Die Decke

Es ist nichts Besonderes, es ist mir nur aufgefallen:

Bislang habe ich zwei Kanner-Autisten kennen gelernt, die ebenso viel Wert auf die Benutzung einer Decke legen wie ich. Nicht, dass ich ständig mit einer Decke herumlaufe, das wäre ja sehr auffällig, aber grundsätzlich ist es so, dass ich, wenn ich bei mir zu Hause bin, gerne eine Decke um mich geschlungen habe.

Auf der Couch, am PC, im Bett.

Auf der Couch zu sitzen oder zu liegen ohne Decke löst meistens in mir aus, dass etwas fehlt. Genauso wie am PC.

Ich weiß nicht, womit das zu tun hat.

Auch die beiden Kanner-Autisten, die ich bislang kennen gelernt habe, mögen das sehr: Wenn sie auf einer Couch sitzen, wollen sie ihre Decke. Ohne diese, scheint ihnen etwas zu fehlen - sie fragen danach bzw. begeben sich in eine Art Warteposition.

Es hat auch nichts mit Wärme oder Kälte zu tun. Vielleicht ist es das Gefühl der Behaglichkeit, des Beschütztseins.

 

Seitdem ich mit Kanner-Autisten arbeite, wird mir immer wieder klar: Ich kann sie besser verstehen als die Neurotypischen. Ich habe mehr Probleme mit meinen neurotypischen Kollegen als mit den autistischen Bewohnern. Und vieles, was ich an Kanner-Autisten beobachte, kenne ich abgeschwächt von mir oder anderen Asperger-Autisten.

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Wie war Dein Urlaub?

Ich weiß ja, dass es Nicht-Autisten extrem wichtig ist, sowas zu fragen. Aus antrainierter Höflichkeit oder um Kontakt herzustellen oder um von ihrem Urlaub zu reden oder um einen Grund zu haben, mit Reden die Stille zu vertreiben oder weil es sie wirklich interessiert.

 

Ich frage sowas nicht. Ob Du im Urlaub warst oder nicht, ob Du dabei einen Selbsterfahrungstrip am Ende der Welt, auf Mallorca mit 100 anderen Leuten Yoga gemacht hast oder mit Haien geschwommen bist oder nur rumgelegen hast ... Dein Leben. Falls Du was erzählen willst, wirst Du das sowieso tun.

Das Einzige, was Kollegen, die aus dem Urlaub wiederkommen, von mir zu hören bekommen, ist vllt. das: "Hi. Willkommen zurück." Fertig. Und danach wird gearbeitet.

 

Die meisten Menschen, die ich kenne, wollen über ihren Urlaub sprechen.

Ich nicht.

Das, was ihr im Urlaub macht, ist selten das, was ich im Urlaub mache.

Das, worauf ihr euch freut, darauf freue ich mich nicht.

Das, was ihr unter "Urlaub" versteht, verstehe ich nicht darunter.

 

Beispiel:

Ich wurde gefragt, ob mein Urlaub "schön" gewesen sei.

Ich fragte zurück, was für die Person denn ein "schöner Urlaub" sei.

Für die Person ist das folgendes: Zeit haben, um zum Beispiel ein gutes Buch zu lesen.

Ich merkte an, dass ich dafür auch sonst Zeit genug hätte. (Mal ehrlich: Nicht-Autisten haben echt wenig Zeit für sowas, weil die meiste Zeit anscheinend für sozialen Austausch genutzt wird ... es ist für mich immer wieder faszinierend, dass NTs so wenig Zeit für sich haben)

Sie verneinte, dass sie dafür sonst Zeit habe. (Immer noch: Faszinierend!)

Wichtig sei ihr, einfach mal auszuspannen, sich auszuruhen.

 

Das, was sie gesagt hat, bestätigt das, was ich auch von anderen kenne: Urlaub ist die Zeit, in der nichts getan wird oder geputzt wird oder weggefahren wird oder sich mit Freunden getroffen wird. Sie haben den Anspruch, dass es ihnen im Urlaub "gut" geht. Gut bedeutet: Nicht traurig oder nicht wütend oder nicht nachdenklich.

 

Tja, was habe ich denn gemacht im Urlaub?

Mir ging es teilweise ziemlich dreckig. Ich habe Therapie gemacht; mein Familiensystem weiter analysiert; mein Projekt Freiheit weiter verfolgt; mich mit unterschiedlichen Süchten in mir auseinander gesetzt. Ich habe den Eindruck, dass das nicht unbedingt das ist, was Nicht-Autisten tun. Und ich würde das den Kollegen auch so nicht erzählen, sonst würde ich wieder als "spooky" gelten oder sowas.

 

Achja, zwei Bücher habe ich aber auch gelesen: Eines über Narzissmus (zwecks Systemanalyse) und eines zum Thema Einnahmen-Überschuss-Rechnung. Auch dahingehend habe ich den Eindruck, dass Nicht-Autisten sowas nur lesen, wenn sie müssen. So wie sie "Lernen" vor allem als Zwang ansehen und als Anstrengung.

 

Ihr seid echt faszinierend! (Keine Ironie)

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Muttertag - An alle Eltern: Danke für alles.

(Vorsicht: Wer glaubt, dass das jetzt eine Hommage an alle lieben Eltern ist, irrt)

 

Letzte Woche war Muttertag.

Als ich an dem Tag im Internet surfte, stieß ich auf folgende Zeile:

 

An alle Eltern: Danke für alles.

 

Das löst in mir ähnliche Gedanken und Gefühle aus, wie der Quatsch "Jesus hat Dich lieb".

Ich möchte euch beschreiben, was das in mir auslöst und warum dieser Satz, den ich am Muttertag gelesen habe, Verrat an sich selbst ist.

 

Der Reihe nach:

a) Was sagt dieser Satz aus? "An alle Eltern" - also alle Eltern. Nicht irgendwer, nicht manche, nicht einige, sondern alle ... Ich nehme mal an, dass "Eltern" die Personen sind, die ein Kind großgezogen haben bzw. verantwortlich für ein Kind waren oder sind, die ein Kind geboren haben oder mit ihrem Samen die Eizelle befruchtet haben. Nehmen wir auch noch die mit ins Boot, die vllt. ein Kind adoptiert haben.

 

b) Danke für alles. Für alles. Nicht für irgendwas oder manches oder einiges, sondern für alles. Egal, was es ist - alles. Jede Handlung, jede verbale und nonverbale Aussage, jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Regel etc. etc. etc.

 

Vielleicht sehen schon ein paar von euch, worauf ich hinaus will.

 

Die, die diesen Satz geschrieben haben, sagen also danke an meine leiblichen Eltern für alles, was diese getan, gesagt, gedacht, gefühlt haben.

Sie sagen also danke an meine leiblichen Eltern,

 

  • dass sie mich geschlagen haben.
  • dass sie mich manipuliert haben.
  • dass sie mich ignoriert haben.
  • dass sie mich gezwungen haben, zu fühlen, was sie wollen.
  • dass sie mich gezwungen haben, nicht zu fühlen, was sie nicht wollen.
  • dass ich nicht vital sein durfte.
  • dass ich sie nie wirklich fassen konnte.
  • dass sie gesoffen haben.
  • dass sie nicht zugehört haben.
  • dass sie mir gedroht haben, mich wegzugeben.
  • dass sie sich blind gestellt haben vor Tatsachen, Leid, Suizidimpulsen, Depressionen, Ängsten, Verzweiflung, Schreie, Hass, Wut, Gegenwehr, Trauer.
  • dass sie mich ausgelacht haben.
  • dass sie mich als Systemmüllhalde nutzten.
  • dass sie mich nicht geliebt haben.
  • dass ich immer ein perfektes Bild abgeben musste.
  • dass ich mich verloren habe.
  • dass ich denke, ich müsste ständig Leistung bringen, um in irgendeiner Form gemocht zu werden.
  • dass sie mich nicht verstehen.
  • dass ich mich ständig abwerte, wenn ich etwas nicht schaffe.
  • dass Teile in mir sich selbst hassen.
  • dass sie mir einen bösen Geist austreiben wollten, wenn ich wütend war.
  • dass sie meine Geschwister kaputt gemacht haben.
  • (...)

 

 

Vor ein paar Jahren noch hätte ich an dem gezweifelt, was ich aufgelistet habe, weil das System, in dem ich aufgewachsen bin, alles verschleiert, verneint, leugnet und umgestaltet. Es war sowohl vonseiten der Familie als auch vonseiten der Konfession, in der ich großwerden musste, eine Art Todsünde, seine Eltern mit dieser Art von Tatsachen zu begegnen.

So etwas musste verdrängt werden.

Ich habe das 30 Jahre lang verschleiert.

Nun ist es an der Zeit, dass die Teile in mir, die 30 Jahre lang schweigen mussten, zu Wort kommen dürfen, fühlen dürfen, hassen dürfen.

 

Und komm mir jetzt nicht mit dem Vergebungs-Geschwurbel. Wenn nicht gefühlt werden darf, was da ist, ist Vergebung gar nicht möglich. Und wenn gefühlt werden darf, was da ist, dann ist ein Akt der Vergebung vllt. gar nicht mehr notwendig.

 

"An alle Eltern: Danke für alles."

Das ist Verrat an sich selbst in meiner Welt.

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Wo ist die Milch?

Asperger-Autisten wird nachgesagt, dass sie Veränderungen nicht mögen. Das ist pauschal ausgedrückt. Aus meiner Sicht kommt es darauf an, um welche Veränderungen es geht.

Ich habe schon mehrfach meinen Job gewechselt. Aus dem schlichten Grund, dass ich mich a) schlecht damit fühlte, b) zu wenig Geld verdiente, c) oder Geld verdienen musste, weil ich studierte oder mich weiterbildete. Mich interessieren Optimierungen.

 

Seit einiger Zeit handhabe ich das so:

Zu Beginn steht, dass ich mich nicht wohl fühle. Dann frage ich mich, was gegeben sein müsste, damit ich mich wohl fühle. Und dann schaue ich, wie ich das realisieren kann.

Vor über einem halben Jahr habe ich endlich eine Wohnung gefunden, in der ich mich wohl fühlen kann: Sie ist groß und sie ist – was das wichtigste ist – sehr ruhig gelegen. Als Asperger-Autist brauche ich sehr viel Ruhe. Wenn ich in meinem Privatleben Lärm um mich habe, werde ich verrückt oder neige zu Selbstverletzungen in Kombination mit einem Overload.

 

Das sind für viele Menschen, die ich kenne, große Veränderungen: Neuer Job, neue Wohnung. Für mich sind es notwendige Optimierungen, um überleben und letztendlich angenehm leben zu können. Die lärmende Welt der Neurotypischen macht mich krank, also muss ich mich davor schützen.

 

Und jetzt kommen Neurotypische, die angeblich so gut mit Veränderung umgehen können. Habe ich schon oft von ihnen gehört: „Ich habe üüüberhaupt kein Problem mit Veränderung.“

Was verändern die denn?

Ich beobachte das schon sehr, sehr lange: Sie verändern sehr viel. Sie verändern ständig. Aber das, was sie verändern, ist für mich eine Scheinveränderung.

Dafür möchte ich drei Felder beleuchten:

 

1.       Einzelhandel:

 

Ich schaue nicht nur aus Sicht des Kunden darauf, sondern auch als Angestellte, da ich früher im Einzelhandel gearbeitet habe. Im Einzelhandel wird permanent etwas verändert. Plötzlich liegt der Käse in einem anderen Fach. Plötzlich sind komplette Regale umgeräumt. Heute Morgen stand in dem Markt, in dem ich einkaufen gehe, die Milch-Palette circa vier Meter von ihrem eigentlichen Platz entfernt (Wo zur Hölle ist die Milch??). Warum? Es war mir nicht ersichtlich. Das sehe ich als Kunde und das kann in gestressten Situationen dazu führen, dass ich leise fluchend durch die Gänge gehe oder den Markt verlasse.

Als ich im Einzelhandel gearbeitet habe, habe ich solche Veränderungen direkt miterlebt. Teils wusste ich als Mitarbeiter gar nicht mehr, wo irgendetwas stand. Anscheinend brauchen viele andere Menschen eine Form von Bewegung – es wird nicht anhand einer logischen Struktur entschieden. Es ist ein „ach ja, das könnten wir eigentlich mal da hinstellen“. Als ob sie sich Bewegung in ihrem Leben vorgaukeln müssten.

 

2.       Beruf:

 

Im Job habe ich es öfter erlebt, dass auch dort Veränderungen vorgenommen werden, die auf mich nicht den Eindruck machten, dass sie zur Optimierung getroffen wurden. Büros werden verändert, Sitzgruppen umgestaltet, Fenster beklebt, Bücherregale neu sortiert … wahhh …

 

3.       Privat:

 

Ich habe mir vor ein paar Tagen endlich ein E-Piano gekauft. Das war seit vielen Jahren ein großer, großer Wunsch. Das ist für mich eine große Veränderung, denn nun steht das da. Ich liebe es aber es steht da. Und da es da so steht, wo vorher nichts stand, muss es erst einmal integriert werden. Das heißt: Immer wieder, wenn ich daran vorbei gehe, schmunzle ich zwar, schaue aber auch skeptisch. Das steht da jetzt und das bleibt da auch stehen, das ist der ausgesuchte Platz, das ist der optimalste Platz.

So ähnlich wie mit meiner Couch, die ich vor ein paar Monaten kaufte: Die ist schon integriert. Die steht da und die bleibt da stehen. Da liegen Kissen drauf und die bleiben da auch liegen.

 

Anders bei vielen anderen Menschen:

 

Da wird umgeräumt, Farben werden verändert, es wird geschoben, verrückt, verdreht … Hauptsache. Bilder hängen an irgendwelchen Wänden, ihre Position wird verändert, das Bild wird verändert. Gardinen werden verschoben, eingefärbt, neu gekauft. Ich habe Vorhänge vor meiner Terrassentür: Die habe ich mir ausgesucht und fertig. Die bleiben da hängen. Die gefallen mir, das habe ich gut überlegt und so bleibt es auch. Die werden da so lange hängen, wie ich hier wohne – es sei denn, sie nehmen irgendeinen Schaden, aber selbst wenn: Ich weiß ja, wo ich sie bestellt habe, dann bestelle ich sie nochmal.

 

Interessant ist für mich an all dem:

Viele andere Menschen nehmen solche Veränderungen vor, aber vor einschneidenden, lebensumgestaltenden Veränderungen schrecken sie zurück. Ich habe den Verdacht:

Sie verändern nur in dem kleinen Bereich, der in ihnen keine Angst auslöst. Die Bereiche, die in ihnen Angst auslösen wie: Ein neuer Job, Umzug, eine neue Stadt (um dort z.B. zu arbeiten) etc. nehmen sie nicht vor. Und vielleicht bedingt sich das gegenseitig: Ich bin sicher, dass viele Menschen, die z.B. mit ihrem Job nicht zufrieden sind, gerne etwas verändern würden aber zu viel Angst haben; um sich aber vorzugaukeln, es gäbe doch Veränderung in ihrem Leben, kaufen sie sich neue Sachen, werkeln sie an irgendetwas herum, schieben ihre Sofas von einem Raum in den nächsten, kaufen sich permanent neue Kleidung, neue Kissenbezüge, neue Wandverschönerungen, neue Schubladenknäufe, zwanzig Paar Schuhe …

 

Veränderung ist mir sehr wichtig, wenn sie zur Lebenszufriedenheit beiträgt. Optimierung ist mir sehr wichtig.

Aber meine Form der Veränderung bedeutet auch, dass viele Ängste in mir aufsteigen. Eine Milch-Palette von a nach b zu schieben, löst in mir keine Angst aus.

Aber sowas zu tun ist ja auch leichter, als sich die Fragen zu stellen, die ich mir in der Vergangenheit schon oft gestellt habe:

 

So wie ich lebe und was ich erreicht habe – soll das alles sein?

Was will ich eigentlich?

Und für mich immer wieder eine wichtige Frage: Wenn ich irgendwann sterbe, bin ich dann zufrieden mit meinem vergangenen Leben? Oder bereue ich, dass ich xy nicht wenigstens versucht habe?

 

Ich habe auch (versteckte) Scheinveränderungen hinter mir, insbesondere im beruflichen Bereich. Meine Eltern haben mir als Kind vermittelt, dass ich beruflich nicht erfolgreich sein darf. Das habe ich abgespeichert, wie jedes Kind vieles abspeichert und als Erwachsener nach diesen (unbewussten) Mustern lebt. Ich habe das erkannt und beschlossen, diese Muster zu beheben. Das löst sehr viel Angst aus.

Deshalb weiß ich, dass richtige, einschneidende Veränderungen Gefühle auslösen, die erst einmal wirklich, wirklich schrecklich sind.

Wenn ich sehe, dass jemand mit fahrigen, hektischen Handlungen versucht, Veränderung herbeizuführen und sich damit selbst belügt, finde ich das sehr bedauerlich. Das wirkt auf mich dann, als ob ein Kind versucht, seine bedrückende und schreckliche Situation zu verschönern … aber das ist in meiner Welt keine zur Lebenszufriedenheit führende Veränderung.

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Kranker Teil des Systems

Stellen wir uns einen Kompost vor, der irgendwo im Garten herumsteht: Dort wird allerlei Zeug reingeworfen. Alles, was kompostierbar ist: Gartenabfälle oder auch Essensreste. Das wird da gesammelt.

So ähnlich läuft das in Familiensystemen ab. In der Psychologie wird eine Familie oft als „System“ angesehen, in dem alle Teile zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen.

Gefühle, Eigenschaften, Denkmuster, die nicht gewollt sind, die weg sollen, die einzelne im System bei sich nicht sehen, wahrnehmen und erleben wollen, werden auf jemanden drauf gestapelt und so fungiert derjenige als „kranker Teil des Systems“. Das ist praktisch, denn dann muss sich derjenige, der da was drauf wirft, nicht mehr damit beschäftigen, er gibt es also an jemanden weiter.

 

Das kann alles Mögliche sein:

Gefühle

Verrücktheiten

Überzeugungen

Und vieles mehr.

 

Ich war lange Zeit ein kranker Teil meines Familiensystems. Und in manchen Bereichen bin ich das noch.

Vor einiger Zeit habe ich festgestellt, dass die Verrücktheit, die mir seit meiner Kindheit nachgesagt wurde, gar nicht meine Verrücktheit ist. Diejenigen, die mir das übertragen haben, wollen sich ihre eigene Verrücktheit nicht anschauen. Sie haben sie an mich delegiert. Ich sollte stellvertretend für sie verrückt werden/sein, damit sie sich gesund fühlen. Und ich, die ich als Kompost diente und diene (bewusst der Begriff: dienen), habe diese Rolle eingenommen, um überhaupt eine Rolle zu haben, um leben zu dürfen. Ohne diese Rolle hätte ich in dem System nicht überlebt.

 

Das ist ein System, in dem Kinder nicht akzeptiert werden, wie sie sind. Sie sollen für etwas gut sein: als Trost oder Sündenbrock oder Retter der Eltern, als Unterstützer, als Sinngeber, als Abladeplatz und vieles mehr. Leider habe ich bislang kein Familiensystem kennen gelernt, in dem das anders ist.

 

Dieses Familiensystem wurde dort weitergeführt, wo ich gelandet bin, als ich suizidal war und Alkoholmissbrauch betrieb: In Kliniken.

 

Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass ein „kranker“ Mensch nur geheilt werden muss, damit das Familiensystem wieder gesund ist (im System ist der Mensch krank geworden und krank ist letztendlich das System).

Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass nur der Mensch Hilfe und Behandlung braucht, der die Symptome zeigt.

Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass er gesund bleibt, wenn er in das kranke System zurückkehrt.

 

Für ein System ist es äußerst praktisch (wie bei der Kompostiererei), einen Verrückten oder Sündenbock oder ein schwarzes Schaf zu haben: Dann braucht man sich gar nicht mit seinen Problemen beschäftigen; dann kann man alle Energie darauf verwenden, diesem „Kranken“ zu helfen, über ihn zu reden, zu beratschlagen usw.

Damit kann man sich sehr lange und sehr intensiv beschäftigen, dass ja nicht der Verdacht aufkommt, dass die Kompost-Scheiße vielleicht einem selbst gehört.

 

Ich bin sehr traurig darüber, wenn ich darauf schaue, dass ich als Müllablade-Platz diente. Das hat kein Kind verdient.

Mein Job ist, mich selbst freizuschaufeln. Und wer mal einen Gartenkompost entmistet hat, weiß, was das für eine Arbeit ist. Und dann bedenke, dass dieser Kompost schon jahrzehntelang unentleert da herumsteht und zugemistet wurde.

Der größte Schmerz sitzt für mich in dieser Aussage: Anstatt Kompost zu sein, hätte ich als Kind auch geliebt werden können. Anstatt Kind sein zu dürfen, war ich der Komposthaufen der Familie.

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Jeder ist anders

Ich habe mich vorhin mal wieder mit einem meiner Spezialinteressen beschäftigt. „Andersartigkeiten“ oder das, was die Psychologie „psychiatrische Erkrankungen/Störungsbilder“ nennt. Ich nenne das „Andersartigkeiten“. Mich interessieren Andersartigkeiten. Da kann ich mir stundenlang Reportagen über diese und jene Art anschauen oder in Büchern rumblättern. Heute schaute ich mir neben einigen anderen Interviews auch Interviews mit Asperger-Autisten an.

 

Und da ist mir mal wieder in den Kommentaren aufgefallen, dass die NTs ihre Floskeln runterleiern:

„Jeder ist anders“

„Ich mag auch keine Menschenmassen“

„Ich gehe auch nicht gern zu Behörden“ usw.

 

Ich habe schon länger im Verborgenen darüber nachgedacht, weshalb es vielen NTs so wichtig ist, auch anders zu sein. Dann habe ich mal ein wenig beobachtet.

 

Die NTs sind plötzlich, wenn ich sage, dass ich lichtempfindlich bin, auch lichtempfindlich.

Interessant ist allerdings, dass ich permanent beobachte, dass die allermeisten NTs, wenn ich eine Sonnenbrille trage, keine tragen.

 

Wenn ich sage, dass ich keinen Lärm mag, mögen sie auch keinen Lärm.

Interessant ist allerdings, dass bei ihnen ständig das Radio, der Fernseher läuft, als „Berieselung“ (Zitat). Ich habe mal jemanden kennen gelernt, der in Sachen „Reden“ alles getoppt hat, was ich zuvor kannte: Der hatte allen Ernstes ein Tattoo auf seinem Oberarm mit der Aussage „Enjoy the silence“.

 

Wenn ich sage, ich mag keinen Smalltalk, mögen sie auch keinen.

Interessant ist aber, dass ich bei Besprechungen beobachte, dass berufliche Themen permanent auf die Sozialebene gestoßen werden, um dann lang und breit darüber zu berichten, was gar nichts mit dem Thema zu tun hat.

Oder sie treffen sich privat mit Kollegen, um über Kinder, Ehemänner, Hobbies zu sprechen. Oder sie trinken vor der Arbeit mit Kollegen Kaffee und quatschen über Person x, die natürlich nicht anwesend ist.

 

„Jeder ist anders“ – auf einer gewissen Ebene mag das stimmen, auf anderer Ebene ist das nicht korrekt. Es gibt Strukturen, die jeden von uns ausmachen. Und wenn man Persönlichkeitsmodelle kennt, stellt man fest, dass sich Menschen kategorisieren lassen – Bedürfnisse, Ängste, Muster sind feststellbar und dafür bedarf es keines „Kennens“ der anderen Person mit langen Reden.

 

Aber ob ihr wollt oder nicht: Seitdem ich denken kann, ist für mich die Welt der Neurotypischen etwas sehr Andersartiges, und in ihrem Sozialverhalten ähneln sie einander sehr bis komplett.

Es gibt einige Bereiche, die NTs per se nicht verstehen können:

Dass Blickkontakt schmerzhaft für mich ist.

Dass leichte und/oder unvorhersehbare Berührungen eine extreme Abneigung in mir auslösen.

Dass für sie komplizierte oder komplexe geistige Tätigkeiten anstrengend sind und für mich entspannend: Als ich einer Kollegin sagte, ich freue mich auf die nächste Steuererklärung, war sie ziemlich verwirrt. Oder wenn ich mich für juristische Texte interessiere oder abends vor dem Schlafengehen es mir gutgehen lasse beim Lesen eines Fachbuches, überlege ich es mir jetzt mehrfach, ob ich das in Unterredungen mit NTs mitteile, denn das ist sehr fremd für sie.

Dass ständige Veränderungen in der Wohnung/im Arbeitsbereich sehr verwirrend für mich sind.

Dass ich genaue Informationen zu unterschiedlichen beruflichen Vorgehen haben muss.

Dass ich keinerlei Interesse an Weihnachtsfeiern habe.

Dass ich keine Freunde suche.

 

Tja … jeder ist halt anders. Und manche sind so anders, da kann man nur staunen … und ich halte mich noch zurück – viel mehr an Andersartigkeit will ich den NTs nicht zumuten. Ich habe schließlich voraus, dass ich mich in ihrer Welt seit Jahrzehnten zurechtfinden muss (um überleben zu können), sie dagegen ertragen solche Andersartigkeiten nur in geringen Dosen.

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Es geht wieder los!

Der Dezember hat begonnen. Und das bedeutet: Bald ist Weihnachten. Ich habe nichts gegen Weihnachten. Weihnachten kann spannend sein. Ich mag Geschenke, insbesondere freue ich mich über Geschenke, die ich auf meiner Geschenkeliste stehen hatte. Aber das ist Privatangelegenheit.

Irgendwann glaubte ich mal ganz naiv, dass privat und beruflich für jeden ohne Probleme trennbar ist. Pustekuchen. Und so kam es zu diesem Ereignis:

 

Vor ein paar Monaten habe ich meinen Job gewechselt. Jetzt arbeite ich in einem Wohnheim für Kanner-Autisten. Eines Abends nach Feierabend, ging ich noch zu meinem Mitarbeiterfach („Briefkasten“ nenne ich das Ding, denn es sieht aus wie ein Briefkasten – sogar mit Schlüssel).

Ich schaute also da rein und da lag ein Zettel drin. Das ist nichts Besonderes, da liegen immer wieder Zettel drin: Fortbildungsinformation, Abrechnung, Informationen zum Wohnheim etc. An diesem Abend lag eine Einladung zu einer Weihnachtsfeier drin.

Und meine erste Reaktion war, dass ich vor mich hinflüsterte: „Ach, Du meine Güte. Es geht wieder los.“ (Ich spürte sofort eine Art Fluchtreflex) Und dann begann ich, zu zählen. Ich zählte, wie viele Weihnachtsfeiern dieses Jahr gefeiert würden, und kam auf 3. Ehrlich: 3 Weihnachtsfeiern! Letzte Woche kam eine 4. dazu (und ich fürchte, dass es bei dieser Zahl nicht bleiben wird).

Eine Weihnachtsfeier muss ich leider miterleben, denn dann bin ich im Dienst und sie findet im Wohnheim statt – und dann werden alle freudig zusammen sitzen und quatschen und alles durcheinanderbringen … (Hilfe!). Zu den anderen Feiern gehe ich natürlich nicht.

 

Warum „natürlich“?

 

Weil es Veranstaltungen auf Sozialebene sind. Da ich in der glücklichen Position bin, so etwas ausfallen lassen zu können, mache ich auch Gebrauch davon. Es wird geredet, es wird gegessen; es wird geredet, es wird getrunken; es wird gelacht, gequatscht, getratscht, gelästert. Lange habe ich geglaubt, dass Zusammenkünfte dieser Art etwas Besonderes haben müssten, wozu ich keinen Zugang habe, aber so langsam sehe ich, dass es dort nichts gibt, was für mich von Bedeutung ist. Und das möchte ich nicht. Ich möchte Privates nicht mit Beruflichem vermischen.

 

Meistens ist das für viele unverständlich. Für sie ist es aus mir noch unerfindlichen Gründen „toll“. Wahrscheinlich suchen sie dort etwas, was sie aber nicht finden. Oder aber sie können sich eine Zeitlang von sich ablenken und fühlen sich dann „gut“, weil sie nicht mehr fühlen, was sie sonst fühlen. Auch möglich.

Da ich Analytiker bin, ist sowas grundsätzlich faszinierend zu beobachten, aber ich muss mit meiner Energie gut haushalten, und solche Veranstaltungen ziehen mir zu viel Energie ab.

 

Also: Nee, nicht mit mir.

Aber ich kann sicher sein, dass die Angebote diesbezüglich nicht verebben werden: Es werden wieder Jahresfeiern geben und Geburtstage irgendwelcher Kollegen und Ostern und Sommerfeste und so weiter … und je mehr der Beruf „sozial“ ist, desto sozialer wird die Ebene auch.

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Ich habe einen Traum

Ich träume davon, dass es Orte gibt, an denen Asperger-Autisten so sein dürfen wie sie sind, ohne sich neurotypisch verstellen zu müssen.

Ich träume von einem Platz, an dem ich Ruhe und Schweigen vorfinde.

Ich träume davon, meine Energie auf Produktives lenken zu können und nicht das meiste auf die Abwehr von neurotypischen Sozialbedürfnissen.

Ich träume davon, Kollegen zu haben, die nicht smalltalken.

Ich träume von einem Arbeitsplatz, an dem ich arbeiten darf und nicht konfrontiert bin mit privaten Gesprächen und falschen Gesichtern.

Ich träume von Aufrichtigkeit.

Und ich träume von Klartext.

 

Ich träume von Restaurants, in denen es still ist und in denen keine Musik gespielt wird.

Ich träume von Orten, an denen ich fühlen darf.

Ich träume davon, zur Ruhe kommen zu können, schlafen zu können.

Ich träume davon, dass Asperger-Autisten nach ihrem Können und nicht nach ihren sozialen Fertigkeiten beurteilt werden.

Ich träume davon, dass Neurotypische sehen, wie viel berufliches Potenzial in vielen Asperger-Autisten steckt.

Ich träume von Orten, an denen nicht gesprochen wird.

Ich träume davon, dass Neurotypische aufhören, Asperger-Autisten zu Neurotypischen machen zu wollen.

Ich träume davon, dass die Neurotypischen sich mehr mögen, denn dann brauchen sie nicht mehr so viel Zuspruch von außen.

Ich träume davon, dass Asperger-Autisten irgendwann nicht mehr so sehr leiden, dass sie nur noch den Suizid als Ausweg sehen.

Und ich träume davon, dass es Menschen gibt, die zuhören, wenn es was zu sagen gibt.

 

Ich träume davon, dass autistische Kinder nicht mit brutalen und inhumanen Methoden wie ABA gebrochen und zerstört werden.

Ich träume von einer kinderfreundlichen Welt.

Ich träume davon, dass die Neurotypischen empathischer sind.

 

Ich träume von einem winzigen Ort auf dieser großen Erde, an dem ich autistisch sein darf.

Ich träume von Gerechtigkeit.

 

Und ich träume davon, dass es mir irgendwann gelingt, ein paar dieser Träume real werden zu lassen. Für mich. Für andere Asperger-Autisten.

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Fremd

Ich bin sicher, dass es einigen von euch auch so geht wie mir. Ich will vermeiden, mich zu wiederholen, da ich dieses Thema schon öfter beschrieben habe:

 

Ich fühle mich fremd.

So fremd wie sich jemand fühlen muss, der von einem anderen Planeten kommt.

Ein Heimatloser.

 

Wo auch immer ich bin, beinahe überall fühle ich Fremdheit. Ich schaue mir die anderen Menschen an und sie sehen so aus wie ich aber sie sind anders. Als Jugendliche sagte ich einem Psychologen, dass ich nicht verstanden werde. Er fragte inwiefern, aber ich konnte es nicht erklären. Es muss bei Nietzsche oder Schopenhauer gewesen sein, wo ich den Begriff „Zaungast“ las. So fühlte ich mich: Sie luden mich ein, die die ich sah; sie sprachen mit mir; sie wollten mich involvieren; doch immer, wenn ich in ihrer Nähe war, spürte ich, dass es eine Andersartigkeit zwischen ihnen und mir gibt. Es war mir vollkommen schleierhaft (im wahrsten Sinn des Wortes), was es sein sollte – warum es so war.

 

Ich bin in einer Familie groß geworden, die immer Geld hatte; ich hatte viele Möglichkeiten, mich weiterzubilden; ich hatte genug Kleidung, genug Essen, genug Trinken – und mein Leben wurde zunehmend unerträglich.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich feststellte, wie hässlich Menschen sein können. Nicht von ihrer Art her, sondern von ihren Gesichtern. So, als hätte ich zuvor nie direkt in ein Gesicht gesehen, wurde eine Art Schleier weggezogen und ich wurde mit einer Realität konfrontiert, die für mich erschreckend war.

Vorher war ich in mir selbst gewesen. Irgendetwas hatte sich verändert. Als wäre es bis dahin legitim gewesen, autistisch zu sein, wurde ich nun daraus gerissen und stellte fest: Die meisten Menschen um mich herum sind hässlich. Ich hatte Angst vor ihnen, wie vor einer anderen Spezies. Sie waren laut, schrill, aufdringlich, redselig.

 

Es ist schrecklich.

Ich bin ein Fremder in dieser lauten, schrillen, aufdringlichen, redseligen Welt.

 

Als Kind und Jugendliche war ich umgeben von Heuchlern. Menschen, die nicht so handelten, wie sie sprachen. Sie sagten a und taten b. Dass das Standard ist, habe ich erst viel später begriffen.

 

Ich erlebe die Welt, in der ich lebe, meistens als feindlich, denn sie ist der Feind für alle diejenigen, die Ruhe und Ordnung brauchen; für alle diejenigen, die wortkarg und speziell sind. Immer wieder höre ich, dass Menschen doch so unterschiedlich sind, aber mir begegnen permanent Menschen, die alle nach den gleichen Regeln leben, die die gleichen Bedürfnisse haben.

Wie viele Menschen begegnen mir, für die es ein Traum ist, nach New York zu reisen.

Und wie wenige Menschen begegnen mir, die am liebsten ganz alleine für sich sind. Und nein, damit meine ich nicht die, die sagen: „Ich bin auch mal gern alleine.“ Die sind es nicht!

Sage ich einen Satz, sagen sie dazu 10.

Permanent muss ich mehrere Fragen stellen, um eine konkrete Antwort zu erhalten.

 

Vor kurzem hatte ich einen Mailkontakt mit meiner Krankenversicherung und stellte eine simple Frage. Daraufhin kam eine ausufernd lange Mail zurück, die alles beantwortete, nur nicht meine Frage. Ich dankte (wie das gesellschaftlich üblich ist) und merkte an, dass meine Frage nicht beantwortet sei. Nach ein wenig hin und her, antwortete mir endlich eine andere Person, die in knappen Sätzen eine konkrete Antwort sendete.

 

Es dauert teilweise sehr lange, bis ich auf meine Fragen eine Antwort erhalte. Per Mail, mündlich, privat und/oder beruflich. Das Umfeld ist egal. Erst dachte ich, es läge an mir, aber egal wie ich meine Fragen formuliere, sehr selten begegne ich Menschen, die konkret antworten.

 

Ich fühle mich wie ein Fremder.

 

Wie eine Art, eine Spezies, die nicht viele Verbündete und Gleichgesinnte hat, die stets in Regionen kommt, die artenfremd sind, ja geradezu feindliche Lebensbedingungen bereit halten. Manche von jenen, die gegen eine AS-Diagnose sind, bringen das Argument vor, dass das doch nichts brächte, man verändere sich nicht.

Mir hat die Diagnose sehr geholfen.

 

Ich möchte euch skizzieren, wie ich das bildlich sehe:

 

Gesetzt den Fall, ich wäre von einem anderen Planeten und wäre hier auf dem Planeten Erde gelandet, ohne zu wissen, woher ich komme. Ich sähe genauso aus wie alle anderen und spräche die gleiche Sprache. Und jede Anmerkung meinerseits, irgendetwas mit mir oder den anderen sei anders, träfe auf Abwehr und Abwertung, sodass irgendwann der Gedanke einträte, ich sei nicht richtig, meine Wahrnehmung sei falsch. Wie wohltuend wäre es da, wenn ein Planetenforscher, ein Spezienspezialist sagen würde: „Der Planet Erde ist ja gar nicht Ihre Heimat, Sie kommen vom Planeten x.“

 

Das fehlende Puzzleteil. Das Wissen: Ja, ich habe es richtig wahrgenommen, ich bin richtig so, wie ich bin.

 

Und wie viel Traurigkeit das in mir auslöste …

 

Dass ich stets an mir gezweifelt habe. Dass es so weit ging, dass ich mich quälte und umprogrammieren wollte, nur, weil ich dachte, ich sei krank und verrückt.

Einzig und alleine das hat mich krank gemacht: Dass ich dachte, ich müsse so sein, so handeln, so denken, so sprechen, so aussehen wie die anderen. Dass ich dachte, ich dürfte kein Zaungast sein, sondern Mitglieder einer Herde. Oder anders: Dass ich dachte, ich müsste Zaungast sein. Das bin ich längst nicht mehr; eure Weide ist nicht die meine.

 

Meine Heimat ist in mir drin. Manchmal fühle ich sie auch um mich herum: In Natur, wenn ich dort alleine bin; wenn ich alleine musiziere; wenn ich mich alleine mit etwas beschäftige, was mich interessiert. Bis jetzt habe ich eine Person kennen gelernt, mit der ich zusammen sein kann, ohne meine NT-Maske automatisch aufzusetzen. Diese Person ist ebenfalls AS. Bei den NTs habe ich es noch nie erlebt, dass ich meine Maske fallen lasse. Zu groß ist der Unterschied; zu früh habe ich gelernt, an dieser Maske zu feilen; zu absonderlich wäre ich für sie. Ich merke meine Maske, manchmal ist es so, dass ich mich selbst wie von außen beobachte; und in einigen Fällen läuft in mir eine Art „Filter“ ab, der in Sekundenschnelle das Erwartete und Gewünschte meines Gesprächspartners analysiert und „ausspuckt“ – auch das erlebe ich bewusst. In manchen Fällen funktioniert dieser Filter nicht und ich bin ratlos. Dann tauchen die Momente auf, in denen ich in eine Art Error-Zustand gehe: In Small-Talk Situationen tritt Schweigen auf und ich frage mich angestrengt, worum es nun geht; aber auch das habe ich nun begriffen: Es geht nicht um ein sinnvolles, effizientes Gespräch.

 

Nach längerem Nachdenken über all das, habe ich für mich entschieden: Vergiss es, Deine Energie darauf zu verschwenden, einen Platz unter den anderen zu finden. Ich kann nur meine eigenen, privaten Lebensumstände verbessern und kreieren. Vergiss es, zusammen mit anderen leben zu können, oder Wohnraum teilen zu können. Es ist nicht machbar. Für sie nicht, für mich nicht.

 

Sie brauchen Gesellschaft, um sich aufzuladen.

Ich brauche Ruhe, um mich aufzuladen.

 

Ganz, ganz selten begegne ich Menschen, die für mich angenehm sind in ihrer Art und ihrem Verhalten.

 

Ich bin ein Fremder.

 

Und ich lote noch aus, wie weit ich unter den anderen autistisch sein darf und wo die Grenze ist. Denn Fakt ist: Ich kann nicht so sein wie die Menschen, die mir permanent begegnen, das zu versuchen, wäre Selbstzerstörung und somit mein Todesurteil.

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Die leben in ihrer eigenen Welt

Vor kurzem hatte ich eine Art Unterhaltung, in der es darum ging, was denn Autisten sind. Ich habe dazu nicht viel beigetragen, sondern zugehört. Da fiel mir insbesondere dieser Satz auf: „Die leben in ihrer eigenen Welt“.

Danach verschwamm für mich das Gespräch. Ich dachte darüber nach, was das bedeutet.

Die leben in ihrer eigenen Welt.

Ich fragte mich: Lebe ich in meiner eigenen Welt?

Erst spürte ich die Tendenz in mir, das von mir zu weisen, doch dann versuchte ich es wertneutral und stellte fast: Ja, natürlich lebe ich in meiner eigenen Welt.

Wer tut das nicht?

Jeder von uns lebt in seiner eigenen Welt. Eine individuelle Welt, geprägt durch Kindheit, Werten, Verboten, Erlaubnisse.

Soweit ich das sehe, ist es das logische Denken, welches einen Konsens unter den Menschen formen kann. Wie ich etwas sehe, mag subjektiv sein, aber was ich sehe, kann einheitlich sein.

 

Diese Überlegungen führten mich weiter zu der öfter ausgesprochenen Floskel: „Wir sind halt alle unterschiedlich.“ Sind wir Menschen das? Ich bin sehr sicher, dass es konkrete Regeln gibt, nach denen wir uns verhalten. Jeder von uns ist geprägt durch das, was er als Kind erlebt hat, wie auch immer das geartet war – geprägt sind wir alle, und so wie ich das sehe, ist diese Prägung zumeist sehr negativ.

Es gibt durchaus ganz konkrete Unterschiede zwischen Asperger-Autisten und Nicht-Asperger-Autisten: Zuvörderst das Sozialverhalten. An die Stelle des nichtaustischen Bedürfnisses, permanent sozial in Kontakt zu sein, tritt bei Autisten (soweit ich das sehe) das Alleinsein. Mich verblüfft immer wieder, wie schwer es anderen Menschen fällt, ohne sozialen Kontakt via Handy auszukommen; ja, dass sie nicht fähig sind, sich ein paar Stunden auf ein und dieselbe Sache zu konzentrieren, dass Interessen sie nicht so ausfüllen, wie ich es kenne.

 

Tja … die leben in ihrer eigenen Welt, diese Autisten.

Dieser Kontrast wird nur deutlich, weil die Nicht-Autisten die Majorität darstellen. In einer autistischen Welt würden wir vielleicht sagen: „Also … die Nicht-Autisten, die leben in ihrer eigenen Welt.“

 

Was bedeutet aber „die“ leben in ihrer eigenen Welt? Das scheint mir zu implizieren, dass die Nicht-Autisten nicht in ihrer eigenen Welt leben … wie bedauerlich für sie, dass sie ständig in einer fremden Welt leben müssen.

 

Natürlich lebe ich in meiner eigenen Welt.

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Schuberts Impromptu

Impromptu Nr 3, Ges-Dur (Andante):

 

Der Anfang interessiert mich kaum. Eine Einführung, die womöglich aufbauen soll zum Schnelleren. Literarisch eventuell wie ein Prolog, der bereits leicht dunkle Vorahnungen antriggert. Kurz vor der zweiten Spielminute (sorry, Noten liegen nicht vor, sonst hätte ich den Takt angegeben) wird etwas angekündigt.

 

Spielminute 3 kommt dann endlich zu etwas deutlich Dunklerem und Eindringlicherem. Eine Art Schrecken, der möglicherweise bedrohlich wirken kann. Zwischen Spielminute 3 und 4 wird es dann eher seichter, doch die dunklen Untermalungen bleiben.

 

Das Thema wiederholt sich.

 

Ab Minute 5 geht es wieder Richtung eindringlich. Hoffnung breitet sich aus. Dass es besser werden könnte. Spielminute 6 löst eine Art Zuversicht aus, die darauffolgende Harmonie untermauert diese mit einer gewissen Stärke.

 

Und das Ende spielt sich so aus …

 

 

 

Impromptu Nr. 4, As-Dur (Allegretto):

 

Keine Ahnung, wo sich Schubert zu Beginn befindet. Auf einer Blumenwiese? Die harten Töne kurz vor dem Ende der ersten Spielminute passen fast nicht hinein. Trampelig.

 

Ab ca. 1:15 kommt dann wenigstens etwas Melodisches hinzu, danach wieder viel zu viel Wuselei. Danach: Vollkommen uninteressant.

 

Ab 2:30: Komplettveränderung. Über die Wiese zieht Dunkelheit, die Welt wird schwarz. Dass Du alleine stehst, ist ganz klar; dass alles vorher nur Fake und Falsch war … wer könnte das noch bestreiten?

 

Trotzdem: Eine dunkle „Stärke“ ist präsent. Ab Minute 3:30 steigert es sich zum Höhepunkt, es wird laut und damit verwischend. Das wiederholt sich. Ab 3:55 geht es dann wieder in eine etwas klarere, fast etwas versöhnlichere Richtung, aber ab 4:15 wird diese durch Lautstärke übertüncht. Auch der Rest wechselt sich ab zwischen einem klareren Blick und der wiederkehrenden Lautstärke.

 

Ab 5:50 wiederholt sich der Beginn – die Blumenwiese wirkt nun irgendwie sonderbar, als hätte das Zwischenspiel diese verändert. Wieder eher trampelig …

 

Wer auch immer auf der Blumenwiese stand, besonders interessant wirkt sein Leben jetzt nicht mehr.

 

 

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Nicht agieren

Manchmal habe ich keine Lust mehr, zu agieren. Ich will dann nur noch unbeweglich, unmimisch, ungestisch irgendwo sitzen und nichts an mir bewegen müssen.

 

Und dann nehmen die anderen um mich herum mein Verhalten (bzw. Nicht-Verhalten) als befremdlich wahr oder als ein Indiz dafür, dass „etwas ist“. Sie kapieren nicht, dass das wie Aufladen ist und dass ich dann u.a. Puzzleteile im Kopf zusammensetze. Und: Nein, ihnen das zu erklären ist dann zu anstrengend. Kenn es oder kenn es nicht – und da es die meisten anscheinend nicht kennen, gehe ich lieber weg, sie lassen mich ja eh nicht in Ruhe, müssen eine Erklärung haben, die am besten so lautet: „Nee, mit Dir hat das nichts zu tun!“; „Nee, unsere soziale Beziehung ist wunderbar!“ – meine Güte, was sagt das über euer Selbstwertgefühl aus, wenn ihr ständig eine Rückversicherung braucht, dass andere sich nicht so verhalten, weil sie euch hassen etc.

 

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Die Arbeitshose

In meinem Leben gibt es momentan zwei Bereiche, in denen ich menschliches Verhalten/Miteinander beobachten kann. Zum einen meine Arbeitssituation und zum anderen eine Art Weiterbildung.

Insbesondere meine Arbeitssituation gibt mir sehr viele Möglichkeiten, analytische Fragen zu stellen, vorrangig diese: Was ist da wieder los?

Das Verhalten, die Sprache, die versteckten Botschaften, die ungeschriebenen Regeln – das ist, wenn es sich ballt, derart komplex für mich, dass ich tägliche Analysearbeit leisten könnte. Leider wissen viele, wenn ich sie etwas dazu frage, selbst nicht, warum sie dieses und jenes gesagt haben, es läuft automatisch ab.

Deshalb mal ein (nicht ganz so ernst gemeintes aber so erlebtes) Beispiel, welches ich „Die Arbeitshose“ nennen möchte.

 

Ich arbeite in einem Bereich, in dem Arbeitskleidung Normalität ist. Jeder kann sich mit Arbeitskleidung eindecken, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen, das übernimmt die Firma. Deshalb beschloss ich, das zu tun. Ich bestellte mir eine Arbeitshose. Nochmal zur Erinnerung: Das ist keine Seltenheit, jeder kann das tun und einige besitzen Arbeitskleidung, ganz abgesehen davon, dass manches auch vorgeschrieben ist.

Ich ging also zur Arbeit mit Arbeitshose.

Und dann fing es an. Es fing so an, wie es fast immer anfängt.

Es wird kommentiert, als wäre es eine weltverändernde Neuheit. Dieser sagte etwas dazu, jener sagte etwas dazu, mehrere sagten etwas dazu. Es kam zu solchen Szenen:

 

Kollegin x zu mir: „Die sieht aber richtig gut aus.“

Ich: „Ja.“

Kollegin x zur Kollegin y: „Aber echt, oder?“

Kollegin y nickt.

Ich: „Okay, was liegt an?“ (Eine Frage, die auf die Arbeit abzielte)

Kollegin x zu Kollegin y: „Ich habe ja auch meine Arbeitshose von x, aber ich kann auch nur bestimmte Hosen tragen. Bei mir darf das in diesem Bereich (kommt in meine Nähe, ich weiche ein wenig zurück) nicht eng anliegen wegen meiner Krampfadern.“

Ich wende mich ab und schaue mir einen Auftrag an (das mit den Krampfadern hatte mir Kollegin x bereits mehrfach ausführlich erzählt).

Als dann kaum Rückmeldung vonseiten meiner Person und der Kollegin y kam, ging es dann endlich mal um Arbeit.

 

Aber das war natürlich nicht genug. Ich wurde nebenbei darauf angesprochen; die Kollegen sagten, ich sähe gut aus; in der Pause fragte man mich, ob die Hose bequem sei und so weiter …

 

Weshalb nehme ich dieses Beispiel?

Weil es einen großen Unterschied aufzeigt. Mir ist das vollkommen egal, ob jemand mit einer neuen Hose oder einen neuen Frisur ankommt (wenn ich das überhaupt bemerke). Es ist mir auch vollkommen gleichgültig, ob sich jemand für 1000 oder für 10.000 Euro ein neues Auto gekauft hat.

Dieses Verhalten habe ich bei unterschiedlichen Neuheiten beobachtet. Am schlimmsten ist es, wenn ich Urlaub hatte und danach wieder arbeiten gehe. Ach, Du meine Güte … dann kann ich mich schon darauf einstellen, dass mich jeder fragt, wie es denn gewesen sei, was ich gemacht habe, mit wem ich was gemacht habe usw. Ach ja, und nicht zu vergessen, dass dann lang und breit von deren eigenem Urlaub berichtet wird.

Jede Kleinigkeit wird besprochen und ich frage mich, welche Funktion das hat.

Am Anfang habe ich geglaubt, dass die Leute irgendwann aufhören mit mir zu reden, wenn ich nichts erwidere, langsam merke ich, dass es sie gar nicht interessiert, ob da eine Rückmeldung kommt.

Beispiel: „Der Friseurbesuch“

 

Kollegin x zu mir (übrigens die gleiche Kollegin, die auch Krampfadern hat): „Also Karin (Name von der Bloggerin geändert, obwohl nicht wirklich notwendig, da anonymer Blog) sieht ja aus mit ihren Haaren … die war ja auch seit Jahren nicht mehr zum Friseur. Die macht das selber.“

Ich: „Ja, mache ich auch.“

Kollegin x: „Nein, also ich gehe jede 5 Wochen zum Friseur. Aber ich lasse die da ja nicht waschen, sondern nur schneiden. Das ist ja Quatsch, wenn ich nach dem Friseur nach Hause fahre und mich eh dusche. Ich kann das nicht ab, wenn ich überall diese kleinen Haare habe … (Monolog geht weiter) … Du (ich bin gemeint), der Marco (Name auch geändert) hat gerade einen Urlaubsschein eingereicht. Für nächste Woche. (Man merkt vllt., dass sich während des Monologs das Thema geändert hat) Ich würde ja keinen Urlaub machen, wenn so wenig los ist, oder?“

Ich äußere nichts, da mir das nicht logisch erscheint und ich keine Lust darauf habe, sie darauf hinzuweisen. Das „Gespräch“ ging dann noch weiter und Marco wurde besprochen.

 

So, bis dahin ist alles „harmonisch“. Da ich immer wieder überlege, wie ich denn ohne Sozialmaske auf so etwas reagieren würde, wäre die Antwort folgende:

Kollegin x: „Nein, also ich gehe jede 5 Wochen zum Friseur …“

Ich: „Entschuldige bitte, aber das interessiert mich überhaupt nicht.“ (Und selbst das wäre noch sehr sozial verträglich ausgedrückt)

„Einfach“ so zu sein wie man ist, greift in den meisten sozialen Fällen nicht, denn wenn ich so wäre, wie ich bin, dann wäre ich schnell in einem Intrigenspiel drin.

Da die Kollegin zu 90 Prozent ihren Privatkram erzählt und nur 10 Prozent über Arbeit spricht, könnte ich diesen Satz „Entschuldige bitte, das interessiert mich überhaupt nicht“ den ganzen Tag verwenden.

 

Ich will mal irgendwo angestellt sein, wo es nur um Arbeit geht. Wenn ich meinen Lebenslauf durchgehe und mir die unterschiedlichen Arbeitsplätze vor Augen führe, ging es meistens nicht um Arbeit, sondern vor allen Dingen um soziale Aspekte: Wer wird akzeptiert und wer ist das Arschloch? Wer hat was zu sagen und wer muss sich fügen? Wer wird ausgeschlossen, wem kann man vertrauen, wer nimmt wem das Sandkasten-Förmchen weg? Wer darf Kritik üben, wer muss sich unterordnen, wer ist intelligent, wer ist dumm? Und so weiter … oder auch: Wer sieht gut aus und wer nicht? (Siehe Thema „Friseur“)

Das scheint wichtig zu sein, und wenn ich mir überlege, dass mir im Psychologie-Kurs gesagt wurde, dass Menschen zu 90 Prozent nonverbal und nur zu 10 Prozent verbal kommunizieren, dann bin ich immer wieder überrascht. Ich habe diesbezüglich noch nicht recherchiert aber der Verdacht liegt nahe, dass es auf der Arbeit auch vor allem um das Soziale und nicht um die Arbeit geht. Faszinierend.

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Reden ohne zu reden

Die meisten Menschen, die ich kenne, reden sehr gerne. Stille können sie wenig ertragen und füllen diese mit Sätzen, die diese Stille unterbrechen oder überbrücken soll. Da ich im Schweigen gut bin, teste ich manchmal aus, was andere Menschen sagen, wenn ich sie mit meinem Schweigen konfrontiere. Das geht so:

 

Ich stehe (z.B. im Berufsleben) mit einer Kollegin zusammen und schweige. Die Kollegin hat keine Chance, mit einem anderen Kontakt aufzunehmen, nur ich bin dort. Meistens fängt die Person dann an, irgendetwas Belangloses zu sagen, über das Wetter, irgendeine Fernsehsendung oder (besonders beliebt, wie ich feststellte) andere Kollegen. Selten erlebe ich es, dass die andere Person ebenfalls länger schweigt. Um mich irgendwie zu involvieren, stellt sie dann solche Fragen am Ende des Satzes, um sich zu vergewissern: „Nicht wahr?“, „Oder sehe ich das falsch?“, „Ist doch so, oder?“ Oft reden sie auch mit sich selbst, wenn ich nicht reagiere: „Ja, ist doch so“ (als hätte ich etwas erwidert, was ich nicht tat).

 

Es ist ihnen also sehr wichtig, zu reden, Kontakt aufzunehmen und von dem anderen Rückmeldung zu bekommen.

 

Halten wir das so fest.

 

Interessant an all dem ist für mich aber etwas ganz anderes: Es geht bei diesem Reden nicht darum, mit dem anderen wirklich in Kontakt zu kommen; sie interessieren sich gar nicht dafür, was der andere dazu zu sagen hat, es geht ihnen anscheinend nur darum, Stille zu verdrängen. Ich nehme Beispiele aus dem Berufsleben, da ich das privat nicht so extrem erlebe, wobei ich auch aus dem Privaten ein paar Beispiele aufzeigen könnte.

 

Beispiel:

 

Ich rede auch mit anderen. Meistens interessiert mich dann etwas. Zum Beispiel sagt eine Kollegin, dass jemand aus ihrer Familie an einer Krankheit leidet. Ich frage dann: „Wie macht sich diese Krankheit bemerkbar? Welche Symptome gibt es? Ist das heilbar?“ usw. Oder jemand sagt beiläufig, dass er früher in einem anderen Betrieb gearbeitet hat. Dann frage ich: „Wie ist der Ablauf dort? Was hast Du da gemacht?“ Wenn ich diese Fragen stelle, kommen meist interessante Gespräche dabei herum. Aber soweit ich das beobachte, bin ich eine der wenigen Personen, die solche Fragen stellt (und manchmal muss ich aufpassen, dass ich anderen Menschen damit nicht zu nahe trete).

 

Beispiel:

 

Letzte Woche erzählte mir ein Kollege, er habe in Chile gearbeitet. Das interessierte mich. Ich stellte ein paar Fragen, er erzählte mir was dazu. Wenn solche Gespräche zustande kommen, dann begegne ich plötzlich einem Menschen, der seine Fassade fallen lässt, der teils begeistert ist von dem, was er erlebt hat (und mich interessiert vorrangig das hinter der Fassade).

Ich habe beobachtet, wie andere Gespräche führen. Das geht dann so:

 

Person a: „Ich habe mal in Chile gearbeitet.“

Person b: „Aha. Na ja … als ich noch in xy gearbeitet habe, da war es so und so …“

Person a: „Nee, in Chile war das ganz anders, da haben wir ….“

Usw.

 

Person a und Person b sprechen nicht miteinander, sie sprechen über sich aneinander vorbei.

Meistens wird diese Art des Gesprächs irgendwann von einem Part abgebrochen mit:

„So. Jetzt muss ich noch was ausdrucken“ (oder anders).

 

Wenn mir jemand eine Frage stellt, glaube ich oft noch, dass er sich tatsächlich für die Antwort interessiert. Ich bin meistens verblüfft, wenn ich nach wenigen Sekunden merke, dass das nicht der Fall ist. Dann schalte ich wieder ab und gehe in mein Inneres zurück, da gibt es viel anzuschauen.

 

Beispiel:

 

Soweit ich mich erinnere, ging es um das Thema Urlaub, der bei mir bald anstand. Die Kollegin sagte nett foppend: „Nicht, dass Dir noch langweilig wird und Du Dich nach Arbeit sehnst.“

Ich: „Ich habe so viele Interessen, das ist sehr unwahrscheinlich.“

Kollegin: „Was hast Du denn für Interessen?“

Ich: „Ich lese unter anderem sehr gerne, insbesondere Fachbücher, besonders …“

Kollegin (unterbricht mich): „Du, was ich Dir noch erzählen wollte …“

Ich: ??? (meistens muss ich dann dechiffrieren, was gerade los ist und bin etwas perplex)

 

Das habe ich schon öfter erlebt: Sie stellen eine Frage und unterbrechen mich (oder andere) dann, um etwas über sich zu sagen.

Fast so, als hätten sie Angst zu kurz zu kommen. Und vielleicht haben sie das auch oft erlebt. Meine Hypothese ist, dass man sich nur für andere Menschen wirklich interessieren kann, wenn man mit sich selbst gut umgeht, man sich ganz gut fühlt und genug Energie hat. Oder anders: Wenn ich voll bin mit eigenen Themen und es mir schlecht geht, dann habe ich kein Interesse, auf andere einzugehen, dann stehen andere Dinge im Vordergrund. Und das kommt bei mir öfter vor, der Unterschied ist aber, dass ich dann mehr schweige als sonst und die Stille nicht überbrücken muss. Auch dazu habe ich eine Hypothese: Durch das Schweigen kommt man dem inneren Problem näher, durch das Reden wird es weggeredet.

Und ganz allgemein: Reden ist für die meisten Menschen so wichtig, weil sie ein hohes Maß an sozialem Kontakt benötigen.

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Woran erkennt man einen Asperger?

Eine Userin stellte diese Frage und ich will versuchen, sie zu beantworten und nehme mich selbst als Fallbeispiel.

 

Merkmale:

 

Rückzugsbedürfnis. Um den sozialen Alltag zu überstehen, brauche ich Rückzugsmöglichkeiten, ansonsten gehe ich an dem Lärm, dem Small-Talk, den gesamten Sinneseindrücken kaputt. Und Rückzug bedeutet nicht „ich bin auch mal gerne alleine“, wie ich es schon öfter von Nicht-Autisten gehört habe, sondern es bedeutet: Ich brauche vorrangig das Alleinsein. Manchmal ist Gesellschaft nicht anstrengend, aber in den allermeisten Fällen raubt es mir meine Energie. Wohingegen Nicht-Autisten eher ihre Energie durch Gesellschaft erlangen.

 

Reizfilterschwäche. Ich weiß nicht, ob der Begriff „Schwäche“ korrekt ist. Da ich Reize nicht so filtern kann wie andere, bin ich schneller erschöpft. Wenn mehrere Personen zusammensitzen und mehrere Leute parallel reden, dann hört sich das für mich an wie Lärm. Es wird zu einem entsetzlichen Rauschen. Und je weniger Energie ich habe, desto schrecklicher ist es für mich. Auch deshalb brauche ich Rückzugsmöglichkeiten, weil die Stille angenehm ist.

 

Spezialinteressen. Das sind Interessen, die über einen längeren Zeitraum intensiv betrieben werden. Manche Spezialinteressen werden jahrelang verfolgt, andere variieren an Intensität oder machen neuen intensiven Interessen Platz. Die intensive Beschäftigung mit dem Thema ist wie das Aufladen der inneren Batterie bzw. wie das „Abwaschen“ der neurotypischen Welt.

 

Small-Talk-Problematik. Ich stelle immer wieder fest, dass ich kaum Probleme habe, ein bestimmtes Thema mit anderen zu kommunizieren, aber bei Small-Talk fühle ich mich immer wieder unbehaglich und hilflos. Da gesmalltalkt wird, um mit anderen in Kontakt zu treten, nicht um ein Thema zu besprechen, weiß ich oft nicht, was ich sagen muss/soll. Manchmal beobachte ich erstaunt, wie sich zwei Menschen, die sich gerade ein paar Minuten kennen, angeregt über Familie, Sport, Politik etc. unterhalten. Faszinierend. So etwas kenne ich aus meinem Leben nicht.

 

Nähe-Distanz. Immer wieder stelle ich fest, dass ich ein ausgeprägteres Distanz-Bedürfnis habe als andere. Oft fühle ich mich unwohl, weil mir andere physisch viel zu nah kommen. Und wenn ich merke, dass jemand privaten Kontakt zu mir haben will, gehe ich auf Distanz.

 

Overload/Meltdown. Diese Zustände zeigen auch nach außen hin, dass es einem Asperger-Autisten nicht gut geht. Wenn keine Rückzugsmöglichkeiten da sind, wenn also die inneren Batterien nicht aufgeladen werden können, wenn alles zu viel wird, dann kann es zu einem Overload kommen – eine Überladung von Sinneseindrücken. Bei mir äußert sich das dadurch, dass ich wie apathisch wirke, kaum noch weiß, was ich tun muss. Es kann vorkommen, dass das Wissen um die kleinsten Kleinigkeiten nicht mehr abrufbar ist (zum Beispiel das Schuhe zubinden). Ein Meltdown ist wie eine Explosion. Als Jugendliche äußerte sich das bei mir so, dass ich mir die Ohren zuhielt und schrie, man solle mich in Ruhe lassen. Nach einem Meltdown kann ein Zustand der Apathie folgen.

 

Blickkontakt. Es ist mir am liebsten, wenn ich nicht intensiv angeschaut werde. Immer wieder spüre ich ein starkes Unwohlsein, wenn ich mit jemandem rede, der mich frontal anschaut. Teils kann ich mich dann nicht mehr darauf konzentrieren, was die Person sagt oder was ich sagen will. Blickkontakt ist für mich grenzüberschreitend. Und übrigens: Auch wenn ich jemanden nicht anschaue, ich höre trotzdem, was er sagt.

 

Repetitives Verhalten/Rituale. Manches wird immer auf die gleiche Art getätigt. Zum Beispiel Essverhalten, Einschlafrituale, Tagesabläufe. Ich esse zum Bespiel gerne immer das gleiche. Und wenn ich meine Kleidung nicht waschen müsste, würde ich jeden Tag die gleiche Kleidung anziehen.

 

 

Das sind für mich die grundlegenden Unterschiede. Darüber hinaus gibt es noch zig andere Merkmale, die ich beobachtet habe:

 

-          Ich bin meistens weitaus leiser als Nicht-Autisten.

-          Ich hinterfrage weitaus mehr.

-          Viele Filme, die mich interessieren, schaue ich sehr, sehr oft.

-          Einige meiner vorgefertigten Sätze habe ich aus Büchern und Filmen gelernt.

-          Ich bin weitaus verschwiegener als andere (was man mir anvertraut, plaudere ich nicht  aus).

-          Mich interessieren Betriebsfeiern oder Vereinsfeierlichkeiten nicht. Ich gehe dort nicht hin.

-          Ich analysiere mich und ändere Schritt für Schritt Verhaltensmuster, die destruktiv sind.

-          Ich mag Logikrätsel und lese Fachliteratur.

-          Telefongespräche sind meistens anstrengend.

-          Ich kann mir Gesichter nicht gut merken.

-         Rechtschreibfehler, Muster, Veränderungen (nicht unbedingt an Personen) fallen mir in der   Regel sehr schnell auf.

-          Gerne gehe ich alleine spazieren und denke nach.

-          Es gibt Redewendungen, die ich nicht verstehe.

-       Manchmal kommt es zu Missverständnissen, weil ich etwas zu wörtlich nahm. (Beispiel: „Wie viele Jahre zählst Du?“)

 

Das soll erst einmal reichen. Momentan schreibe ich wieder an einem Buch, welches unter anderem Texte zum Thema „Asperger-Syndrom“ beinhaltet. Dort werde ich intensiver auf unterschiedliche Themen eingehen.

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Planet Vulkan

Auf welchen Erdling ich auch stoß,

der Unterschied ist ziemlich groß.

Was sie stets suchen ist „sozial“

Was ich meist will ist rational.

So kreuzen sich die Wege kaum,

die Inklusion ist hier ein Traum.

 

Ich rede wenig, ihr sehr viel,

die Zweisamkeit ist euer Ziel.

Ich bin mit mir sehr oft allein

Und das ist ausgesprochen fein.

Ich mag es routiniert und still,

ihr mögt es bunt und kreischend schrill.

 

Ich sag’s mal, wie es ist:

Ich bin ein Aspergerist.

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Wollen und möchten

Einem Kind wird beigebracht, zu „möchten“, nicht zu „wollen“. Darüber habe ich nachgedacht, nachdem mir eine Kollegin schilderte, wie unmöglich sie es gefunden habe, als ihre Tochter zu ihr sagte: „Ich will ein Smartphone.“ Ich habe zuerst gar nicht verstanden, worum es ging, stellte dann aber fest, dass das eine übliche Sache ist: Es heißt nicht, „ich will“, sondern „ich möchte“.

 

Vor einigen Jahren, als ich näheren Kontakt zu meinem Neffen und meiner Nichte aufbaute, merkte ich solche durch meine Erziehung vermittelte Verhaltensweisen, die ich an die Beiden weitergegeben hätte, wenn ich nicht gemerkt hätte, welche Mechanismen dort ablaufen. Als ich das, und ein paar andere Dinge, an mir feststellte, hebelte ich das sofort aus. Da das nichts ist, was in mir starke Angst auslöst, konnte ich es schnell beheben und es für ewig ad acta legen.

 

So gibt es in meinem Leben nicht mehr die Beurteilung des Wollens. Aber das ist zweitrangig, erstrangig ist dies:

 

Einem Kind wird beigebracht, nicht zu wollen.

Manchmal wird ein Kind auch dahingehend erzogen, dass die Eltern versuchen, den Willen des Kindes zu brechen.

Es geht nicht darum, was das Kind will. Es geht darum, was die Eltern wollen.

 

Mir ist etwas für mich Interessantes aufgefallen. Es gibt viele erwachsene Menschen, die gar nicht wissen, was sie wollen. Und auch in meinem Leben gibt es Bereiche, in denen ich nicht weiß, was ich wirklich will.

 

Wenn ein erwachsener Mensch nicht weiß, was er will, wird das negativ kommentiert:

„Der weiß auch nicht, was er will!“

„Sag doch mal, was Du willst!“

Usw.

 

Aber woher soll er das wissen? Er durfte ja nicht wollen. Das heißt: Als Kind ist das Wollen verpönt und beim Erwachsenen ist das Nicht-Wollen verpönt.

Für mich ist diese Erziehung, die ein Wort mit negativen Bewertungen besetzt, eine der vielen Kleinigkeiten, die dafür sorgen, dass wir erwachsenen Menschen unfrei sind und nicht wissen, was wir wollen.

 

Und ob mein Neffe oder meine Nichte sagen: „Ich will ein Eis“ oder „Ich möchte ein Eis“ ist mir scheißegal. Ich freue mich darüber, dass sie wissen, was sie wollen. Und ich freue mich darüber, wenn ich selbst weiß, was ich will.

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Gefühle abtöten

Als ich jugendlich war, beschloss ich, meine Gefühle abzutöten. Sie waren mir lästig, unerträglich, zu schmerzhaft, um sie in meinem Leben haben zu wollen. Ich dachte: „Wenn ich nicht mehr fühlen müsste, dann wäre alles einfacher.“

 

Ich beschloss das Abtöten meiner Gefühle, weil es mir so furchtbar schlecht ging. Ich wollte nicht mehr leben und erkannte, dass es dem Großteil meines Umfeldes gleichgültig war, dass es mir so ging. Sie wollten es nicht sehen und erst recht nicht hören. Wenn ich etwas andeutete oder gar Klartext sprach, wurden sämtliche Schutzmechanismen des anderen aufgefahren, um das zu verdrängen, was ich sagte.

 

Zu einem gewissen Grad schaffte ich es, meine Gefühle abzutöten, aber ganz hat es nie funktioniert. Manchmal hatte ich den Eindruck, kalt wie Eis zu sein. Nicht rational, das ist etwas anderes, sondern wie vereist. Ich hatte viele meiner Gefühle vereist aber sie lebten trotzdem unter dieser Eisdecke weiter.

Dann irgendwann kam eine lange Zeit der Verwirrung, die anscheinend typisch ist, wenn Eis wieder auftaut und man das, was darunter zum Vorschein kommt, nicht mehr kennt.

 

Vor kurzem überflog ich in einem Forum einen Beitrag, der thematisierte, dass die Person lieber nicht mehr fühlen wolle. Ich weiß nicht, wie weit diese Person fortgeschritten ist in diesem „Projekt“, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das Abtöten der Gefühle nicht funktioniert. Es ist nicht machbar. Irgendwo und irgendwie suchen sich Gefühle ihren Weg, auch wenn man sie nicht fühlt: Sie werden zu körperlichen Schmerzen oder Symptomen; sie zeigen sich im Gesicht, im Gang, in der Stimme. Und wenn diese Gefühle nicht gefühlt werden wollen, wird der Mensch hässlich, krank, grau, abgestumpft.

Ich sehe Menschen, die nicht fühlen wollen. Wenn dieser Zustand fortgeschritten ist, dann wirken sie kalt, hart, wie Geister wandeln sie herum, und dennoch spricht ihr ganzer Körper von dem Gefühl, welches nicht gefühlt werden will.

 

Ich bin nun Anfang 30 und erst jetzt traue ich mich, in Gefühle hineinzugehen. Meistens sträube ich mich noch, denn ich denke, es würde schlimmer. Immer noch ist es weit verbreitet, dass man sich von „unangenehmen“ Gefühlen ablenken soll, aber das habe ich oft versucht und es hat mich nicht weiter gebracht.

 

Vielleicht wollte ich meine Gefühle auch abtöten, weil ich glaubte (und teils noch glaube), dass sie mich sonst töten. So wie ich Bereiche in meinem Inneren lange Zeit nicht sehen wollte, weil ich dachte, es würde etwas Schreckliches passieren, wenn ich sie mir anschaue. Das Wegschauen ändert aber nichts daran, dass diese Bereiche da sind. So ist es auch mit den Gefühlen: Nicht hinschauen bedeutet nicht, dass sie plötzlich verschwinden. Sie sind da. Und das Gefühl findet immer einen Weg, sich zu zeigen, egal wie geartet.

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"Aus einem Guss"

Dieses Thema ist meines Erachtens eines der wichtigsten. Bevor ich ein Thema schriftlich niederschreibe, lege ich meistens bereits eine Word-Datei mit dem Namen des Themas an und lasse diese Datei auf meinem Desktop „liegen“, bis ich es verschriftlichen kann. Dieses Thema liegt schon einige Tage dort und jedes Mal erinnere ich mich daran, wenn mein PC hochgefahren ist. Dass ich bis jetzt nichts dazu geschrieben habe, zeigt, dass ich mich noch nicht daran getraut habe.

 

Bis jetzt.

 

Ein AS, den ich sehr schätze, hat das, worum es mir geht „aus einem Guss“ genannt.

„Aus einem Guss bedeutet“ für mich: „Festgelegt“ sein, berechenbar sein; das Ziel ist es, stets gleich zu reagieren, einschätzbar zu sein; irgendwann mal festgelegte Werte, Normen, Ziele, Wünsche, Meinungen, Gedanken nicht zu verändern. Jener, der aus einem Guss ist, ist klar zu definieren, hat klar erkennbare Eigenschaften.

 

Baue ich mein Leben auf diesem Fundament auf, verneine ich die Entwicklung meiner Persönlichkeit, lege mir Ketten an. Es könnte geschehen, dass man als „aus einem Guss“-Menschen Dinge (nicht) tut, weil man irgendwann gesagt hat, dass man sie (nicht) tut. Und das hat dann nichts mehr mit der Realität zu tun, in der man sich entscheidet, sondern mit dem Zwang, aus einem Guss sein zu wollen.

 

Ich weiß nicht, ob klar geworden ist, was es bedeutet, sich diese Fesseln anzulegen, deshalb möchte ich Beispiele nennen:

 

Mein Vater sagte in meiner Kindheit (und heute auch manchmal noch) folgendes: „Entweder ganz oder gar nicht.“ Das war lange einer meiner Orientierungssprüche: Entweder mache ich es ganz oder gar nicht. Im Laufe der letzte zwei Jahre fragte ich mich das: „Und was passiert, wenn ich es halb mache?“

 

Nehmen wir an, jemand entschließt sich, eine Ausbildung zu machen. Wenn er nach einem halben Jahr merkt, dass das nichts für ihn ist, warum sollte er es dann weiter machen? Entscheidungen können falsch sein. Und es gibt zig Entscheidungen, die wir treffen, die sich im Nachhinein als falsche Entscheidungen herausstellen. Aber warum sich durch etwas durchquälen, was man nicht will? Warum etwas aushalten, weil man sich entschieden hat, es zu beginnen?

 

Noch schlimmer ist es im Bereich des Verhaltens: Aus einem Guss bedeutet, dass jemand immer freundlich ist, weil er vorrangig freundlich ist. Oder: Immer gleich zu reagieren. Oder: Immer hilfsbereit sein, weil er oft hilfsbereit ist.

 

Ich bekenne mich:

Ich bin so nicht. Ich bin nicht aus einem Guss. Wir haben alle unterschiedliche Persönlichkeitsanteile in uns, wir haben alle Erfahrungen gesammelt, alle sind wir geprägt von zig Begebenheiten. All dieses auf einen Nenner zu bringen, ist Vergewaltigung der Persönlichkeit. Grundsätzlich teile ich mein Leben in zwei Leben: Das Leben unter den NTs und das Leben mit mir alleine. Im ersten Fall trage ich eine Maske. Ich kenne eure Regeln, ich weiß, was euch wichtig ist usw. und ich erfülle dieses soweit, dass es für mich gerade so erträglich ist, wobei ich sehr oft über die Erträglichkeits-Grenze gehe.

Im zweiten Leben bin ich AS. Und ich will keinen NT in meinem zweiten Leben, der von mir das verlangt, was ich sonst aus meinem NT-Masken-Leben kenne. 

Ich habe schon öfter gelesen, dass AS dazu neigen, alles kategorisieren zu wollen, ich erlebe bei den Neurotypischen, dass sie andere Menschen kategorisieren und dann bei ihrer Kategorisierung bleiben, egal wie die Realität ist, sie blenden diese aus. Oder sie reagieren plötzlich so: „Das hätte ich von Dir nicht erwartet!“, „Ich bin sehr enttäuscht von Dir!“, oft zu lesen, wenn jemand ein Verbrechen begeht: „Das hätte ich nie gedacht!“, oder sich jemand umbringt.

 

Mithilfe meines Neffen und meiner Nichte habe ich festgestellt, dass ein gesundes und vitales Kind nicht aus einem Guss ist. „Aus einem Guss zu sein“ ist etwas Krankes. Kinder sind facettenreich, einfallsreich, in ihren Bedürfnissen breit gefächert. Die Erziehung, die Institutionen, die gesellschaftlichen Normen sorgen dafür, dass ein Kind gestutzt und zurechtgeschnitten wird: Es wird in eine passende Form gepresst, und diese Formpressung schneidet hier und dort Facetten ab, legt Bedürfnisse lahm, will Vitales abtöten, und heraus kommt ein formgepresster, angepasster Mensch, der verlernt, seine Bedürfnisse zu kennen, zu benennen und zu befriedigen. Er wird krank.

Meine Nichte zum Beispiel kann sehr quierlig sein. Letztens habe ich sie ordentlich durchgeschüttelt und sie quiekte dabei und fand das toll. Es kann sein, dass sie ein paar Stunden später ganz ernst mit ihrem Plüschpferd spielt und keiner dabei sein soll. Sie befriedigt ihre Bedürfnisse – eine sehr gesunde Art und Weise.

 

Eine Kollegin hat mir in den letzten Tagen ein wunderbares Beispiel dafür gegeben, wie das funktioniert. Ich habe ihre Aussage übertragen auf viele andere Bereiche. Folgende Situation:

Ich hatte Schmerzen.

Sie fragte: „Hast Du schon Tabletten genommen?“

Ich (war etwas verblüfft): „Nein. Natürlich nicht. Das muss behandelt werden, nicht betäubt.“

Es ging darum, arbeitsfähig zu bleiben.

 

Und so ist es mit einem Menschen, der dazu gezwungen wird, aus einem Guss zu sein: Er soll gesellschaftsfähig bleiben, nicht anecken. Und wenn er aneckt, dann bekommt er die passenden Diagnosen für seinen Facettenreichtum.

Deshalb sollen wir ja auch nicht alles fühlen beziehungsweise, wenn wir es fühlen, dann geht es nur noch darum, es „weg zu kriegen“. Allgemein auch bekannt unter der Aussage: „Lenk Dich doch mal ab!“, was so viel heißt wie: „Fühl nicht, was Du fühlst; nimm es nicht wahr, arbeite nicht konstruktiv daran, blende es einfach aus.“ Was das Gleiche ist wie wenn man zu sich selbst sagt: „Ich will mich nicht mit mir beschäftigen!“

 

Das, was gesund ist, ist in der Gesellschaft verpönt.

Sätze wie:

„Dem zeige ich schon, wie er sich verhalten soll!“

„Der wird schon sehen, dass er damit nicht weiterkommt!“

„Das werde ich dem auch noch austreiben.“

Usw., sind Aussagen, die auf Gewalt hindeuten. Zum Glück handelt es sich oft um erwachsene Menschen. Aber genau das machen sie auch mit Kindern und sie merken nicht einmal, dass sie damit Zerstörung betreiben.

 

Das Thema ist für mich so wichtig, weil ich selbst aus einem Guss sein sollte/soll. Und ich spüre die Traurigkeit darüber, dass viele Bereiche in mir stillgelegt wurden (und die ich stillgelegt habe), damit ich geliebt werde. Ich weiß genau, wie ich sein soll, damit ich akzeptiert werde, und ich weiß, wie ich nicht sein soll. Perfekt, sachlich, akkurat, freundlich, wenn es geht auch gläubig, nicht aneckend, stets verständnisvoll, arbeitsam (sehr wichtig!), strebsam – das ist akzeptabel. Aber es gibt Facetten in mir, die andere Dinge wollen und ich bin dabei, diese Dinge zu erfüllen.

Aber an einem freien Tag ohne ein schlechtes Gewissen etwas zu tun, was nicht irgendwie mit Arbeit zu tun hat … das scheint mir immer noch ein weiter Weg zu sein.

Mal wütend auf jemanden sein, weil er seine Arbeit nicht richtig gemacht hat – ach Du meine Güte … danach fühle ich mich derart schlecht, als hätte ich ein Verbrechen begangen. Meinen Chef um Urlaub bitten: Darüber denke ich drei Tage nach. Es gibt viele Beispiele.

 

Also, wenn Du mich wirklich kennen lernen willst, dann erwarte nicht, dass ich aus einem Guss bin. Vergiss es! Ich kann witzig sein, geradezu schauspielerisch clownhaft; ich kann sehr ernst und rational sein, kalt wirken; ich kann stundenlang schweigen, mich kaum bewegen, kaum reagieren, wie weggebeamt erscheinen; ich bin froh, wenn ich delegieren darf und ich bin an anderen Tagen froh, wenn ich nicht delegieren muss; ich bin an manchen Tagen sehr geduldig, an stressigen Tagen sehr ungeduldig.

Es gibt Verhaltensweisen an mir, auf die man sich aber stets verlassen kann, da gibt es nur minimale Schwankungen, die kaum merklich sind. Das ist dann eine natürliche Festlegung, eine gesunde Festlegung.

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Weihnachten

Ich habe einige Zeit nichts veröffentlicht. Das liegt daran, dass ich so viele Themen verschriftlichen möchte und meistens versuche, diese in einen einzigen Text zu quetschen, was dann aber unsystematisch und überfordernd wird. Also habe ich beschlossen, mehrere Texte zu unterschiedlichen Themen zu schreiben.

 

Immer wieder fällt es mir auf, dass Weihnachten die Zeit der sozialen Veranstaltungen ist. Und damit meine ich nicht einmal das eigentliche Weihnachtsfest am 24.12., sondern den ganzen Tumult drumherum und vorher. Insbesondere vorher.

 

In den letzten Jahren ist mir das primär im beruflichen Bereich aufgefallen: Weihnachtsfeiern, Weihnachtsessen, Wichteln, Geschenke und so weiter. Ich habe mich nie involvieren lassen, da ich a) kein Interesse an solchen Veranstaltungen mit Kollegen habe (Kollegen sind Kollegen, keine Freunde. Mit Kollegen arbeite ich) und b) meine Nichtteilnahme keine negativen Auswirkungen auf meine berufliche Situation hat (abgesehen von den eh bereits bestehenden Überzeugungen, dass ich „anders“ bin).

 

Für andere ist das wichtig: Dann können sie sich über private Themen austauschen (Kinder, Familie, Krankheiten, Hobbys usw.), sich näher kennen lernen, ihre soziale Stellung festigen, andere besser einschätzen – mir ist das vollkommen gleichgültig.

Ich muss mich nicht austauschen über meine privaten Themen. Ja, welche sollten das auch sein? Über meine Spezialinteressen rede ich sowieso sehr selten mit Menschen, die ich nicht gut kenne. Mit meiner Schwester kann ich stundenlang über Transaktionsanalyse reden aber mit Kollegen mache ich das nicht. Nein, danke, kein Interesse. Wenn ich irgendwann Therapeutin bin, dann können die Leute gerne gegen Bezahlung zu mir kommen und ich sage ihnen was dazu.

 

„Napoleon“ ist auch nicht unbedingt das bevorzugte Small-Talk-Thema. Genauso wenig wie Ornithologie. Das einzige Small-Talk-Thema, welches ich mit Kollegen ohne große Probleme thematisieren kann, ist Arbeit.

Aber wer will schon bei einem Weihnachtsessen über Arbeit sprechen? Bei einer gebratenen Gans an Blattsalat, kommt das Thema nicht so gut, will ich meinen. Mein Chef würde höchstwahrscheinlich über Arbeit sprechen. Mit dem könnte ich mich dann stundenlang darüber unterhalten, welche Aufträge in Zukunft bevorstehen, mich würden auch seine vergangenen beruflichen Aktivitäten interessieren (er war öfter selbstständig).

Mich interessiert schon lange, wie man sich selbstständig macht und was man berücksichtigen muss.

 

Eine andere Möglichkeit wäre, dass ich in eine Beobachterposition gehe und mir anschaue, aus welchen Persönlichkeitsanteilen wer agiert. Eine sehr interessante Beschäftigung, aber dafür brauche ich keine Kollegen und kein Weihnachtsessen, das kann ich auch anderswo haben, dafür könnte ich auch im Internet eine „Talk-Runde“ anschauen und währenddessen gebratenes Schweinefleisch mit Sojasoße zu mir nehmen – was weitaus entspannter ist.

 

Es ist etwas Neues in meinem Leben hinzugekommen, was es vorher nicht gab: Ich bin Mitglied in einem Kampfsportverein. Sehr interessant ist für mich, dass viele Menschen die Mitgliedschaft in so einem Verein als soziale Anlaufstelle nutzen. Dann gibt es plötzlich Mitgliederversammlungen, Weihnachtsmarkt-Treffen, Weihnachtsfeiern für unterschiedliche Gruppen. Natürlich alles auf Kosten der sonstigen Trainingseinheiten. Informationen lauten dann so: „Montagabend ist kein Training, wir treffen uns auf dem Weihnachtsmarkt.“

Und ich denke dann regelmäßig: Schön für euch, ist dieses Jahr überhaupt nochmal Training? Ich war diese Woche nicht ein Mal zum Training, weil ständig irgendein Sozialkram war. Ich denke, dass sich das im Januar wieder beruhigen wird.

 

Das zu dem Thema „Veranstaltungen“.

 

Ein weiteres Thema hat mit Licht zu tun. Ich mag spezielle Lichter. Zum Beispiel Lichter an Weihnachtsbäumen. Gestern stand ich längere Zeit in einem Buchladen und schaute mir einen Laser an, der grüne und rote Punkte auf eine Wand projizierte: Die kleinen Punkte bildeten erst eine Art Kreis und strömten dann ganz langsam auseinander, das war sehr angenehm für mich und beruhigend zugleich. Leider gab es das Teil nicht zu kaufen, ich hätte es wahrscheinlich mitgenommen. Wichtig war mir, dass es sich sehr langsam bewegt und sich die Farben oder Formen nicht groß verändern, sondern eine immer gleiche Wiederholung zeigen (erst der Kreis, dann das Auseinanderströmen und zuletzt das wieder Zusammenfinden). Alles andere wäre für mich zu überreizend.

 

Und dann kommen die andere Menschen: Meine Güte, wie viele Häuser ich schon gesehen habe, auf deren Wand irgendein Lichtzeug projiziert wird – herumflitzende Sterne oder was weiß ich alles …

Ich habe dazu Fragen: Warum kauft sich jemand einen Lichtprojektor, der etwas an die Hauswand projiziert, was er selbst gar nicht sieht?

Dieses Phänomen ist mir schon mal aufgefallen, was aber nichts mit Weihnachten zu tun hat. Es gibt Menschen, die etwas auf ihre Fensterbank stellen, wobei die Frontseite nicht nach innen, sondern nach außen zeigt. Gern genutzt werden Porzellantiere. Ein Reh zum Beispiel. Das Reh schaut also nicht in den Raum hinein, sondern hinaus.

Was soll sowas?

Ich habe Antworten überlegt:

a)      Die Besitzer wollen den vorbeilaufenden Passanten „eine Freude machen“.

b)   Sie finden es selbst ganz toll, wenn sie an irgendeinem Haus vorbeilaufen und sie ein Porzellan-Reh anschaut oder sie die mit Lichtern ausgefüllte Hauswand betrachten können.

 

Das liest sich so, als wäre das was Altruistisches, aber das ist es nicht. Menschen, die das machen, gehen davon aus, dass andere genauso ticken wie sie und das toll finden. Sie drängen den anderen ihre „Tollheiten“ (im doppelten Wortsinn, fällt mir gerade auf) auf.

 

Es ist faszinierend für mich.

 

Ein anderes „Licht-Phänomen“ hat mit Hunden zu tun. Ich saß abends auf meinem Balkon herum und sah aus dem Augenwinkel etwas blinken. Ein Hundebesitzer hatte seinem Hund ein blinkendes, grünes Halsband umgelegt.

Auch hier die Frage: Warum? Was soll sowas?

Hat er Angst, seinen Hund zu verlieren? Hat er Sorge, auf ihn drauf zu treten, wenn das Tier nicht wild blinkend in der Nacht zu sehen ist?

Oder denkt er gar, dass das Tier Licht bräuchte, um zu sehen, wo es hinkacken kann?

Oder geht es hier wieder nur um: „Das ist doch sooo schön!“?

 

Ich werde diesen Fragen noch nachgehen, da ich mehrere Kollegen habe, die Hunde besitzen. Vielleicht habe ich das Glück, dass jemand für seinen Hund solch ein Halsband gekauft hat, dann kann ich den Grund näher erfragen.

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Angst - Begegnung

Schon vor dem Ereignis, welches ich schildern möchte, hatte ich zig Situationen erlebt, in denen in mir Angst ausgelöst oder mir Angst gemacht wurde. Meine Kindheit war durchzogen von Angst machendem Glauben, und so lernte ich das Gefühl Angst schon früh kennen. Und da meine Familie kein offensichtliches Interesse daran hat, ihre eigenen Ängste zu hinterfragen und zu fühlen, erlebte ich auch noch deren Ängste, ohne dass sie ausgesprochen wurden.

 

Es war an einem Sonntagmorgen. Ich war 15 oder 16 Jahre alt. Es ist Brauch, dass Kinder jener Konfession, der ich angehörte, nach ihrer Konfirmation mit 14 Jahren sofort in den Kirchenchor eintreten. Zuvor hatte man natürlich bereits im Kinderchor gesungen. Nun war es also so, dass ich im Kirchenchor singen „durfte“, mit den großen. Sopran sang ich. Natürlich gab es auch andere Chöre: Jugendchöre, spezielle Chöre, einen Gospelchor hatten wir auch mal. Ich war mit dabei.

 

Im Kirchenchor stand ich sehr weit vorne. Heißt: Wenn der Chor sich erhob und sich gen Dirigent wendete, stand ich an 1. oder 2. Position. An jenem Sonntagmorgen stand ich ganz vorne, links und rechts die anderen, hinter mir auch viele. Vor mir der Dirigent, hinter ihm die Gemeinde, die den Chor anstarrte. Ich hielt die Chormappe in meinen Händen und trällerte mit. Plötzlich, wie aus dem Nichts, beschleunigte sich mein Herzschlag und ich zitterte am ganzen Körper, sodass mir beinahe die Mappe aus der Hand fiel. Ich schlug die Chormappe zu, legte sie auf die Bank und verließ das Kirchenschiff. Ich ging auf Toilette und sah mir meinen Körper an: Ich hatte keine Kontrolle über dieses Zittern. Mein ganzer Körper zitterte. Ich sah meine Hände an.

 

Was war los?, fragte ich mich. Es war sonderbar: Als diese Symptome auftraten, hatte ich kein Gefühl gespürt, sondern nur eine starke körperliche Bedrängnis, und den Gedanken: „Weg hier!“ Das Gefühl kam erst als ich den Chor verlassen hatte: Angst, Panik. Ich hatte es nicht unter Kontrolle. Sicherlich werde ich schnell geatmet haben, wie das so ist, wenn Adrenalin ausgeschüttet wird und man nicht geübt ist in solchen Dingen. Ich habe nie wieder vorne im Chor gestanden. Mit mir stimmte irgendetwas nicht, das wusste ich. Mir war es auch vorher klar gewesen, aber dieses Ausgeliefertsein war neu und sehr beängstigend.

 

Heute weiß ich, dass es nicht unüblich ist. Ich habe einige Texte von Aussteigern dieser Konfession gelesen, die ähnliches beschrieben: Plötzlich war da diese Angst. Plötzlich zitterte ich am ganzen Körper. Plötzlich fühlte ich mich bedroht. Usw.

 

Eine ähnliche Situation gab es später in meinem Leben nochmal. Es ist so, als würde jeder erdenkliche Halt nicht mehr existieren, und Du fällst in ein dunkles Nichts und niemand, und nichts kann Dir helfen. Du weißt: Du bist ganz alleine damit, dort ist nur dieses schwarze Nichts, und es fühlt sich an, als würden sich alle zuvor zusammengefügten Teile loslösen und herumschwirren in einem Raum ohne Schwerkraft. Machtlos. Du kannst nichts tun.

 

Heute weiß ich, dass das genau der richtige Weg ist: Diese Ohnmacht spüren.

 

Ich glaube dann, dass ich sterben werde. Und auch wenn ich bei dem einen Mal nicht sterbe, dann gewiss beim nächsten Mal.

 

Das zweite Mal in meinem Leben, als diese Angst eintrat und alles erschüttert wurde und ich ins Nichts stürzte, alles in mir zerteilt wurde, war ich einige Jahre älter und es ging um einen Bildungsabschluss. Plötzlich (wieder mal) war meine Angst da, im ungeeignetsten Moment, während einer Klausur. Alles wurde wieder zerteilt und ich sowie alles Geregelte, Festgesetzte zerfiel in tausend Teile. Ich war machtlos. Ich lernte dann, um diesen Abschluss zu erreichen und die Klausuren zu überstehen, ruhig zu atmen, während mein Körper in Panik Adrenalin ausschüttete.

 

Autogenes Training, während das Herz in der Brust rast, das ist eine Kunst. Aber nicht die Lösung. Mit ach und krach habe ich diesen Abschluss erzwungen (anders lässt sich das nicht ausdrücken, ich war sehr verzweifelt).

 

Jetzt habe ich den Eindruck, dass folgender Mechanismus betätigt wurde: Ich habe meine Gefühle verdrängt und nicht fühlen wollen; um meine Aufmerksamkeit aber darauf zu lenken, habe ich meinen Körper unbewusst instrumentalisiert. Oder simpel ausgedrückt: Die Teile in mir, die gehört werden wollten, sagten: „Hey! Schau uns mal an!“

 

Insbesondere wenn es um Angst geht, schaue ich oft noch weg. Angst ist ein Grundbestandteil meines Lebens, und in den meisten Fällen empfinde ich zu 80 Prozent Angst, das andere ist etwas anderes (abgesehen von den Grundbedürfnissen). Ich kann mit dieser Angst leben, aber oft will ich sie nicht sehen, und schon gar nicht, wenn sie mich plötzlich erfasst und ich sie gerade nicht brauchen kann. Aber eigentlich möchte ich sie akzeptieren.

 

Früher habe ich gedacht, sie sei ein Feind, ein ekliges Etwas, was ich bekämpfen muss. Für die Zukunft, vielleicht sogar für die nahe Zukunft, ist in meinem Leben ein Projekt geplant, welches dazu führen wird, dass ich mich ihr zuwende, um zu sehen, was da los ist.

 

Aber momentan habe ich noch Angst vor dem „Projekt Angst“.

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Depressive Phasen

Vor ein paar Tagen hatte ich während einer Arbeitspause ein Gespräch mit einer Kollegin. Woran auch immer es liegt, Menschen erzählen mir von ihren Schwierigkeiten. Oft will ich das gar nicht hören, weil a) der Rahmen nicht passt, um sich ausgiebig zu unterhalten, b) ich selbst genug Kram habe, mit dem ich mich beschäftige und c) es bei den meisten Menschen nur darum geht, zu reden, und ich schnell feststelle, dass sie kein Interesse haben, das Problem anzugehen. Wobei ich mich teils auch unter die Kategorie c) einordnen muss, da es Probleme gibt, die ich nicht ausgehebelt bekomme.

 

Diese Kollegin erzählte mir also von ihren Depressionen. Mir sind starke depressive Phasen aus meiner Vergangenheit bekannt, bis hin zu Suizidgedanken, die immer noch ein großes Tabuthema in der Gesellschaft sind. Interessanterweise teilte sie mir mit, dass sie es schon oft erlebt habe, dass sich Menschen von ihr abwenden, wenn sie hören, dass sie teils so starke Depressionen habe, dass sie tagelang im Bett liege, nicht rede, keinen Kontakt wolle und sich fürchterlich schlecht fühle.

Ich war überrascht, dass sie das erlebt habe, diese Distanz aufgrund von Depressionen. Ich habe darüber nachgedacht.

 

Weshalb distanzieren sich Menschen von jemandem, der Depressionen hat? Liegt es vielleicht daran, dass sie dadurch selbst auf ihre tieftraurigen Persönlichkeitsanteile stoßen? So wie sie mir das schilderte, neigt sie nicht dazu, in diesen Zuständen andere Leute zu kontaktieren. Das heißt: Diejenigen, die mit ihr zu tun hätten, würden diese Phasen womöglich gar nicht mitbekommen, es sei denn, sie würde mit ihnen zusammenleben. Sie distanzieren sich somit von vornherein von diesem Menschen.

 

Sie erzählte mir weiter, dass „Depressionen“ ein Tabuthema sei. Auch das fand ich interessant, ich war immer davon ausgegangen, es wäre eher „Angst“, aber das ist ein privates familiäres Tabuthema bei mir persönlich.

 

Und da ich es mag, Tabuthemen anzusprechen, lege ich mal los:

 

Das, was ich heutzutage von mir kenne, nenne ich nicht „Depressionen“. Ich will es so beschreiben: Es gibt Bereiche in meinem Inneren, die sind so schwarz, dass man, wenn man dort ist, nicht die Hand vor Augen sieht. Dort lebt alles Traurige, Hoffnungslose, Verzweifelte, was ich in meinem Leben verdrängt habe und verdrängen musste. Dies strömt nicht auf mich ein, sondern legt sich temporär wie ein Schatten über alles, was ich sehe, denke, fühle. Und dann ist „Weltuntergangstag“. Dann kommt all das zum Vorschein, was sonst im Verborgenen lebt: Trauer, Angst, Suizidgedanken. Nichts ergibt mehr einen Sinn, alles ist sinnlos. Ich spüre es in meinem Körper: Der Schatten legt sich auf mich und ich spüre keine Kraft mehr in meinem Körper. Alles ist abartig, lästig, ätzend.

 

Hin und wieder habe ich auch Kontakt zu Bereichen, die ich besonders interessant finde: Dort ist alles egal. Ob ich sterbe, lebe, erfolgreich bin, die Welt brennt, irgendetwas funktioniert oder nicht, alles ist egal. Und es gibt die Bereiche, die wütend sind und nicht wissen, wie sie diese Wut gesund fühlen können. Wenn ein Gefühl nicht erlebt werden darf, verdrängen wir es irgendwohin. Diese Wut ist wie eingekerkert. Nicht so wie meine Angst, die mich umgibt wie Wasser. Die Wut in mir sehnt sich nach massiver Selbstzerstörung.

 

Und dann geht es mir sehr schlecht. Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, dass diese Gefühle da sein dürfen. Das ist nicht leicht umzusetzen, weil es sich nicht gut anfühlt und ich die Tendenz habe, all das wieder zu verdrängen, wegzuschieben in andere Bereiche in mir. Aber das Verdrängen und Wegschieben hat ja nicht funktioniert, dadurch ist es nicht besser geworden, also versuche ich es mal mit dem Fühlen dieser Gefühle.

 

Ich verlasse damit den gesellschaftlich akzeptablen Rahmen, der bestimmt, was richtig und was falsch ist, was gesund und was krank. Wahrscheinlich ist das Ideal das „Nicht-Fühlen“. Ich werde mich wohl davon verabschieden müssen, ein Ideal zu sein. „Nicht-Fühlen“ ist für mich keine Option mehr.

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Alkohol

Ich habe beschlossen, ein paar Erlebnisse aus meinem Leben zu erzählen, weil es a) zu meiner Entwicklung gehört und b) es vielleicht Menschen gibt, die ähnliches erlebt haben oder sich gerade in solch einer Situation befinden.

 

Als Jugendliche begann ich aus Verzweiflung Alkohol zu trinken. Nicht nur an Wochenenden oder an freien Tagen, sondern später auch vor der Arbeit. Mein Leben war unerträglich. Ich hielt es nirgends aus und ich wusste nicht, warum. Die Schule war für mich der Horror und ich schwänzte den Unterricht sehr oft und betäubte mich mit Alkohol. Ich wusste zu der Zeit nicht, dass mich jeder zwischenmenschliche Kontakt mehr in Anspruch nahm als andere; dass ich mehr wahr- und aufnahm als andere. Ich wusste aber, dass ich nie – nie meine Ruhe bekam. Immer wollte irgendwer irgendetwas von mir und meine Grenzen wurden überschritten, ich konnte nicht auftanken. Deshalb schwänzte ich die Schule und setzte mich auf einen Friedhof, um endlich mal Ruhe zu haben vor all dem Gerede, den Fragen, den Anforderungen.

 

Ich hielt das alles nicht mehr aus und hatte oft den Gedanken, mich umzubringen.

 

Ich begann eine Ausbildung und stellte fest, dass auch das der absolute Horror war: Eine Ausbildung im Einzelhandelsbereich als Aspie? Nein, danke. Mag sein, dass das welche von euch können, aber für mich ist das der Horror. Zwar habe ich später als Aushilfe in dem Bereich gearbeitet, aber da konnte ich die Stunden selbst bestimmen, das war keine Vollzeitstelle mit „Lehrcharakter“. Eines Tages sagte mein Vorgesetzter zu mir: „Du wirst die nächsten 40 Jahre hier verbringen.“ Das war so, als hätte mir ein Richter lebenslänglich aufgedrückt. Nein! Lieber den Tod als das!

Ich weiß nicht wie viele Faktoren zusammenkommen mussten, bis ich eines Morgens folgende Entscheidung traf: Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr! Ich brauche Hilfe!

 

Und da ich wusste, dass vonseiten meiner Eltern keine Hilfe zu erwarten war, nahm ich die Sache selbst in die Hand: Ich sprach sehr offen mit meinem Chef, ich sprach mit meinem Hausarzt usw. Und so war es dann beschlossen: Ich kam in eine Klinik.

 

Es war ein interessanter Moment, in dem ich mich dazu entschied. Es stand mir so klar „wie Kloßbrühe“ vor Augen, dass es nur zwei Wege gab: Entweder so weitermachen und mich irgendwann umbringen, oder den Pfad abbrechen und was anderes versuchen. Es gab keine Diskussion mehr, kein „sich schämen“ ob der angeblichen Schwäche.

 

Das, was mir am meisten geholfen hat, war, dass ich aus meinem Umfeld heraus konnte. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, ein klein wenig zur Ruhe zu kommen. Die Therapiestunden, die Beschäftigungsmaßnahmen waren sekundär; wichtig war: Ruhe. Endlich alleine sein.

Das hat teilweise Angst und Trauer ausgelöst, die ich nicht beschreiben kann. Von dem Moment bis jetzt, war ein ewig langer Weg.

 

Manchmal, wenn ich nicht zufrieden bin mit dem, was ich momentan leiste, was ich mache, was ich zustande bringe, dann schaue ich mir den Weg an, der hinter mir liegt: So weit bin ich schon gegangen – durch Alkoholmissbrauch, Selbstgeißelung, Angst, Trauer, Verzweiflung, Hass – dass ich erleichterter darauf blicke, was vor mir liegt, welchen Weg ich gewählt habe.

Es sind Millimeterschritte und doch fühlt es sich an, als hätte ich schon tausend Mal die Erde umkreist.

 

Später habe ich begonnen, mir meine Familie anzuschauen, die unerlösten Dinge, die weitergegebenen Muster. Da fand ich einige, die den Alkohol nutzten, um aus der Realität zu fliehen. Teils Menschen, die durch Alkoholabhängigkeit obdachlos wurden und letztendlich ärmlich verreckten.

 

Nie wieder will ich dahin zurück – zu dem Sumpf, der alles Reale verschwommen macht, und die Tage ungelebt dahin dümpeln. Das ist kein lebenswertes Leben. Ich wünsche allen, die Alkohol missbrauchen oder alkoholabhängig sind, dass sie es schaffen, davon wegzukommen. Ich wünsche euch das sehr.

 

Es ist sehr, sehr schmerzhaft, nicht mehr betäubt zu sein, denn dann taut man auf wie jemand, der zuvor eingefroren war. Das ist ein weiter Weg … und er hat seinen Preis: Wie zuvor leben, das geht dann nicht mehr, und meist sind davon auch Beziehungen betroffen (ich habe einige Menschen kennengelernt, die wieder anfingen zu trinken, weil ihr Partner ebenfalls abhängig vom Alkohol ist). Wie gut, dass es in meinem Leben weitaus weniger Beziehungen gibt und ich sehr gut mit mir alleine sein kann.

 

Als es mir derart schlecht ging (auch schon vorher) hatte ich nicht gewusst, wie wichtig für mich Rückzug und Ruhe sind. Nun weiß ich das. Es ist wie Aufatmen, wie Auftanken, wie das Aufsaugen von Stärke. Und was ich über mich lernte war auch, dass ich in derartigen Krisensituationen zu mir stehe, egal wie viele dagegen reden. Mein Fundament ist stark. Woher das auch immer kommen mag.

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Keinen Humor?

Ich habe vorhin einen Artikel gelesen, in dem stand, dass Asperger-Autisten es u.a. so schwer in sozialen Situationen haben, weil sie keinen Humor verstehen. Vor ein paar Tagen habe ich auf Facebook einen Artikel gelesen, in dem stand, dass der typische Aspie nicht lache.

 

Dann bin ich kein Aspie.

 

Ich lache. Viele erleben mich ernst, besonders auf der Arbeit, aber ich bin ein durchaus humoriger Mensch, und wenn ich mal meine Schauspielerkünste raushole (anscheinend kann ich andere Menschen gut nachmachen) oder meine Umschreibungen einer Begebenheit etwas übertreibe oder die Sachen auf den Punkt bringe (zugegeben, da kann auch mal eine etwas derbere Sprache hervortreten), lachen andere, und zwar nicht nur ein wenig, sondern richtig, mit Tränen und derlei Erscheinungen.

 

Ich erinnere mich, dass ich mal in einer „edlen Runde“ eloquenter Musikinteressierter saß und einer versuchte, im elaborierten Sprachstil zu sagen, was er von einem nicht Anwesenden hielt. Irgendwann wurde mir das zu blöd und ich sagte: „Er ist also ein blasiertes Schwein!?“

 

Die Anwesenden waren sehr amüsiert.

 

Ich arbeite in einem Bereich, in dem eher die gesellschaftliche Unterschicht vertreten ist. Zumindest was die Bezahlung angeht. Ich habe meistens mit Kollegen zu tun, die alle an irgendeinem konkreten Merkmal erkennbar sind. Der eine summt vor sich hin und redet mit sich selber. Der andere zeigt eigentümlich Bewegungsabläufe. Wieder ein anderer redet ständig davon, dass er jeden Tag Käsekuchen esse. Eine ehemalige Kollegin hatte die Angewohnheit, sich vor jemanden hinzustellen und diesen anzustarren. (Und wer weiß, was ich selbst alles für Merkmale aufweise …)

 

Besonders die Art, wie sich jemand bewegt (inklusive Mimik) oder wie er redet, scheine ich gut abspeichern und nachahmen zu können.

 

Und das mache ich manchmal. Ich habe Kollegen schon zum weinenden Lachen gebracht.

Von wegen kein Humor …

 

Und jetzt zum Lachen:

 

Ich gebe es zu: Ich wirke teils sehr ernst. Besonders wenn es darum geht, zu arbeiten, dann schaltet mein Kopf auf Logik. Quassel mich dann nicht voll mit irgendwelchen Sachen – ich konzentriere mich gerade. Und wenn dann nicht alles so läuft, wie ich das will, dann gehen andere auch schon mal in Deckung. Aber ich lache trotzdem („wenn es einen Anlass zum Scherzen gibt, schmunzle ich gern einmal“ – um mal Loriot zu zitieren). Meistens über mich selbst oder darüber, was ich gerade denke oder über lustige Wortkombinationen. Manchmal gibt es auch Menschen, die genau meinen Humor treffen. Das ist aber eher selten.

 

Ich stand mal in einem Einkaufsladen und schaute so herum. Hin und wieder finde ich sowas interessant: Die Menschen wuseln herum, reden alles Mögliche; dann schaue ich mir Schilder an und lese, was da so steht, manchmal entdecke ich Rechtschreibfehler usw. Und da las ich auf einem Schild eines in den Supermarkt integrierten Schnellrestaurants: „Heute. Cordon Blue.“ Das fand ich amüsant und habe das im Kopf weitergesponnen: „Heute im Angebot: Cordon Green … Cordon mit grünschleimiger Soße …“ Ja, das ist lustig und dann lache ich auch oder schmunzle zumindest.

 

Ach ja … die Autisten, die ich kenne, lachen übrigens auch. „Keinen Humor verstehen“ – diese Hypothese müsste deutlicher umschrieben werden. Vielleicht wurde dort auch Humor mit Ironie gleichgesetzt. Ja, das ist dann schon schwieriger zu verstehen. Und Witze: Ich habe seit einigen Jahren einen einzigen Lieblingswitz, den ich nicht müde werde, lustig zu finden. Aber es gibt Witze, die verstehe ich nicht (oder erst nach ein paar Jahren).

 

Aber generell zu sagen: „Aspies verstehen keinen Humor“. Oder „der typische Aspie lacht nicht“. Das entspricht m.E. nicht der Realität, sonst wäre ich eine Ausnahme unter den Aspies, die ich bereits persönlich kennen gelernt habe.

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Verhalten - Gesprächsthemen

Vorab: Mich interessiert das Verhalten anderer Menschen, deshalb thematisiere ich das hier. Ich bin mit diesem Text, den ich geschrieben habe, nicht hundertprozentig zufrieden. Um dieses Bedürfnis nach Perfektion zu durchbrechen, veröffentliche ich den Text trotzdem.

 

Also los:

 

Wenn ich selbst recht zufrieden und in einem guten Kontakt mit mir bin, dann verwende ich Energie dafür, mein Umfeld zu betrachten und zu analysieren. Das Thema „Smalltalk“ habe ich hier schon zuhauf angesprochen, aber noch nicht so detailliert, wie ich es jetzt wahrnehme. Es gibt zig Verhaltensweisen, die mir fremd sind und die ich hinterfrage. In diesem Text geht es um „Gesprächsthemen“:

 

Fallbeispiel Nummer 1:

 

Ich kenne eine Person, die ein interessantes und für mich sehr oft anstrengendes Verhalten an den Tag legt, welches ich noch nicht hinreichend verstehe. Warum verhält sich diese Person so?, frage ich mich dann.

Innerhalb weniger Minuten bringt sie zahlreiche unterschiedliche Gesprächsthemen an. Ich werde einen Anteil daran haben, weshalb sich die Person mir gegenüber so verhält. Die „Dialoge“ hören sich dann so an:

 

Person: „Das Wetter ist ja heute auch gut.“

Ich: „Mhm.“

Person: „Gestern waren wir ja auf der Geburtstagsfeier von x.“

Ich: „Ja. Hat es Dir gefallen?“

Person: „Ja. Wir sind nicht lange geblieben.“

Ich: Schweigen.

Person: „X und Y haben sich ja verlobt.“

Ich: „Mhm.“

Person: „Morgen soll es wieder schlechter werden.“

Ich: „Was genau?“

Person: „Das Wetter.“

Ich: „Achso.“

 

Beispiel Ende.

 

Ich merke gerade selber, dass ich der Antwort, weshalb diese Dialoge so geführt werden, näher komme: Anscheinend möchte die Person Kontakt zu mir aufnehmen, weiß aber nicht mit welchem Thema. Deshalb geht sie unterschiedliche Themen in schneller Folge durch.

Mich interessieren Unterredungen überhaupt nicht, die mit dem Austausch von Neuigkeiten über andere Leute zu tun haben. Da beißt man bei mir auf Granit. Ob x oder y verlobt ist, ob jemand ein neues Auto hat, nach Spanien geflogen ist oder sonst was – all das interessiert mich nicht. Wie es meinem Gesprächspartner dabei geht oder warum mein Gesprächspartner das thematisiert, interessiert mich, denn das berührt sein Gefühlsleben. Manchmal versuche ich, diese Unterredung dorthin zu führen. Dann hört sich das so an (gleicher Gesprächspartner):

 

Person: „Ich wusste gar nicht, dass die sich verlobt haben.“

Ich: „Hättest Du das gerne eher gewusst?“

Person: „Na ja … eigentlich ist das auch egal. Aber irgendwie ist es komisch.“

Ich: „Was ist komisch?“

Person: „Dass man das als letzter erfährt.“

Ich: „Ist das ein Problem für Dich?“

Person: „Nein! Ein Problem ist das nicht.“

Usw.

 

Solche Unterredungen sind schwierig für mich, denn ich weiß, dass die Person ein Problem damit hat, dass sie irgendetwas nicht erfahren hat, aber gleichzeitig leugnet sie das. Für mich ist das ein Indiz dafür, dass es hier um eine „alte Sache“ geht. Es geht nicht um die aktuelle Situation, sondern um etwas, was die Person bereits seit langer Zeit kennt – z.B.: Sie wird nicht informiert; sie fühlt sich ausgeschlossen usw. Aber dies begreiflich zu machen, ist für mich unmöglich, wenn ich mit zwei Personen in dem Gesprächspartner rede: Eine Person, die es leugnet, und eine Person, die sich ärgert. Und selbst wenn ich mal länger mit der Person spreche, die sich ärgert und die empfänglich dafür ist, dass es womöglich gar nicht um die Jetztsituation geht, kann ich ziemlich sicher sein, dass diese Überlegung nichts bewirkt und in kommenden Momenten das Spiel von vorne beginnt.

 

Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen möchte oder ob ich überhaupt weiterhin damit umgehen will.

 

Fallbeispiel Nummer 2:

 

Ich habe es oben bereits angedeutet: Das permanente Reden über Ereignisse, die andere Menschen betreffen (die nicht zugegen sind). Letztens war ich im Wald spazieren und setzte mich auf eine Bank. Zwei laut vor sich hinsprechende ältere Damen kamen vorbei und ich hörte (zwangsweise) diesen kurzen Dialogausschnitt:

 

Dame 1: „Die hat sich scheiden lassen und hat jemanden im Internet kennen gelernt. Dann ist sie nach Bayern gezogen.“

Dame 2: „Und jetzt ist sie wieder hier?“

Dame 1: „Nein, nein. Die lebt immer noch in Bayern.“

 

Wenn ich sowas höre, dann habe ich zig Fragezeichen im Kopf:

Warum sprechen zwei Menschen über solch ein Thema?

Was nützt es ihnen, das zu besprechen?

Ist ihr Leben derart langweilig, dass sie die Ereignisse im Leben anderer Menschen besprechen müssen?

Was würde passieren, wenn sie besprechen würden, was in ihnen gerade vorgeht?

Was würde passieren, wenn sie gar nicht sprechen würden?

 

Ich weiß es nicht. Ich bin auch ziemlich sicher, dass ich keine schlüssige Antwort erhalten würde, wenn ich nachfragen würde.

 

 

Fallbeispiel Nummer 3:

 

Ständige Kritik.

 

Egal um was es geht: Jemand lässt sich scheiden, jemand hat Schulden, jemand ist arbeitslos etc. Die Personen werden kritisiert. Ein Ungleichgewicht wird hergestellt zwischen der Person, die kritisiert und der Person, die sich z.B. scheiden lässt. In der Transaktionsanalyse würde man sagen: Die Person, die kritisiert, vermittelt, dass sie okay ist, und zeigt mit ihrer Kritik an der anderen Person, dass diese nicht okay ist.

 

Wir leben alle (die einen mehr, die anderen weniger) in einem Muster. Es gibt Situationen, in die jeder von uns immer mal wieder „gerät“ – oder anders, damit die Selbstverantwortlichkeit klar wird: Jeder von uns inszeniert sein Muster. Z.B. gibt es Menschen, deren Beziehungen immer scheitern – meistens auch aus ähnlichen Gründen. Das ist ein Muster, welches inszeniert wird. Von beiden Parteien.

Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage: Diese Muster sind durchbrechbar. Aber erst, wenn man verstanden hat, was sie zeigen, welche frühen Verletzungen sie thematisieren, und wenn man dann diese frühen Verletzungen gefühlt hat. (Nicht dass das falsch verstanden wird: In meinem Leben gibt es noch zig bewusste und unbewusste Muster. Und wahrscheinlich wird es immer Muster geben, die sich erst nach und nach zeigen.)

 

Mir ist auch in solchen Situationen noch nicht hinreichend klar, weshalb alles Mögliche kritisiert wird.

Spricht der Kritiker vielleicht nur nach, was er selbst als Kind von seinen Eltern gehört hat?

Kritisiert er, um für sich zu erleben, dass er in Ordnung ist und der andere nicht?

Kritisiert er, weil er sich eigentlich selbst nicht okay findet und nun eine Chance sieht, das umzukehren?

Kritisiert er etwas, was er selbst gerne hätte/möchte? (Scheidung z.B.)

 

Wenn ich jemanden ähnlich kritisiere, dann liegt das daran, dass es mir zum Beispiel nicht gut geht oder dass ich irgendein Bedürfnis in mir nicht wahrgenommen habe, und ich dieser Unzufriedenheit (versteckt) Ausdruck verleihen will. Ähnlich wird es teilweise bei anderen auch sein.

 

Aber grundsätzlich ist es so:

Auch hier komme ich bis jetzt nicht an den Kern der Sache, weil mein Gesprächspartner sich dann abschottet. Manchmal versuche ich, herauszufinden, weshalb Kritik geübt wird, aber dann zieht mein Gesprächspartner eine Mauer um sich und der Teil, der Kritik geübt hat, hat sich verabschiedet.

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Sehnsucht

“I went to the woods because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived.”

 

(Henry David Thoreau, Walden)

 

 

Manchmal möchte ich fortgehen von dem, was und wie ich lebe; ich möchte den Tumult der Menschwelt verlassen, mit so wenig materialem Ballast wie nur möglich. Ich möchte meine Sachen größtenteils verkaufen und den Rest irgendwo unterstellen, und fort gehen. Ich weiß nicht genau, wohin, aber weggehen will ich.

 

Dorthin, wo mir kaum ein Mensch begegnet, wo es still ist.

Dorthin, wo ich Wälder, Berge, Wasser sehe.

Dorthin, wo niemand Musik abspielt, wo kein Auto fährt und keiner redet.

Ich will morgens den Sonnenaufgang im Nebel sehen.

Wandern will ich.

Ich will wandern und dann einen See erblicken, der sich vor mir auftut.

Ich will von weitem Berge sehen und diesen entgegen gehen. Stundenlang.

Ich will das Rauschen des Windes in den Bäumen hören.

 

Niemand soll mir begegnen auf meinem einsamen Weg.

 

Schlafen will ich. Ich will mich im Sommer in den Schatten eines Baumes legen und schlafen.

Nichts tun will ich. Ich will an einem See, auf einem Berg oder einer Erhöhung eines Waldes sitzen und einfach nur gucken. Schauen, wie die Wolken am Himmel wandern, wie ein paar vereinzelte Vögel sich am Himmel bewegen, wie Falken kreisen, wie sich das Gras im leichten Wind bewegt.

Schweigen will ich. Des Morgens, des Mittags und des Abends.

Ich will nachts aufwachen und feststellen, dass es still ist, dass kein Lärm gemacht wird.

Lesen will ich. Was sich lohnt zu lesen, will ich lesen.

Schreiben will ich. Was sich lohnt zu schreiben, will ich schreiben.

 

Ja, manchmal denke ich daran, wegzugehen. Dann spüre ich eine Sehnsucht in mir wie Fernweh.

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Zwei Wege

Ich habe einen großen Vorteil gegenüber vielen anderen Menschen: Es ist okay für mich, alleine zu sein; Teil eines Sozialgefüges zu sein ist mir nicht so wichtig wie ihnen. Ich habe gelernt, dass die allermeisten Menschen, die nicht aspergertypisch sind, auch im Beruf die soziale Nähe suchen und darunter leiden, wenn sie bei privaten Unterredungen ausgeschlossen werden – in den Pausen oder während Arbeitssituationen, in denen gesmalltalkt wird. Ich dagegen suche das Alleinsein und die Ruhe, es ist mir nur lieb, wenn ich nicht eingebunden werde.

 

Das ist der Vorteil, den ich habe, da ich sowieso einen einsamen Weg begehe und weiter begehen werde:

 

Durch meine Arbeit an mir selbst, entferne ich mich immer mehr von anderen Menschen. Woraus besteht diese Arbeit an mir selbst? Es ist: Das Betrachten von vermittelten Überzeugungen und die Verwerfung derselben; das Fühlen von verdrängten Gefühlen; das Analysieren von Denkweisen, die destruktiv sind; das Aushebeln von Verboten (z.B. nichts erreichen zu dürfen); das Umgehen und Entlarven von Gefühlen, die mit dem Jetzt nichts zu tun haben; die Annahme meines Körpers und das Herausfinden, was ich möchte und was mir gut tut; das „richtige“ Sprechen bzw. die „richtige“ Nutzung von Sprache, um nicht weiterhin alles Vermittelte zu bekräftigen/verstärken (Beispiel: „Da muss man durch!“), und einiges mehr, was aber zum Erklären zu umfangreich wäre, da ich davon ausgehe, dass die meisten meiner Leser nicht die Kenntnisse der Transaktionsanalyse haben wie ich.

 

 

Wenn ein Mensch, der auf das Sozialgefüge weitaus mehr angewiesen ist als ich, diese Selbst-Arbeit auf sich nimmt, wird er womöglich schnell feststellen, dass sich eine Kluft zwischen ihm und den anderen auftut. Mir ist diese Kluft seit meiner Erdenzeit bekannt – das ist nichts Neues, ich kann damit umgehen. Aber jemand der nicht geübt ist? Das stelle ich mir sehr schwer vor.

 

Diese Selbst-Arbeit bleibt auch nicht ohne Folgen. Ich habe mich deswegen von zwei Freundschaften getrennt, da mir klar wurde, welche irreale Funktion sie haben – dort wurden viele Überzeugungen bestätigt, die ich in meiner Kindheit vermittelt und übernommen hatte. Ebenso wird es den meisten Menschen in Beziehungen gehen: Sie sind mit jenen Partnern zusammen, weil diese das Bekannte vermitteln (oder sie stellen fest, dass sie den anderen geheiratet haben, weil er sich so wie ein Elternteil verhält); will man sich nun aber von diesem Bekannten lösen, ist womöglich eine Trennung kaum zu umgehen.

 

Auch deshalb ist es so schwer.

 

Ich weiß nicht, ob es noch mehr Wege gibt, aber ich sehe momentan zwei:

  1. Das Verharren im Bekannten – das ist sicherer und angenehmer aber weitaus unvitaler. Das bedeutet: Weiterhin vor sich selbst fliehen, Gefühle nicht fühlen, z.B. Überzeugungen der Eltern predigen und leben usw.
  2. Der Weg zu sich selbst – der ist unangenehmer, mitunter gefährlich aber weitaus vitaler. Das bedeutet: Sich selbst anschauen, Gefühle fühlen, übernommene Überzeugungen anzweifeln usw.

 

Mein Eindruck ist, dass sich die allermeisten für Weg 1 entscheiden. Das hat gute Gründe. Weg 2 ist ein teils sehr beängstigender, einsamer und kalter Weg. Er ist riskant. Und manchmal denke ich, ich komme gar nicht mehr aus dem Dunkeln, welches ich in mir entdeckt habe, heraus. Aber doch: Immer wieder tauche ich auf daraus und dann erlebe ich eine temporäre Ruhe, für die es sich lohnt, ins Dunkle zu gehen.

 

Und so ist es gut, dass ich Asperger-Autist bin, denn sonst müsste ich auch noch mit der Tatsache klarkommen, dass ich mich immer weiter von den anderen entferne. Ich merke es zwar trotzdem, dass mir das Leben der meisten anderen Menschen immer absonderlicher erscheint, aber ich leide nicht darunter, dass ich kein Teil ihres Sozialgefüges bin.

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