der Majorität; die meisten Menschen sind indiskret und nicht einfühlsam)

 

Wenn ich mal erzähle, was mich interessiert oder womit ich mich beschäftige (was ich äußerst selten anderen mitteile), dann höre ich so etwas wie: „Dein Gehirn will ich auch haben. Du interessierst Dich für so vieles!“ Ich nehme an, dass so etwas ein Kompliment sein soll.

 

Es ist tatsächlich so, dass sich viele Menschen, die ich kenne, etwas fragen oder gerne etwas wissen wollen (in dem Moment), aber sie schließen diese Wissenslücke nicht, recherchieren nicht. Banales Beispiel: Ich habe mindestens 10 Mal auf der Arbeit von ein und derselben Person die Frage gehört: „Ist Christi Himmelfahrt in unserem Bundesland auch ein Feiertag?“ (Übrigens: Ja, Christi Himmelfahrt ist auch in NDS ein Feiertag)

 

Ich frage mich, warum sie selbst nicht die Antwort herausfinden.

 

Ich wurde auch mehrfach von ein und derselben Person gefragt, ob ein Siebenschläfer unter Naturschutz steht. Die fragende Person hat sich nicht die Mühe gemacht, das selbst herauszufinden. (Übrigens: Ja, ein Siebenschläfer steht unter Naturschutz)

 

Bei mir ist das ganz anders: Ich will meine Fragen selbst beantworten. Habe ich eine Frage zum Thema Arbeitsrecht, gehe ich in die Bücherei oder ins Internet und recherchiere; habe ich eine Frage zu einem Vogeltyp, suche ich diesen Vogel. Habe ich ein Problem, will ich die Lösung finden. Wenn andere Menschen also irgendetwas fragen, warum finden sie die Antwort nicht selbst heraus? Warum machen sie sich nicht die Mühe? Was ist denn, wenn es ihnen seelisch schlecht geht und sie sich fragen, warum das so ist – machen sie sich dann auch nicht die Mühe, darüber nachzudenken oder die Antwort herauszufinden?

 

Ziele/Vorstellungen/Veränderungen: Ständig begegne ich Leuten, die etwas in ihrem Leben verändern wollen, die nicht zufrieden mit dem Jetzt-Zustand sind. Die absolute Spitze dessen, was ich schildern möchte, hat mir mal eine Bekannte vor Jahren präsentiert, mit der ich ein Gespräch führte. Sie bat mich darum, ihr zu helfen, denn ich würde mich ja auskennen mit Therapie und dergleichen. Ich setzte mich also in ihre Wohnung und sie schilderte mir das, was ich eh schon wusste: Chaos, Depression, Suizidgedanken etc. Ich habe ihr dann mehrere Möglichkeiten aufgezeigt, aber jede Anmerkung meinerseits (Betonung: JEDE!) wurde mit einem Gegenargument abgehakt. Egal was ich sagte – sie fand für alles eine Ausrede, eine Verneinung – warum es nicht gehen könne.

 

So etwas erlebe ich abgeschwächt bei vielen Menschen. Sie fragen mich, wie ich das machen würde, ich äußere mich dazu und sie finden immer Gegenargumente. Kleiner Einschub: Nur damit das klar ist – mir ist das grundsätzlich gleichgültig, was ihr macht, denn das ist nicht mein Leben.

Oder sie erzählen, wie schrecklich ihre Arbeit ist, wie schrecklich ihre Beziehung ist, wie schrecklich ihre Bekannten sind, wie schrecklich sie aussehen, wie schrecklich sie sich fühlen … aber sie verändern gar nichts, nichts. Manche Situationen sind nicht von jetzt auf gleich änderbar; manche Konflikte müssen bedacht werden, die Konsequenzen müssen abgewogen werden; manchmal geht es um Arrangements und nicht um den großen Trennungsschritt – aber die meisten Menschen, die ich so reden höre, machen nicht einmal den Versuch, etwas zu ändern.

Und darum geht’s mir: Der Versuch. Yoda sagt: „Do or do not. There is no try!” Aber Yoda hat gut reden, der hat ja auch seine Superkräfte. Es gibt Entscheidungen, die sind nicht plötzlich zu machen oder umzusetzen, da bedarf es mehrerer Versuche, mehrerer Überlegungen. Und grundsätzlich beißt sich das Zitat auch selbst in den Schwanz, denn sobald ich es versuche, mache ich ja etwas oder mache ich etwas anderes.

 

Ich hab’s mal so verglichen: Wenn jemand von mehreren Drogen abhängig ist, wäre es fahrlässig, alle Drogen auf einmal abzusetzen. Es beginnt mit der ersten Droge und wenn diese ausgeschlichen ist, geht es an die nächste Droge. Alles auf einmal ist grausam.

 

Bezüglich „Ziele“ erlebe ich es öfter, dass es um Geld geht. Ja, Geld ist überlebenswichtig; Geld zu haben ist äußerst angenehm; Geld erleichtert das Leben immens. Aber bezüglich dessen, was ich beruflich machen will, ist es nicht das non plus ultra. Ich höre öfter so etwas: „Dann verdienst Du richtig Geld.“ Anscheinend ist das, was ich dazu denke, derart andersartig, dass ich immer wieder auf verstörte Menschen treffe, wenn ich ihnen das sage: Nein! Tatsächlich habe ich nicht studiert, um das große Geld zu machen. Nein! Tatsächlich steht für mich im Vordergrund, meinen Job zu mögen.

Interessant ist in diesem Kontext auch die Frage an Menschen: „Was möchtest Du denn einmal werden?“

Diese Frage ist für mich vollkommen unlogisch. Wieso „werden“? Bin ich noch nicht? Ich habe eine neue, passende Erwiderung darauf gefunden: „Ich werde nicht, ich bin schon.“

Eine ähnliche Äußerung habe ich mal von jemandem gehört: „Du machst Dich.“ Du machst Dich? Hä? Wie, ich mache mich? Bin ich noch nicht gemacht? Ich entwickle mich vielleicht, aber ich mache mich? Wirklich sonderbar, welche Wörter für was gebraucht werden. Es ist mir auch egal, was ihr eigentlich damit meint – sagt es oder sagt es nicht, es gibt kein meinen!

 

Freunde: In der Vergangenheit hatte ich mal so etwas, was ich „Freunde“ nennen würde, aber als ich herausgefunden habe, dass Freundschaft nur mit gegenseitiger Skriptbestätigung und Maschengefühl (siehe Transaktionsanalyse/Abk. TA) einhergeht, habe ich das abgehakt. Diese Erkenntnis-Tür der TA hat sich für mich geöffnet und somit ist die Tür zu solcher (bewussten!) Zelebrierung von Maschengefühlen zu. Das hat seinen Preis: Diese Freundschaften habe ich beendet. Ich sehe auch nicht, dass ich in naher Zukunft Freundschaften brauche oder will. Gemeinsame Spezialinteressen – das könnte eine Grundlage für Freundschaften in der Zukunft sein, mehr sehe ich dort jetzt nicht.

 

Aber Menschen, die keine Freunde haben, wirken sonderbar. Einzelgänger wirken sonderbar. Es entspricht der Norm (heißt: Ist normal), dass Menschen Freunde haben oder Freunde wollen. Die Frage ist: Warum?

Nietzsche hat die Freundschaft so hoch gepriesen. Aber Nietzsche hatte keine Freunde – und die Freunde, die er irgendwann in seinem Leben mal glaubte zu haben, hat er verworfen – ich denke, Nietzsche wäre weiter gekommen, wenn er sich gefragt hätte, weshalb er überhaupt Freunde haben will. Aber vielleicht hat er darüber nachgedacht und es nicht aufgeschrieben. Und dann stellt sich auch noch die Frage: Wenn jemand ständig „falsche Freunde“ hat, warum sucht er sich die dann aus? Das muss einen Grund haben.

Oder wie Hercule Poirot sagen würde: „Es gibt immer ein Motiv! Und wenn es die Polizei nicht herausgefunden hat, dann ist es … wie sagt man? … unorthodox!“

 

Manchmal sagt man mir aber, ich sei ein „Freund“.

„Wir sind doch Freunde.“

„So etwas machen Freunde doch füreinander.“

Also ich bin momentan niemandes Freund und das ist auch gut so. Mit wem auch immer diese Menschen befreundet sind, mit mir nicht. Und ich sage es auch deutlich: „Das, was Du an Sozialem willst, das kann ich Dir nicht bieten!“ Warum  „kann ich nicht“? Weil ich die meiste Zeit des Tages alleine sein muss, um mich aufzuladen, andernfalls gehe ich kaputt.

 

Und wenn ich gefragt würde: „Was unterscheidet Dich von anderen?“,

würde ich wohl sagen: „Sieht wohl so aus, dass ich die Welt anders wahrnehme.

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Angst

Dieser Blogeintrag ist nicht autismusspezifisch. Ich weiß nicht, ob NTs oder Asperger-Autisten oder Hochsensible etc. mehr Angst empfinden. Mir waren die Übergriffigkeiten der anderen Menschen schon immer unangenehm – Angst empfand ich davor nicht. Oft wünsche ich mir eine „Unsichtbarkeitsfunktion“, damit ich verschwinden kann und man mich nicht anspricht, denn das ist anstrengend – Angst empfinde ich davor nicht.

 

Dieser Eintrag ist in Ich-Form geschrieben, was nur bedeutet, dass ich aus meiner Perspektive schreibe. Es bedeutet nicht, dass andere diese Ängste nicht kennen oder ich mehr unter diesen Ängsten leide als andere.

Als Kind hatte ich mit vielen Ängsten in mir zu tun: Ich hatte Angst vor Krankenhäusern; vor Menschen, die sehr laut redeten oder gar schrien; vor Gott und seiner Macht; vor der Hölle; vor betrunkenen Menschen; vor Menschen, die schlagen und plötzlich ausflippen; vor den verzerrten Gesichtern der Menschen, wenn sie meinem Gesicht so nahe kamen; vor Gespenstern, Toten, Geistern; davor verlassen zu werden, weggegeben zu werden.

Ich kenne die Gründe dieser Ängste.

 

Schon früh lernte ich, mir das nicht anmerken zu lassen, wenn ich Angst empfand. Ich lernte, dass die mich umgebenden Menschen nicht sahen, was Ängste auslöste (weder bei mir, noch bei ihnen selbst); ich lernte, dass es nicht gut ist, darüber zu sprechen; ich lernte, dass es eine Schwäche ist, Angst zu empfinden. Und somit begann ich, im Geheimen Angst zu haben.

 

Sobald ich anfing, in eine Richtung zu gehen, die Ent-wicklung, Bildung, finanzielle Sicherheit, Freiheit, Zufriedenheit versprach, brach eine Angst über mich ein, dass ich wie gelähmt nichts mehr konnte oder diese Richtung selbst torpedierte, indem ich sie mir vermasselte.

Heute kenne ich auch diese logischen Zusammenhänge. Die Transaktionsanalyse erklärt dies auf sehr klare Weise.

 

Ich durfte das alles also nicht schaffen und darf es noch immer nicht.

 

Mein Weg geht aber in genau diese Richtung der Ent-wicklung. Das bedeutet somit auch: Überall „ist“ Angst. Überall lauert die Gefahr. Überall lauern die Verbote. Ich darf es nicht und sobald ich es versuche, rühre ich an der Todesangst.

 

Es ist so klar wie Kloßbrühe, dass daran aber kein Weg vorbei geht. Nur ist das, was manche Menschen raten genau der falsche Weg. Es ist der gleiche absonderliche Rat wie jener: „Es geht Dir schlecht? Dann unternimm doch mal was Nettes!“ Was genauso viel heißt wie: „Es geht Dir schlecht? Dann lenk Dich auf jeden Fall davon ab! Rühre nicht daran, befasse Dich nicht damit!“ Dann tun sie genau das, was Eltern tun, die nicht auf die Gefühlswelt ihrer Kinder eingehen: „Ach … das ist doch nix. Hab Dich nicht so!“ (Autisten bekommen das sehr häufig zu hören: „Das ist Dir zu laut? Stell Dich mal nicht so an! Bist DU aber empfindlich!“)

 

Mir wurde vermittelt, dass Angst Schwäche ist. Mir wurde vermittelt, dass niemand (wahrlich … niemand!) Verständnis haben wird, dass man mich verstoßen wird und verachten. So denn, wage ich es und mache es hier öffentlich:

 

Ich bin voller Angst. Wo ich auch gehe und stehe – gewiss ist, dass ich Angst empfinde. Manchmal ist sie unterschwellig da, manchmal lähmend und grausam. Manchmal verzweifle ich und glaube nicht mehr daran, dass ich meinen Kurs beibehalten kann. Ich drehe und wende mich und überall schreit mir Angst entgegen. Bis jetzt ist mir nur ein Mensch begegnet, dem dies auffiel.

 

Dieses Gefühl bringt mich nicht weiter, hilft mir nicht. Es blockiert mich. Und ich weiß es wohl, dass ich dieses Gefühl den Ereignissen zuordnen muss, die dazu gehören. Manche Menschen in meinem Umkreis haben sich dafür entschieden, ihre Innenwelt ruhen zu lassen wie einen Friedhof oder einen unberührten, starren See.

Das ist nicht mein Weg.

 

Vor Jahren schon wusste ich: „Ich muss da ran. Irgendwann.“

 

Verschleierung, Erstarrung, Abtötung, es nicht mehr versuchen, sich fügen und schweigen … diesen Pfad habe ich nicht eingeschlagen. Natürlich besteht immer die Option, zurückzugehen, doch noch zu entscheiden, nicht zu heilen und sich abzulenken.

 

Aber dieser Tag ist nicht heute.

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Zermürbend

Ich habe nun einige Stunden darüber nachgedacht, ob ich diesen Text so scharf schreiben sollte, wie er mir „vorschwebt“. Inwiefern das auf Verständnis trifft und inwiefern auf Ablehnung. Diejenigen, die sehr reizempfindlich sind, hochsensibel, als psychisches Grundbedürfnis Ruhe brauchen, werden nachvollziehen können, was ich meine. Jene, die all das nicht sind und viel Ruhe nicht brauchen, werden dieses Gefühl der Zermürbung nicht kennen – das wird die Majorität sein, denn ansonsten wären die Menschen, die ich hier darstellen werde, bereits ausgestorben bzw. würden auf massive Ablehnung stoßen.

 

Ich nehme permanent wahr – und mit „permanent“ meine ich: Bis zu 24 Stunden am Tag -, dass die Privatsphäre-Grenze eines Menschen von vielen anderen Menschen ständig mindestens tangiert, aber zumeist überschritten wird. Ich habe dazu eine bildliche Darstellung im Kopf, die ich in naher Zukunft skizzieren werde, um es auch so deutlich zu machen, da man mir des Öfteren mit „Argumenten“ begegnet, die augenscheinlich logisch aber näher betrachtet unlogisch sind.

 

Als Beispiel führe ich das Thema „Lärm“ an:

 

Die Majorität scheint sich in einer lärmenden Umgebung wohl und heimisch zu fühlen. Sie haben nicht nur externe Lärmquellen wie Radio/Fernseher/PC’s/Laptops (ob Musik, Geplapper eines Moderatoren oder sonstiges) zur Verfügung, um die sie umgebenden Menschen in ihrer Privatsphäre zu belästigen, sie sind auch in ihrem eigenen Verhalten lärmend. Tatsächlich sind diese Menschen Lärm. Sie gehen laut, sie reden laut, sie bewegen sich laut.

Es ist ihnen tatsächlich unmöglich, leise zu gehen. Wenn sie gehen, dann stampfen sie auf dem Boden auf wie Elefanten auf zwei Beinen. Wenn sie irgendeine Haushaltstätigkeit oder Nahrungsaufnahme tun, tun sie diese laut: Sie klappern mit Geschirr, sie schlagen und knallen mit Türen, sie klackern mit Besteck wenn sie essen. Sie schlucken laut, sie atmen laut. Sie rascheln, knistern, rutschen hin und her, schnipsen mit ihren Fingern, trommeln mit denselben auf einer Oberfläche, stöhnen herum, schieben Sachen auf Tischen herum, stoßen an Stühle, schieben Stühle laut an den Tisch heran … und so weiter.

Kant schreibt in seinen Schriften zur Geschichtsphilosophie folgendes dazu:

„Denn ich sehe keinen andern Bewegungsgrund hiezu [Anm.: das Herumlärmen], als daß sie ihre Existenz weit und breit um sich kund machen wollen“.

 

Und ich habe noch nicht ihre Sprache thematisiert:

Sie reden in einer Lautstärke, dass man meint, sie müssten einen Bombenangriff überschreien. Ganz abgesehen von ihren komplett überflüssigen Wortäußerungen.

 

Es kann nicht anders sein, als dass die meisten Menschen diese Art, sich zu verhalten, teilen und befürworten, denn es begegnet mir derart oft und regelmäßig, dass, wenn es nicht so wäre, diese lärmenden Menschen ziemlich schlechte Karten in der Gesellschaft hätten.

Die „schlechten Karten“ hat nun aber derjenige, der reizempfindlich, hochsensibel und ruhe-sehnsüchtig ist. Immer und überall ist er diesem ausgesetzt.

Geht er wandern, kann er darauf mit Gewinnchancen wetten, dass er Menschen begegnet, die die Natur zu einer Lärmhölle machen. Als Anmerkung: Es interessiert niemanden, was ihr da lautstark mitteilt! Geht er schlafen, kann er darauf mit Gewinnchancen wetten, dass irgendwo irgendein Lärmliebender seiner Sehnsucht nach lautstarker Musik nachgeht. Ich weiß nicht, ob es allen bekannt ist: Es gibt Kopfhörer. Die gibt es für nicht einmal 10 Euro im Supermarkt.

Ich spreche hier übrigens nicht über Ausnahmen. Ich spreche hier von regelmäßiger Lärmfolter, unter der Woche; nachts!

Ich weiß auch nicht, ob das bekannt ist: Es gibt in Deutschland eine gesetzlich geregelte Nachtruhe, die bei Nichteinhaltung zu einem (nicht unerheblichen) Bußgeld führen kann.

 

Lärm macht bekanntlich krank. Da aber die Minorität immer Anpassung leisten muss, leidet auch diese darunter. Wir müssen es hinnehmen. Wir müssen damit leben, dass wir womöglich krank werden, weil die meisten Menschen rücksichtlos und übergriffig sind. Wir müssen des Nachts Gehörschutz in unserer eigenen Wohnung tragen.

An manchen Tagen, wenn ich bereits von all dem zermürbt worden bin, wenn ich mich fühle wie jemand, den man ordentlich verprügelt hat, habe ich den starken Drang, mir meinen Kopf an einer Wand aufzuschlagen. Damit es endlich, endlich aufhört. Damit ich es nicht mehr ertragen muss. Und wenn diese Verzweiflung sehr stark wird und ein Overload überlebt wurde, bleiben nur noch die Resignation und die Tatsache, dass die Menschen egoistisch und grenzüberschreitend sind und dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich das ändern wird, gen null strebt.

 

Und jetzt höre ich schon diejenigen aufschreien, die sich angesprochen fühlen: „Wie kann man nur so intolerant sein?“; „Autisten und Nicht-Autisten sollten Wege zueinander finden und sich nicht bekämpfen.“

Zu den Leuten, die mir Intoleranz vorwerfen und schon vorgeworfen haben, sage ich: Ihr habt keinen blassen Schimmer, worum es geht. Ihr habt keine Ahnung! Das, was ihr als „ich auch“-Vergleiche anbringt, ist ein Witz!

Und zu denen, die meinen, es gäbe für Autisten und Nicht-Autisten Wege zueinander: Das sehe ich nicht so. Es mag ganz vereinzelte Ausnahmen geben, aber in der Masse ist es nicht machbar. Ich bekämpfe auch die Nicht-Autisten nicht, das ist unmöglich. Aber Wege zueinander finden? Das ist ein Traum. Eine Illusion.

 

Mit das Schlimmste ist das nicht ernst genommen werden. Und wie sollte die Majorität das auch ernst nehmen, da sie sich mit Lärm doch so wohl und heimisch befindet? Wenn man ihnen sagt, dass man keine Freunde hat, dann packen sie all ihre Mitleidstüten aus und überhäufen einen mit Beileidsbekundungen; aber wehe, Du machst ihnen klar, dass Du gar keine Freunde willst, dann bist Du der Alien vom Dienst. Es ist also gleich, was wir Vulkanier machen, die Reaktionen der Nicht-Vulkanier sind meistens absonderlich und meistens das, was sie selbst für sich haben wollen. Es interessiert sie gar nicht, was uns stört oder nicht stört, sie stellen keine Fragen, sie handeln automatisch, wie sie sich selbst gegenüber handeln würden.

 

Als ich jemandem mitteilte, ich sei sehr lichtempfindlich – ich führe ständig eine Sonnenbrille mit mir herum. Im Sommer, wenn die Sonne scheint und keine Wolke dieselbe verdeckt, bin ich ohne Sonnenbrille so gut wie blind -, sagte derjenige, man sei ja nicht mit Sonnenbrille auf die Welt gekommen, und außerdem sei das eine Frage der Entspannung. Ja, sagt mal … habt ihr noch alle Tassen im Schrank? Ist das Dummheit oder Bosheit oder Gedankenlosigkeit? Was stimmt mit euch nicht?

Merkt ihr eigentlich, was ihr da macht? Ist euch klar, dass eure Aussagen massiv abwertend sind? Und dann kommt ihr allen Ernstes mit dem Begriff Intoleranz – ja, merkt ihr’s noch?

 

Sehr oft, wenn ich wieder von außen derart bedrängt und eingeschränkt werde, stellt sich in mir der starke Drang nach Rückzug ein. Manchmal stelle ich mir einen Ort vor, der sehr menschenfern ist. Und hätte ich einen Wunsch bei einer Fee frei, wäre es genau das: Einen Ort, wo man mich nicht belästigt, damit diese Zermürbung aufhört, damit ich nicht krank werde. Wobei ich sehr sicher bin, dass jene, die diese Abwehrleistung nicht aufbringen müssen, sich schon längst krankgeschrieben und eine Kur beantragt hätten.

 

Und: Nein, danke! Ich brauche euer Mitleid nicht. Benutzt eure Kopfhörer, wenn ihr Musik hören wollt. Haltet mal den Mund, wenn ihr wandern geht. Lasst die Menschen in Ruhe, die euch nicht von selbst ansprechen. Es wäre ein großer Fortschritt, wenn ihr anderen ihre Ruhe lassen würdet, damit die Minderheit der Gesellschaft sich nicht ständig und überall verbiegen muss, damit sie überlebt.

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Der "soziale Mantel"

Ich habe mir in den vergangenen Jahren einen „Mantel“ für soziale Situationen angefertigt. Er ist ein Schutz, eine Abwehr, eine Distanz-Äußerung ohne Worte. Denn es ist sehr kalt in den Gesellschaftskreisen der Erdlinge.

 

Ich erlebe permanent starke Rivalität, Heuchelei, Lügerei, Abwertung, Grenzüberschreitung, Übergriffigkeiten, Respektlosigkeit und vieles mehr. Abgesehen davon, dass ich schon vor langer Zeit gemerkt habe, dass ich anderen selten vertrauen kann, hat die Erfahrung im Erwachsenenalter mit den mich umgebenden Menschen dafür gesorgt, dass ich noch vorsichtiger bin. Es ist naiv, zu glauben, dass Menschen respektvoll bleiben, wenn man nett ist oder sich zurückhält. Es gibt viele Motive, weshalb Anfeindungen und Lästerei ausgelöst werden können.

 

Es sind Kleinigkeiten, die dazu führen:

 

Man sitzt nicht mit ihnen am Tisch.

Man hält permanent eine gewisse (physische) Distanz ein.

Man erzählt nichts über sein Privatleben.

Man ist ehrlich.

Man antwortet mit einem „Nein“ auf alle Aktivitäts-Anfragen im privaten Bereich.

Man stellt kritische Fragen.

 

Es ist für einen Autisten schlicht unmöglich, gänzlich „normal“ zu wirken. Ich glaube von mir, dass ich sehr unauffällig in meinem Verhalten bin, aber das ist ein Irrglaube. Dafür erhalte ich zu viele Rückmeldungen, dass ich „anders“ wirke.

Was damit genau gemeint ist, hat man mir bis heute leider nicht sagen können.

 

Das Unerträglichste ist, wenn eine oder mehrere Personen über alles, was geht und steht und sich bewegt, schlecht redet. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, was sie an dem anderen auszusetzen haben, es geht anscheinend nur um das Schlechtmachen dieser Person.

Ich bin gewiss keine Heilige (zum Glück. Oder: Ich hab’s versucht, hat nicht geklappt). Auch ich lege teils Verhaltensweisen im Stress an den Tag, die ich nachher reflektierend als nicht besonders gelungen bewerte. Aber die Ausmaße der Lästereien der Menschen, die sind mir unbekannt. Von einer Sekunde auf die andere können sie über den, der gerade noch nett und freundlich war (weil er zugegen war), schlecht reden. Manchmal wundere ich mich, dass sie nicht plötzlich anfangen, über sich selbst schlecht zu reden, so massiv ist ihre „Switcherei“.

 

Ich war schon öfter live dabei, wie sich Meinungen in Gemeinschaften bilden. Sie beginnen damit, über eine Person (c) zu reden, die nicht anwesend ist. Person (a) erzählt, dass sich Person (c) so und so verhalten habe. Person (b) bewertet dies nach dem Muster wie Person (a). Beide sind sich einig, dass die nicht anwesende Person (c) diese und jene Eigenschaften habe und dass man sie nun nicht mehr mag. Und überhaupt … total eigenartig ist diese Person (c).

Dann wird es grotesk. Person (a) fängt an, über Person (b) schlecht zu reden, wenn diese nicht anwesend ist. Person (b) beginnt, über Person (a) schlecht zu reden, wenn Person (a) nicht anwesend ist. Und ich stehe dann dabei und denke: „Merken die nicht, was die da machen?“

 

Mein „sozialer Mantel“ blockt das ab. Ich halte mich raus. Es gibt keine andere Möglichkeit, um diesem Spiel zu entgehen. Es gibt noch eine einzige Möglichkeit, die ich als Option in Betracht ziehe, aber das muss wohl überlegt sein: Sie im geeigneten Moment darauf aufmerksam machen, was sie da tun. Aber im beruflichen Bereich werde ich das nur tun, wenn ich weiß, dass ich kündigen werde. Menschen einen Spiegel vorhalten kann eine Lawine lostreten. Andererseits: Die Strafe des sozialbedürftigen Menschen ist der Entzug der sozialen Zuwendung und das wäre für mich sehr zu befürworten. Das wäre also keine Strafe, sondern ein anzustrebendes Ziel. Doch viele können nicht zwischen Sozial- und Sachebene unterscheiden. Ihre Strafe hätte somit auch Auswirkungen auf der Sachebene.

 

Mein „sozialer Mantel“ verhindert, dass ich naiv vertraue und das für „bare Münze“ nehme, was man mir sagt oder versichert. Ich weiß es ja: Sobald ich außer Sichtweite (eher: Hörweite) bin, wird man über mich genauso reden wie über alle anderen. Vielleicht sogar noch mehr, weil ich doch so „anders“ wirke.

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Gute Vorsätze

Ich habe noch nie „gute Vorsätze“ gehabt, zumindest nicht solche, die ich zumeist von anderen Menschen höre: Abnehmen, endlich Sport machen, mit dem Rauchen aufhören, mit dem Trinken von Alkohol aufhören usw.

Ein Jahreswechsel geht nicht spurlos an mir vorbei. Seit Jahren beschaue ich mir das vergangene Jahr und führe mir „vor Augen“, was gewesen ist, was ich erreicht habe, welche Veränderungen ich herbeiführte usw.

 

Und jedes Jahr sehe ich: Es ist sehr, sehr viel Dynamik in dem, was ich erlebt, erreicht habe. Ich weiß noch, dass ich am 31.12.2015 darüber nachdachte, dass ich umzog, eine andere Arbeitsstelle annahm und eine vergangene, die mir gut gefiel, hinter mir ließ, ziemlich viele Tiefs und ein paar Hochs hatte.

Dazu kam, dass ich meinen Hochschulabschluss erhielt.

Sehr viel Dynamik.

 

Dieses Jahr kann ich zwar keinen Hochschulabschluss verzeichnen aber wiederholt mehrere berufliche Neuorientierungen, nochmals einen Umzug, zudem zwei Buchveröffentlichungen und die Erfahrung, eine AS-Beziehung zu führen.

Sehr viel Dynamik.

 

Diese Dynamik ist spannend, energiebringend und mitunter massiv anstrengend. Und ich habe viele, viele Vorstellungen, wie ich mein Leben im neuen Jahr gestalten will. Die Erfahrung zeigt mir, dass ich vor Veränderungen nicht zurückschrecke, dass ich durchaus bereit bin, etwas zu wagen, zu riskieren. Darüber hinaus lerne ich mich mit jedem Schritt, den ich gehe, besser kennen. Es gibt viel zu erforschen, anzuschauen, zu erfahren.

 

Nein, gute Vorsätze habe ich nicht, wie andere Menschen. Wenn es voran geht, wenn es nicht stagniert, wenn ICH nicht stagniere – dann ist das schon genug. Und wenn ich dann noch den Mut habe, Theorie und Praxis zu vereinen, dann ist das noch besser.

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AS-Beziehung: Blickkontakt

AS-Beziehung: Darf ich das?

Blickkontakt

 

Ich habe viele „Darf ich das?“-Fragen in mir gehabt, als ich eine Beziehung zu einem anderen Asperger-Autisten begann.

Das ist verständlich, denn ich hatte noch nie eine derartige Beziehung und die vorherige Beziehung führte ich mit einem Nicht-Autisten.

 

Das „nicht Anschauen“ gilt als unfreundlich, wobei ich glaube, dass das vorgeschoben ist. Wahrscheinlich sagen das solche Leute nur, weil sie nicht fähig sind, Blickkontakt für eine kurze Zeit zu unterbinden. Ich habe sogar schon die absonderlichsten Dinge gehört, als ich darum bat, mich nicht anzuschauen. Eine der Reaktionen war: „Ich möchte Dich aber anschauen, weil das sonst unhöflich ist.“ Hä? Wie? Ist das für ihn selbst sich selbst gegenüber unhöflich? Anders kann es ja nicht sein, denn wenn es für mich unhöflich wäre, hätte ich nicht darum gebeten. Aber das ist nicht das Thema.

 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich in einer AS-Beziehung keinen Blickkontakt suchen/halten muss. Es kann nur ein Autist verstehen, was das für eine Erleichterung ist. Für die Nicht-Autisten evtl. ein passendes Beispiel: Wenn Dir ständig jemand mit einer äußerst hellen Taschenlampe in die Augen strahlt und er Dir sagt: „Schau nicht weg, das ist unhöflich!“, Du also irgendwann lernst, irgendwie damit umzugehen, Du nun aber jemanden kennen lernst, der das nicht macht und Du plötzlich spürst, wie sich Deine Augen entspannen dürfen und dieselben nicht mehr schmerzen, ist das sehr erleichternd.

Das war meine erste Frage an mich in dieser AS-Beziehung: „Darf ich Blickkontakt vermeiden?“

Ja, gewiss. Es ist sogar erwünscht. Was für eine neue, angenehme, gute Erfahrung.

 

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Spezialinteressen

(Fast) jeder Autist kennt das: Wenn man sich mit einem seiner Spezialinteressen beschäftigt, kann man stundenlang die Welt vergessen. Insbesondere mein Napoleon-Interesse hat mich schon manches Mal um eine ruhige Nacht gebracht. Ich konnte nicht aufhören, ich musste unbedingt noch dieses und jenes lesen, dieses und jenes aufschreiben, dieses und jenes ausdrucken und in meinen Ordner einheften usw.

Auch die Schreiberei hat mich schon manches Mal derart gefesselt, dass ich wie weggebeamt vor meinem PC saß und tippte. Oder während des Wanderns pausierte und schrieb; oder im Zug fast vergaß, wann ich aussteigen musste.

Momentan haben sich diese zwei Interessen etwas gelegt.

 

Die meiste Spezialinteresse-Energie verwende ich seit Monaten für die Transaktionsanalyse (TA). Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht darüber nachdenke: Analyse anderer, Analyse meiner selbst. Ich nutze meine Kenntnisse fast schon automatisch. Ich sehe nicht, dass sich das in naher Zukunft ändern wird, dafür gibt es noch zu viel darüber nachzudenken, zu analysieren, zu strukturieren. Und … was gibt es Besseres mit sich alleine als zu analysieren und zu strukturieren?

Lange Zeit hatte ich mich von der Psychologie getrennt. Sie passte nicht, sie war mir immer zu ungenau, gar zu oberflächlich. Mir fehlte immer wieder die Antwort auf die Frage: „Warum?“ Und dann erzählte mir jemand von der Transaktionsanalyse. Ich schaute mir das näher an und stellte fest: „Das hat gefehlt!“ Alles andere interessiert mich in der Psychologie nicht mehr: Ich will nichts mehr über Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie hören, weder theoretisch noch praktisch, das ist für mich alles nur noch Mumpitz. Insbesondere die Verhaltenstherapie ist für mich derart sinnlos und auch gefährlich, dass ich damit nichts mehr zu tun haben will. Für mich fällt das unter das, was die meisten Menschen tun: Sich ablenken und sich nicht mit dem eigentlichen Problem (der eigentlichen Ursache) beschäftigen.

 

Die TA ist also zum Spezialinteresse (SI) geworden. Das Beste an diesem SI ist, dass ich es überall mit hinnehmen kann und überall anwenden. Ich kann ständig analysieren, wenn ich will. Ich kann permanent trainieren. Ich kann zuordnen, bestimmen, verstehen, agieren usw. Anders als das Napoleon-Interesse. Das kann ich nicht ständig „leben“. Auch die Schreiberei kann ich nicht überall ausführen.

Vielleicht habe ich deshalb logischerweise die Energie für die anderen zwei Interessen teils abgezogen, um mich mit der TA zu beschäftigen, welche ich immer anwenden/ausagieren kann.

Deshalb ist es auch nur konsequent gewesen, dass ich mein Master-Studium Philosophie abbrach und nun gen Psychologie strebe.

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Meltdown

Ein Meltdown („Kernschmelze“) tritt bei manchen Autisten ein, wenn ein Overload vorangegangen ist. Man kann sich das vorstellen wie einen platzenden Luftballon, den man immer und immer mehr mit Wasser füllt. Es fühlt sich an wie ein „Crash“ im Kopf, als würden zwei Züge mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zu fahren und dann kollidieren. Man kann das Gefühl auch wie eine Explosion im Kopf beschreiben.  Plötzlich ist der Höhepunkt der Reizüberflutung erreicht und es geht nicht mehr anders, als all das unkontrolliert auszulassen.

Manchmal mit Schlagen, manchmal mit Schreien, mit Werfen eines Gegenstandes usw. Das Schlimmste ist, wenn Personen im Umfeld keine Rücksicht darauf nehmen, dass man sich in einem kritischen bis eskalierenden Zustand befindet und immer weiter auf denjenigen einreden, ihn vielleicht noch berühren oder ihm nahe kommen.

Für mich war das in meiner Jugendzeit die Hölle. Ich hatte keine Chance, die Außeneinflüsse auszusperren, ich wurde permanent von außen getriggert.

Tipps für diejenigen, die keine Ahnung davon haben, wie sich ein Meltdown anfühlt:

 

 

- Lasst mich in Ruhe, wenn es soweit ist. Steht auch nicht daneben und schaut zu, wie ich ausflippe. Geht einfach weg und seid nicht da.

 

- Fasst mich auf keinen Fall an! Es könnte sonst sein, dass ich mich schützen muss und euch wegstoße oder schlage. Euer Angefasse löst Schmerzen in mir aus. Ihr greift mich damit an.

 

- Redet auf keinen Fall! Eure Worte sind wie Messer in meinem Kopf. Es tut weh, wenn ihr redet. Ich habe bereits ohne diesen Zustand Schwierigkeiten mit euerm Gequassel, lasst mich damit erst recht in Ruhe, wenn ich in einem Meltdown oder Overload bin. Fragt auch nichts, bietet nichts an.

 

 

Zusammenfassend:

 

 

- Verschwindet.

 

 

Wenn sich der Meltdown gelegt hat, kommt meistens eine Phase der Apathie. Auch in dieser Phase gilt: Lasst mich in Ruhe. Nur wenn ich auf euch zukomme, ist das genehm. Ich brauche dann Ruhe, Dunkelheit und vielleicht eine repetitive, schlichte Tätigkeit. Beginnt mit mir kein Gespräch! Mein System ist in dem Zustand komplett heruntergefahren, ich habe dann keine Worte mehr, nichts mehr kann ich versprachlichen. Lärm ist dann wie eine Folter. Schaut mich auch nicht an, fasst mich nicht an.

So oft behaupten viele Nicht-Autisten, sie wären empathisch, könnten sich somit in den anderen einfühlen, wären so taktvoll, höflich und achtsam, aber liebe Nicht-Autisten, ihr bildet euch ganz schön viel ein.
In den meisten Fällen habe ich es erlebt, dass Nicht-Autisten weder achtsam, noch empathisch sind.

 

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Der ewige Wanderer

Mein Leben fühlt sich an wie eine Reise. Ich treffe hie und da auf Gruppen, doch ich bleibe nicht dort, ich bin nur ein Gast an diesem Ort. Ich spüre, dass es nicht das ist, was ich mir vorstelle. Andererseits verweilen auch die anderen nicht lange bei mir. Es gibt in meinem Leben wenig, was sie selbst suchen. Ich kann nicht ablenkend für sie sein; ich kann auch nicht spannend für sie sein. Meistens möchte ich schlicht nur irgendwo sitzen oder meine Arbeit tätigen. Ich möchte gar nicht mit ihnen über etwas Belangloses sprechen. Für sie heißt es, Entspannung zu erfahren, sich mit anderen auszutauschen, ich halte mich lieber zurück. Was sollte ich erzählen? Alles, worüber ich nachdenke, ist sehr intim. Ich spreche nicht darüber, dass die Sonne scheint. Ich spreche nicht darüber, dass es kalt geworden ist.
Meine Assoziation ist eher absonderlich. Wenn einer sagt: „Es ist kalt geworden“, dann denke ich: Ja, manchmal wird es im Inneren kalt und es bedarf viel Wärme, um dies wieder rückgängig zu machen, um wieder zu erwärmen, aufzutauen. Und schlussendlich kann das sehr schmerzhaft sein.
Aber die anderen meinen das Wetter und ich meine mein Innenleben.
Es ist eine andersartige Seinsweise.
Wenn andere anfangen, zu pauschalisieren und alles schlecht zu machen, verfalle ich ins Schweigen. Ich signalisiere keine Aufmerksamkeit ihnen gegenüber. Ich schaue sie nicht an, ich reagiere nicht nonverbal, geschweige denn verbal. Ich weiß, dass sie das gerne möchten, damit sie sich wohl fühlen, aber dafür gibt es andere Menschen, die so ticken wie sie.
Ich bin zu scheu für diese Menschen. Extrovertierte fragen gerne viel: Was man so macht und ob man verheiratet sei; ob man Kinder habe; welche Ausbildung man gemacht habe; was man denn mal werden wolle usw. Warum fragen sie das? Es geht doch gar nicht um mich. Wenn ihr was erzählen wollt, macht das, aber nutzt mich nicht als Vorlage für eure verbalen Interessen. Ich weiß wohl, dass es ein „Abchecken“ ist, dennoch will ich manchmal sagen: „Es ist okay. Ich tue Dir nichts, ich bin keine Gefahr. Aber ich möchte Dir auch nichts „geben“, Dich nicht befriedigen.“
Und doch sag ich es nicht, es wäre zu absonderlich. Unbewusst würden sie es vielleicht verstehen aber sagte ich so etwas – ich müsste noch seltsamer wirken. Wirke ich seltsam? Ich weiß es nicht genau. Man wird mich gewiss betiteln mit solchen Wörtern wie: „Schüchtern“, „introvertiert“, „in sich gekehrt“ – das ist in Ordnung. Es ist für sie notwendig, zu kategorisieren.

Ich reise weiter. Manchmal bleibe ich sitzen auf einer Reise. Dann sitze ich dort in Natur und sitze nur … und wie ruhig ist alles, wie angenehm spüre ich den Wind auf meinem Gesicht. So könnte es bleiben. Wenn ich es realisieren könnte, dann bliebe ich sitzen, ewig, ewig … nimmer mehr zurück. Im Gespräch mit mir, ohne Lärm, oder Blabla, mit dem Blick auf Wald oder Wiese oder Bach.

 

 

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Beziehung zwischen zwei Aspies

Ich habe vor längerer Zeit eine Beziehung mit einem NA (Nicht-Autist) geführt. Nun habe ich eine Beziehung mit einem anderen Aspie. Das ist ein sehr großer Unterschied.

Endlich erlebe ich es, dass Gespräche in einer Beziehung klar und strukturiert sein können; ich den anderen nicht anschauen muss (tatsächlich schauen wir uns kaum an); die Treffen klar geregelt sind (vor unserem ersten Treffen haben wir das Meiste abgesprochen - z.B. wie wir uns begrüßen); die Haptik eine ganz andere und bessere ist; wir lange miteinander schweigen können; der andere sich genauso ruhig verhält wie ich; es kein Small-Talk gibt usw.

Unsere Basis ist sehr erwachsen und wir haben uns für Klartext entschieden: Keine verdeckten Botschaften, keine Doppelbotschaften etc.

Ich bin sehr froh darüber, dies erleben zu dürfen.

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Gewöhnung

Manchmal lese ich Beiträge von Menschen, die glauben, man gewöhne sich an etwas, wenn man es nur oft genug tut. Bei mir ist das nicht der Fall bzw. verschlimmert sich sogar:

 

- Seit über 30 Jahren schauen mich die Leute, mit denen ich zu tun habe, ständig an: Bei Gesprächen, bei Tätigkeiten, wenn ich rede, wenn sie reden – manche beugen sich sogar vor, als ob sie mein Gesicht erspähen wollen. Ich gewöhne mich nicht daran. Es ist mir immer unangenehm und manchmal ist es gar unerträglich und manchmal tut es mir sogar weh. Seit 30 Jahren passe ich mich daran an, dass die meisten Menschen in meiner Umgebung das Gucken nötig haben – ich habe mal eine Person darum gebeten, mich 5 Minuten beim Sprechen nicht anzusehen, es war ihr nicht möglich.

 

- Laute Geräusche: Seit 30 Jahren stört es mich, wenn jemand die Türen knallt, wenn jemand laut geht, laut redet, gar schreit, laut mit Geschirr klappert, pfeift, singt, irgendwelche sonstigen Geräusche macht. Ich habe mich nicht daran gewöhnt. Im Gegenteil, je öfter und langanhaltender es vorkommt, desto abartiger ist es mir.

 

- Nähe-Distanz-Verhältnis: Seit 30 Jahren habe ich ein anderes Nähe-Distanz-Verhältnis. Als Kind wollte ich schon nicht, dass mich irgendwelche Leute umarmen, anfassen, knuddeln etc. Seitdem ich selbst bestimmen kann, wer mich berührt, habe ich ständig das Bedürfnis, das Nähe-Distanz-Verhältnis bei Leuten zu ändern, neben denen ich sitze, stehe oder gehe.

 

Das liegt daran, dass ich Autist bin und dass ich in den aufgezählten Bereichen anders „ticke“. Das ist aber nicht nur bei Autisten so: Das Nähe-Distanz-Verhältnis ist z.B. bei Extrovertierten und Introvertierten ein anderes. Ebenso gibt es einige Hochsensible, die ähnlich auf Lautes, Buntes, Reizendes reagieren wie Autisten: Es ist zu viel.

 

Ich habe beschlossen, mich in einigen Bereich meines Lebens nicht mehr in ein Muster zwingen zu lassen. Gegen laute Geräusche gibt es Ohropax und beim Nähe-Distanz-Verhältnis kann ich darauf aufmerksam machen. Leute, die meinen, in meiner Wohnung laut sein zu müssen, bekommen keinen Zutritt mehr. Ich will nur noch bedachte, leise, angenehme Menschen in meine private Sphäre lassen.

 

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Das Meer

Ich liebe das Meer. Insbesondere die Brandung. Keine Welle ist wie die andere. Ich könnte und habe schon stundenlang darauf geschaut und hatte ein tiefes Gefühl des "es ist richtig". Wohlig fühlte ich mich.
Ich liebe die Natur. Wälder, Felder, aber besonders liebe ich das Meer. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Kind und Jugendliche oft am Meer war.

Man schaut darauf und schaut in die Weite, der Seewind geht, die Luft ist salzig, man hört das Rauschen. Und wenn man an dem richtigen Ort ist, kann man sogar Kilometer weit gehen, ohne dass jemand anderes präsent ist.

Vielleicht sieht man hie und dort ein paar Insulaner, aber die gehen dort auch nicht spazieren, weil sie einen Gesprächspartner suchen. Vielleicht ist ein Ort am Meer ein passender Ort für mich.

Egal welche Jahreszeit, egal welche Tageszeit, für mich ist Wasser immer faszinierend. Ich liebe das Meer, definitiv!

 

(Foto: Mittelmeer, Italien, Cervo)

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Overload

Ein Overload ist die Hölle.
Es gibt keine andere Beschreibung dafür.
Manchmal spürt man, dass er kurz bevorsteht: Dann breitet sich die Anspannung im ganzen Körper aus, die Wahrnehmung wird noch detaillierter, die Geräusche lauter, das Licht eindringlicher, greller. Worte anderer werden wie Messer, die schneidend sind, im Kopf Schmerzen auslösen.

Und dann ist er da. Überfällt den Körper und die Seele. Alles wird grässlich und schrill. Nur noch weg - fort - Sicherheit finden. Da sein, wo es dunkel ist, wo nichts spricht, wo kein Lärm herrscht. Jedes Gesicht wird grotesk und verzerrt, löst Schmerzen aus, schlimmer als sowieso schon.

Panik stellt sich ein. Bloß nicht inmitten der Menschenmasse umfallen! Bloß nicht noch Aufmerksamkeit auf sich ziehen! Bloß nicht in jemandem den Impuls anrühren, dass man angesprochen werden will oder gar berührt.

Und dann: Endlich - in Sicherheit. Gerade so hat man sich zurück in seine Wohnung geschleppt. Nichts ist mehr wichtig - nur hinlegen, nur überleben. Auf den Boden legen, atmen, nichts denken.
Manchmal gesellen sich starke Kopfschmerzen hinzu und eine undefinierbare Verzweiflung, eine Schwäche des Körpers, eine komplette Überforderung.
Manchmal hilft es, wenn man sich stereotypen Bewegungen hingibt, manchmal hilft nur: Abwarten. Atmen. Den Boden fühlen, auf dem man liegt.

Wie froh ist man dann, wenn niemand zugegen ist, wenn nur noch man selbst und die Dunkelheit und die Ruhe da sind. Die NT-Maske ist gefallen, es gibt nichts mehr, was diese aufrecht erhält. Nun ist man gänzlich festungslos.

Und irgendwann - langsam - langsam ... nach Stunden, geht es wieder. Empfindlich ist alles. Jede Regung ist langsam und eigentümlich. Aber man hat es hinter sich.

 

(Eine nun wieder hergestellte Vulkanierin)

 

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An manchen Tagen

An manchen Tagen wünsche ich mir, es gäbe einen Ort, an den ich mich für kurze Zeit beamen kann, um Ruhe zu haben. Dort wäre es sehr ruhig und reizarm. Es würden keine Autos fahren und generell wäre dort kein Mensch anzutreffen. Ich würde niemanden reden hören und nichts tun müssen, was angeblich so wichtig ist. Keiner käme und fragte: "Was ist mit Dir?" und ich würde nicht spüren, dass ich wieder irgendetwas Seltsames getan habe, wobei ich nicht weiß, was es genau ist. Ich müsste mich nicht in einen vollbesetzten Zug quetschen und Panik unterdrücken; ich müsste nicht sprechen oder jemanden anschauen. Ich dürfte einfach nur da sein und die Wolken anschauen oder das Gras, welches sich im Wind bewegt. Stunden um Stunden könnte ich dort einfach sitzen, liegen, stehen und schauen, was um mich herum passiert, ohne die ständige, immer präsente Obacht-Haltung, ob nicht doch irgendwo ein Mensch ist und gleich anfängt, zu reden oder irgendetwas zu tun.

 

Ja, ich spüre eine große und tiefe Sehnsucht in mir, die immer wieder fragt: Gibt es denn auf dieser Erde keinen Ort für mich, an dem ich sein kann, was und wer ich bin?


An manchen Tagen ist es einfach zu viel. Und ich habe das Gefühl: Je älter ich werde, desto stärker wird diese Sehnsucht, sich raus zu nehmen aus der Gesellschaft, nicht mehr zu kämpfen. Die Uniform "an den Nagel" hängen und sagen: "Okay, ich hab's versucht, aber so kann ich nicht mehr leben!"

 

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Mein psychisches Grundbedürfnis

Mein stärkstes psychisches Grundbedürfnis ist das Alleinseinkönnen. Habe ich nicht die Möglichkeit, mich regelmäßig im privaten Bereich zurückzuziehen, gerate ich in starken Stress und kann krank werden.

Diese Erkenntnis war immens wichtig, um herauszufinden, warum es mir in manchen Lebensphasen sehr schlecht ging. Ich höre manchmal mit, wie andere den Ratschlag geben: "Du musst raus gehen unter Leute, Dich ablenken."
Aber beides wäre für mich genau das Falsche. Weder sollte ich dann hinaus und unter Leute gehen, noch gar mich ablenken. Solche Ratschläge gibt man mir zum Glück nicht.

Es ist doch interessant, dass sich manche Menschen lieber von sich abwenden als sich dem eigenen Inneren zuzuwenden.

 

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Das Gerüst - mein Kartenhaus

Grundsätzlich ist fast alles geplant. Die meisten Risiken, Veränderungen sind bedacht. Wenn ein Elefant vom Himmel fallen sollte: Ich bin bereit. Es würde mich nicht überraschen. Auch weitestgehend unlogische Ereignisse werden in Betracht gezogen.

 

Mein Gerüst ist aufgebaut. Ich weiß, was ich zu tun habe; ich weiß zum Großteil, was die Leute in meiner unmittelbaren Nähe tun werden; ich weiß, welcher Weg der kürzeste, welcher der angenehmste, welcher der längste ist, wenn ich an einen Ort möchte.

Ich weiß, an welchem Tag und zu welchen Wetterbedingungen mein Lieblingssee aufsuchbar ist, ohne dass mir mehr als 2 bis 3 Menschen begegnen.

 

Ich kenne weitestgehend die besten Einkaufszeiten, die besten Zugfahrzeiten. Die Städte, in denen ich länger war, kann ich im Kopf abwandern.

 

Ich weiß, wie penetrant Menschen sein können und auf welche unverschämten Fragen ich mich einstellen muss. Ich weiß, dass sie meine Privatsphäre nicht akzeptieren und dass sie nicht lange ruhig sein können.

 

Das ist mein Gerüst. Wenn ein Ereignis bevorsteht, dann werden Möglichkeiten, Wege, Situationen im Kopf konstruiert, bis es mein "Okay" bekommt. Das kann etwas dauern. Ich konstruiere ein Kartenhaus, welches so perfekt ist, wie es zu dem Zeitpunkt möglich ist. Verbesserungen können immer getätigt werden, das ist eine Erfahrungssache.

 

Fragst Du mich: "Willst Du morgen mit mir Fahrrad fahren?"

Dann muss ich das erst überprüfen und einfügen oder nicht einfügen. Es sei denn, ich habe bereits in Betracht gezogen, mit Dir Fahrrad zu fahren oder ich habe generell einige Freistunden in Betracht gezogen, die mir zur Verfügung stehen und auch Sozialkontakt beinhalten können.

Wenn Du mich dies fragst, dann brauche ich Zeit, um das zu bedenken.

Ich muss es in mein Kartenhaus einfügen.

Es sei denn, es ist ausgeschlossen, dann erhältst Du sogleich eine Verneinung.

 

-------

 

Und wenn ich mein Gerüst/mein Kartenhaus nicht habe?

Dann kann ich nichts, bis ich es habe.

 

Verlange von mir nicht, "spontan" zu sein.

Erwarte nicht von mir, dass ich das aufgebe, dann hast Du nur noch mit einem Nicht-Zurecht-Kommenden zu tun.

Erwarte nicht von mir, dass ich bin wie Du.

Ich erwarte von Dir auch nicht, dass Du aufhörst, über Small-Talk-Themen nachzudenken.

 

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Wenn die Umstände passen ...

Wenn die Umstände passen, geht es mir richtig gut.
Wenn kein Lärm da ist; wenn kein Small-Talk verlangt wird; wenn ich nur für mich sein darf in dem, was ich bin und benötige, ist alles gut. Wenn ich mir nur selbst sehr nahe bin, dann brauche ich keine Ablenkung, keine Bespaßung, keine Unterhaltung.
„Ruhe“ ist Grundbedürfnis. Ist dieses Grundbedürfnis befriedigt, geht es mir gut, Energie ist vorhanden, ich kann viel leisten, viel klarer sehen.
In der Natur zu sein verschafft mir viel innere Ausdehnung. Die Natur ist spannend und ich schaue mir an, was ich sehe und erfreue mich daran, was ich sehe. Ich weiß doch nicht, wann ich sterben werde. Die freie Zeit, die ich habe, möchte ich sodenn nutzen für die Dinge, die mich erfüllen, nicht für gesellschaftliche Zwänge und Erwartungen.

Oft spüre ich die innere Anspannung und Anstrengung, die ich unter Menschen empfinde; kontrastreich spüre ich dann auch die Befreiung, die ich innerlich empfinde, wenn ich wieder alleine sein darf.
Mir reicht das doch. Mehr brauche ich nicht.
Viele Menschen denken, man müsste oder sollte irgendetwas ersichtlich Spannendes machen. Sie fragen:
„Was machst Du?“ Ich schaue die Bäume an, wie sich die Zweige im Wind bewegen.
„Was machst Du?“ Ich laufe von A nach B und von B nach A usw., bis es dunkel wird oder ich müde bin.
„Was machst Du?“ Ich frage mich, warum ein Flugzeug fliegen kann.

Das reicht mir doch an „machen“. Wie angenehm ist es, von A nach B zu laufen. Ich habe es schon in dem Eintrag „Das Ablaufen“ geschildert. Es ist wie ein Rhythmus. Hin und her. Hin und her. Als ob sich dadurch Informationen besser verarbeiten lassen. Es fühlt sich physisch korrekt an.

Wenn die Umstände passen, geht es mir richtig gut. Wenn der Mensch herausgefunden hat, welche subjektiven Bedürfnisse er hat, dann kann er diese Umstände herbeiführen. Ich befürwore es übrigens ebenfalls, die belastenden oder so genannten "negativen" Gefühle zuzulassen, und sich nicht abzulenken. Alles, was "zu sich selbst führt", so möchte ich es ausdrücken, ist zu befürworten.

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Lärm

"Lärm" war und ist für mich ein großes Thema.

Die meisten Menschen in meiner Umgebung sind nicht fähig, ruhig zu sein, sich leise zu bewegen oder, um es allgemein zu sagen: Sie müssen sich stets und überall durch Lärm bemerkbar machen.

 

Ruhe ist eines meiner psychischen Grundbedürfnisse. Achte ich nicht darauf, dass ich genug Ruhe bekomme, stehe ich irgendwann massiv unter negativem Stress oder empfinde Reizüberflutungen und Überladung. Wird es ganz arg, so nenne ich den Zustand "Error-Zustand", aber darauf möchte ich gesondert in einem anderen Blogartikel eingehen.

 

An manchen Tagen ist bereits das Reden eines Menschen zu viel an Lärm. Es tut mir, wie das "in die Augen schauen" physisch weh, ich empfinde Schmerzen. Ich habe es noch nicht erlebt, dass jemand, der kein Autist ist, dies versteht.

Ich verlange auch nicht das Verstehen, ich appelliere nur an ein wenig Achtsamkeit.

Es reichte mir schon, wenn jemand nicht all zu viel smalltalkt.

 

Auch hier empfinde ich Reden als etwas, was nur eine zeitlang getätigt werden sollte beziehungsweise eine gewisse Quantität haben darf. Irgendwann empfinde ich dann "Überdruss" - es war zu viel, es war zu laut. Tritt diese Empfindung des Überdrusses ein, dann ist es für mich an der Zeit, mich in Ruhe zu begeben.

 

Ich habe noch nicht herausgefunden, warum es viele Menschen laut brauchen, weshalb sie sich auch nonverbal kundtun müssen. Es kann nicht nur daran liegen, dass manche Menschen eher extrovertiert sind, es muss bei vielen eine Art Grundbedürfnis sein, so wie es für mich ein Grundbedürfnis ist, still zu sein - der Unterschied ist nur, dass meine Stille nicht weh tut und nicht den Fokus auf andere legt.

 

Lärmende Menschen scheinen nach außen an andere Menschen damit gehen zu müssen, wenn ich das so verständlich machen kann: Sie lärmen, um Widerhall von anderen zu erhalten, damit ist ihre Art und Weise des Lärmens ein gewisser Austausch. Wiederholt geht es hier eventuell um das Herdentierverhalten.

Sie brauchen dann andere. Ich brauche sie nicht. Wieder treffen wir uns nicht.

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Das Ablaufen

Ich nenne es "Das Ablaufen".

Ablaufen bedeutet in meiner Welt folgendes: Ein mir unbekannter Ort (z.B. Stadt), eine unbekannte Institution (z.B. Universität) wird sehr oft und regelmäßig in fast jeder Hinsicht betrachtet, gescannt, abgespeichert.

Wenn ich in eine neue Stadt ziehe, dann gehe ich täglich um eine gewisse Zeit - meistens abends - die Straßen ab. Ich erweitere dann fast täglich den Radius, bis ich das Gefühl habe, den Ort gut genug zu kennen, dann kann sich das Ablaufen auch auf den Umkreis der Stadt beziehen.

 

Mir ist es besonders wichtig, die Struktur zu kennen. Am liebsten würde ich genau wissen, zu welcher Uhrzeit, an welchem Tag wie viele Menschen in einem bestimmten Laden einkaufen gehen.

 

Mir ist erst später aufgefallen, dass ich schon seit meiner Kindheit "ablaufe". Die erste bewusste Erinnerung habe ich von meiner Grundschulzeit, in der ich in den Pausen immer am Rand des Schulhofes entlang ging, um mir einen Überblick zu verschaffen und/oder etwas zu tätigen, was repetitiv ist.

 

Solange ich einen Ort oder eine Einrichtung nicht abgelaufen bin, so lange kommt sie mir beängstigend und unkontrollierbar vor. Ich habe es schon erlebt, dass ich besser über eine Stadt Bescheid wusste als die Einwohner.

 

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Die Augen

Es ist für mich schmerzhaft, direkt in die Augen zu schauen. Meistens verwandelt sich mein Blick in einen "hindurch sehen"-Blick oder mein Blick fokussiert sich auf die Nasenwurzel. Ich probiere es manchmal, jemanden direkt anzusehen aber es ist mir sehr unangenehm bis schmerzhaft.

Dabei muss während eines Gespräches auch noch daran gedacht werden, in die Augen des anderen zu schauen. Besonders bei Bewerbungsgesprächen löst das große Anspannung in mir aus.

 

Augen haben teils etwas Eigenartiges an sich, sie können alienhaft sein oder stierend oder schleiereulenartig.

Es ist mir nicht möglich, die Augen oder das Gesicht einer nicht anwesenden Person vor meinem inneren Auge zu sehen.

Daher kenne ich auch keine Augenfarben, wenn ich sie nicht bewusst gelernt habe.

 

Am liebsten ist es mir, wenn ich meine Augen schließen darf, besonders in Gesprächen. Dann lenkt mich nichts ab. Manchmal reicht auch eine neutrale Fläche, auf die ich blicken kann, eine weiße oder dunkle Wand zum Beispiel.

 

 

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Der Neurotypische

Ich langweile nun niemanden damit, wie mein Leben als Kind war oder wann ich feststellte, dass ich "anders" bin oder andere dies feststellten.

 

Mein erster Blogeintrag gilt dem Neurotypischen. Es ist ein kurzer Abriss, denn in Zukunft werde ich einzelne Aspekte, die ich hier bereits erwähne, aufgreifen, um sie noch genauer darzustellen. Ein Neurotypischer gilt bei vielen Autisten als einer, der Nicht-Autist ist. Die Abkürzung lautet: NT. Ich werde im Folgenden teils diese Abkürzung nutzen.

 

Der NT ist für mich einerseits etwas Faszinierendes. Er ist primär Herdentier und Smalltalker. Das, was er an Zusammensein mit anderen braucht, brauche ich in Einsamkeit. Man könnte sagen, dass mein psychisches Grundbedürfnis ein anderes ist als seines.

Gewiss gibt es Neurotypische, die ebenfalls gerne oft alleine sind, aber ich gehe hier von jenem aus, der sich gerne in eine Gruppe integriert - ja, der es muss, damit sein psychisches Grundbedürfnis befriedigt wird.

 

Ein großes Beschäftigungsfeld ist das Smalltalken. Smalltalk bedeutet: Der Austausch grunsätzlich unsinniger Dinge, die aber wohl ausgetauscht werden, um immer wieder ein Gemeinschaftsgefühl zu bestätigen.

Ich habe Neurotypische gefragt. Es geht teils darum, dass man schaut, wie "der andere drauf ist". Was er für eine Person ist, welche Meinungen er hat, ob er evtl. eine Gefahr darstellt.

 

Immer wieder lese und höre ich auch, dass sich Neurotypische gut in andere hineinversetzen können. Das ist ein Irrtum. Sie können sich nur in sich selbst hineinversetzen und agieren dann so, wie sie gerne behandelt werden wollen.

 

Beispiele:

 

- Einem, der sich von der Gruppe bewusst absondert, nähern sie sich, weil sie glauben, dass er Gesellschaft sucht.

- Jemandem, der bewusst nicht viel spricht, stellen sie sehr viele Fragen, weil sie meinen, dass er eigentlich reden wolle.

- Trotz ausdrücklicher Bitte der Unterlassung umarmen sie jemanden, weil sie meinen, dass er es nicht so meint bzw. noch schlimmer: Weil sie gerade umarmt werden wollen.

 

Andererseits habe ich oft beobachtet, dass zwei oder mehr Personen sich so schnell gut verstehen, dass man meinen könnte, sie kennen sich seit Jahren. Ich weiß nicht, wie sie das machen.

 

Ich weiß auch nicht, wie sie fähig sind bzw. gar Freude daran finden können, in einer lauten, lärmenden, viele Menschen umfassenden Umgebung zu sein. Noch gestern sah ich eine Reportage über Burgen und Schlösser in Hessen.

Eine Aufnahme zeigte einen vollkommen von Menschen überladenen Platz.

Für mich ist so etwas nicht möglich.

Ich langweile nun niemanden damit, wie mein Leben als Kind war oder wann ich feststellte, dass ich "anders" bin oder andere dies feststellten.

 

Mein erster Blogeintrag gilt dem Neurotypischen. Es ist ein kurzer Abriss, denn in Zukunft werde ich einzelne Aspekte, die ich hier bereits erwähne, aufgreifen, um sie noch genauer darzustellen. Ein Neurotypischer gilt bei vielen Autisten als einer, der Nicht-Autist ist. Die Abkürzung lautet: NT. Ich werde im Folgenden teils diese Abkürzung nutzen.

 

Der NT ist für mich einerseits etwas Faszinierendes. Er ist primär Herdentier und Smalltalker. Das, was er an Zusammensein mit anderen braucht, brauche ich in Einsamkeit. Man könnte sagen, dass mein psychisches Grundbedürfnis ein anderes ist als seines.

Gewiss gibt es Neurotypische, die ebenfalls gerne oft alleine sind, aber ich gehe hier von jenem aus, der sich gerne in eine Gruppe integriert - ja, der es muss, damit sein psychisches Grundbedürfnis befriedigt wird.

 

Ein großes Beschäftigungsfeld ist das Smalltalken. Smalltalk bedeutet: Der Austausch grunsätzlich unsinniger Dinge, die aber wohl ausgetauscht werden, um immer wieder ein Gemeinschaftsgefühl zu bestätigen.

Ich habe Neurotypische gefragt. Es geht teils darum, dass man schaut, wie "der andere drauf ist". Was er für eine Person ist, welche Meinungen er hat, ob er evtl. eine Gefahr darstellt.

 

Immer wieder lese und höre ich auch, dass sich Neurotypische gut in andere hineinversetzen können. Das ist ein Irrtum. Sie können sich nur in sich selbst hineinversetzen und agieren dann so, wie sie gerne behandelt werden wollen.

 

Beispiele:

 

- Einem, der sich von der Gruppe bewusst absondert, nähern sie sich, weil sie glauben, dass er Gesellschaft sucht.

- Jemandem, der bewusst nicht viel spricht, stellen sie sehr viele Fragen, weil sie meinen, dass er eigentlich reden wolle.

- Trotz ausdrücklicher Bitte der Unterlassung umarmen sie jemanden, weil sie meinen, dass er es nicht so meint bzw. noch schlimmer: Weil sie gerade umarmt werden wollen.

 

Andererseits habe ich oft beobachtet, dass zwei oder mehr Personen sich so schnell gut verstehen, dass man meinen könnte, sie kennen sich seit Jahren. Ich weiß nicht, wie sie das machen.

 

Ich weiß auch nicht, wie sie fähig sind bzw. gar Freude daran finden können, in einer lauten, lärmenden, viele Menschen umfassenden Umgebung zu sein. Noch gestern sah ich eine Reportage über Burgen und Schlösser in Hessen.

Eine Aufnahme zeigte einen vollkommen von Menschen überladenen Platz.

Für mich ist so etwas nicht möglich.

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