Angst - Begegnung

Schon vor dem Ereignis, welches ich schildern möchte, hatte ich zig Situationen erlebt, in denen in mir Angst ausgelöst oder mir Angst gemacht wurde. Meine Kindheit war durchzogen von Angst machendem Glauben, und so lernte ich das Gefühl Angst schon früh kennen. Und da meine Familie kein offensichtliches Interesse daran hat, ihre eigenen Ängste zu hinterfragen und zu fühlen, erlebte ich auch noch deren Ängste, ohne dass sie ausgesprochen wurden.

 

Es war an einem Sonntagmorgen. Ich war 15 oder 16 Jahre alt. Es ist Brauch, dass Kinder jener Konfession, der ich angehörte, nach ihrer Konfirmation mit 14 Jahren sofort in den Kirchenchor eintreten. Zuvor hatte man natürlich bereits im Kinderchor gesungen. Nun war es also so, dass ich im Kirchenchor singen „durfte“, mit den großen. Sopran sang ich. Natürlich gab es auch andere Chöre: Jugendchöre, spezielle Chöre, einen Gospelchor hatten wir auch mal. Ich war mit dabei.

 

Im Kirchenchor stand ich sehr weit vorne. Heißt: Wenn der Chor sich erhob und sich gen Dirigent wendete, stand ich an 1. oder 2. Position. An jenem Sonntagmorgen stand ich ganz vorne, links und rechts die anderen, hinter mir auch viele. Vor mir der Dirigent, hinter ihm die Gemeinde, die den Chor anstarrte. Ich hielt die Chormappe in meinen Händen und trällerte mit. Plötzlich, wie aus dem Nichts, beschleunigte sich mein Herzschlag und ich zitterte am ganzen Körper, sodass mir beinahe die Mappe aus der Hand fiel. Ich schlug die Chormappe zu, legte sie auf die Bank und verließ das Kirchenschiff. Ich ging auf Toilette und sah mir meinen Körper an: Ich hatte keine Kontrolle über dieses Zittern. Mein ganzer Körper zitterte. Ich sah meine Hände an.

 

Was war los?, fragte ich mich. Es war sonderbar: Als diese Symptome auftraten, hatte ich kein Gefühl gespürt, sondern nur eine starke körperliche Bedrängnis, und den Gedanken: „Weg hier!“ Das Gefühl kam erst als ich den Chor verlassen hatte: Angst, Panik. Ich hatte es nicht unter Kontrolle. Sicherlich werde ich schnell geatmet haben, wie das so ist, wenn Adrenalin ausgeschüttet wird und man nicht geübt ist in solchen Dingen. Ich habe nie wieder vorne im Chor gestanden. Mit mir stimmte irgendetwas nicht, das wusste ich. Mir war es auch vorher klar gewesen, aber dieses Ausgeliefertsein war neu und sehr beängstigend.

 

Heute weiß ich, dass es nicht unüblich ist. Ich habe einige Texte von Aussteigern dieser Konfession gelesen, die ähnliches beschrieben: Plötzlich war da diese Angst. Plötzlich zitterte ich am ganzen Körper. Plötzlich fühlte ich mich bedroht. Usw.

 

Eine ähnliche Situation gab es später in meinem Leben nochmal. Es ist so, als würde jeder erdenkliche Halt nicht mehr existieren, und Du fällst in ein dunkles Nichts und niemand, und nichts kann Dir helfen. Du weißt: Du bist ganz alleine damit, dort ist nur dieses schwarze Nichts, und es fühlt sich an, als würden sich alle zuvor zusammengefügten Teile loslösen und herumschwirren in einem Raum ohne Schwerkraft. Machtlos. Du kannst nichts tun.

 

Heute weiß ich, dass das genau der richtige Weg ist: Diese Ohnmacht spüren.

 

Ich glaube dann, dass ich sterben werde. Und auch wenn ich bei dem einen Mal nicht sterbe, dann gewiss beim nächsten Mal.

 

Das zweite Mal in meinem Leben, als diese Angst eintrat und alles erschüttert wurde und ich ins Nichts stürzte, alles in mir zerteilt wurde, war ich einige Jahre älter und es ging um einen Bildungsabschluss. Plötzlich (wieder mal) war meine Angst da, im ungeeignetsten Moment, während einer Klausur. Alles wurde wieder zerteilt und ich sowie alles Geregelte, Festgesetzte zerfiel in tausend Teile. Ich war machtlos. Ich lernte dann, um diesen Abschluss zu erreichen und die Klausuren zu überstehen, ruhig zu atmen, während mein Körper in Panik Adrenalin ausschüttete.

 

Autogenes Training, während das Herz in der Brust rast, das ist eine Kunst. Aber nicht die Lösung. Mit ach und krach habe ich diesen Abschluss erzwungen (anders lässt sich das nicht ausdrücken, ich war sehr verzweifelt).

 

Jetzt habe ich den Eindruck, dass folgender Mechanismus betätigt wurde: Ich habe meine Gefühle verdrängt und nicht fühlen wollen; um meine Aufmerksamkeit aber darauf zu lenken, habe ich meinen Körper unbewusst instrumentalisiert. Oder simpel ausgedrückt: Die Teile in mir, die gehört werden wollten, sagten: „Hey! Schau uns mal an!“

 

Insbesondere wenn es um Angst geht, schaue ich oft noch weg. Angst ist ein Grundbestandteil meines Lebens, und in den meisten Fällen empfinde ich zu 80 Prozent Angst, das andere ist etwas anderes (abgesehen von den Grundbedürfnissen). Ich kann mit dieser Angst leben, aber oft will ich sie nicht sehen, und schon gar nicht, wenn sie mich plötzlich erfasst und ich sie gerade nicht brauchen kann. Aber eigentlich möchte ich sie akzeptieren.

 

Früher habe ich gedacht, sie sei ein Feind, ein ekliges Etwas, was ich bekämpfen muss. Für die Zukunft, vielleicht sogar für die nahe Zukunft, ist in meinem Leben ein Projekt geplant, welches dazu führen wird, dass ich mich ihr zuwende, um zu sehen, was da los ist.

 

Aber momentan habe ich noch Angst vor dem „Projekt Angst“.

0 Kommentare

Depressive Phasen

Vor ein paar Tagen hatte ich während einer Arbeitspause ein Gespräch mit einer Kollegin. Woran auch immer es liegt, Menschen erzählen mir von ihren Schwierigkeiten. Oft will ich das gar nicht hören, weil a) der Rahmen nicht passt, um sich ausgiebig zu unterhalten, b) ich selbst genug Kram habe, mit dem ich mich beschäftige und c) es bei den meisten Menschen nur darum geht, zu reden, und ich schnell feststelle, dass sie kein Interesse haben, das Problem anzugehen. Wobei ich mich teils auch unter die Kategorie c) einordnen muss, da es Probleme gibt, die ich nicht ausgehebelt bekomme.

 

Diese Kollegin erzählte mir also von ihren Depressionen. Mir sind starke depressive Phasen aus meiner Vergangenheit bekannt, bis hin zu Suizidgedanken, die immer noch ein großes Tabuthema in der Gesellschaft sind. Interessanterweise teilte sie mir mit, dass sie es schon oft erlebt habe, dass sich Menschen von ihr abwenden, wenn sie hören, dass sie teils so starke Depressionen habe, dass sie tagelang im Bett liege, nicht rede, keinen Kontakt wolle und sich fürchterlich schlecht fühle.

Ich war überrascht, dass sie das erlebt habe, diese Distanz aufgrund von Depressionen. Ich habe darüber nachgedacht.

 

Weshalb distanzieren sich Menschen von jemandem, der Depressionen hat? Liegt es vielleicht daran, dass sie dadurch selbst auf ihre tieftraurigen Persönlichkeitsanteile stoßen? So wie sie mir das schilderte, neigt sie nicht dazu, in diesen Zuständen andere Leute zu kontaktieren. Das heißt: Diejenigen, die mit ihr zu tun hätten, würden diese Phasen womöglich gar nicht mitbekommen, es sei denn, sie würde mit ihnen zusammenleben. Sie distanzieren sich somit von vornherein von diesem Menschen.

 

Sie erzählte mir weiter, dass „Depressionen“ ein Tabuthema sei. Auch das fand ich interessant, ich war immer davon ausgegangen, es wäre eher „Angst“, aber das ist ein privates familiäres Tabuthema bei mir persönlich.

 

Und da ich es mag, Tabuthemen anzusprechen, lege ich mal los:

 

Das, was ich heutzutage von mir kenne, nenne ich nicht „Depressionen“. Ich will es so beschreiben: Es gibt Bereiche in meinem Inneren, die sind so schwarz, dass man, wenn man dort ist, nicht die Hand vor Augen sieht. Dort lebt alles Traurige, Hoffnungslose, Verzweifelte, was ich in meinem Leben verdrängt habe und verdrängen musste. Dies strömt nicht auf mich ein, sondern legt sich temporär wie ein Schatten über alles, was ich sehe, denke, fühle. Und dann ist „Weltuntergangstag“. Dann kommt all das zum Vorschein, was sonst im Verborgenen lebt: Trauer, Angst, Suizidgedanken. Nichts ergibt mehr einen Sinn, alles ist sinnlos. Ich spüre es in meinem Körper: Der Schatten legt sich auf mich und ich spüre keine Kraft mehr in meinem Körper. Alles ist abartig, lästig, ätzend.

 

Hin und wieder habe ich auch Kontakt zu Bereichen, die ich besonders interessant finde: Dort ist alles egal. Ob ich sterbe, lebe, erfolgreich bin, die Welt brennt, irgendetwas funktioniert oder nicht, alles ist egal. Und es gibt die Bereiche, die wütend sind und nicht wissen, wie sie diese Wut gesund fühlen können. Wenn ein Gefühl nicht erlebt werden darf, verdrängen wir es irgendwohin. Diese Wut ist wie eingekerkert. Nicht so wie meine Angst, die mich umgibt wie Wasser. Die Wut in mir sehnt sich nach massiver Selbstzerstörung.

 

Und dann geht es mir sehr schlecht. Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, dass diese Gefühle da sein dürfen. Das ist nicht leicht umzusetzen, weil es sich nicht gut anfühlt und ich die Tendenz habe, all das wieder zu verdrängen, wegzuschieben in andere Bereiche in mir. Aber das Verdrängen und Wegschieben hat ja nicht funktioniert, dadurch ist es nicht besser geworden, also versuche ich es mal mit dem Fühlen dieser Gefühle.

 

Ich verlasse damit den gesellschaftlich akzeptablen Rahmen, der bestimmt, was richtig und was falsch ist, was gesund und was krank. Wahrscheinlich ist das Ideal das „Nicht-Fühlen“. Ich werde mich wohl davon verabschieden müssen, ein Ideal zu sein. „Nicht-Fühlen“ ist für mich keine Option mehr.

0 Kommentare

Alkohol

Ich habe beschlossen, ein paar Erlebnisse aus meinem Leben zu erzählen, weil es a) zu meiner Entwicklung gehört und b) es vielleicht Menschen gibt, die ähnliches erlebt haben oder sich gerade in solch einer Situation befinden.

 

Als Jugendliche begann ich aus Verzweiflung Alkohol zu trinken. Nicht nur an Wochenenden oder an freien Tagen, sondern später auch vor der Arbeit. Mein Leben war unerträglich. Ich hielt es nirgends aus und ich wusste nicht, warum. Die Schule war für mich der Horror und ich schwänzte den Unterricht sehr oft und betäubte mich mit Alkohol. Ich wusste zu der Zeit nicht, dass mich jeder zwischenmenschliche Kontakt mehr in Anspruch nahm als andere; dass ich mehr wahr- und aufnahm als andere. Ich wusste aber, dass ich nie – nie meine Ruhe bekam. Immer wollte irgendwer irgendetwas von mir und meine Grenzen wurden überschritten, ich konnte nicht auftanken. Deshalb schwänzte ich die Schule und setzte mich auf einen Friedhof, um endlich mal Ruhe zu haben vor all dem Gerede, den Fragen, den Anforderungen.

 

Ich hielt das alles nicht mehr aus und hatte oft den Gedanken, mich umzubringen.

 

Ich begann eine Ausbildung und stellte fest, dass auch das der absolute Horror war: Eine Ausbildung im Einzelhandelsbereich als Aspie? Nein, danke. Mag sein, dass das welche von euch können, aber für mich ist das der Horror. Zwar habe ich später als Aushilfe in dem Bereich gearbeitet, aber da konnte ich die Stunden selbst bestimmen, das war keine Vollzeitstelle mit „Lehrcharakter“. Eines Tages sagte mein Vorgesetzter zu mir: „Du wirst die nächsten 40 Jahre hier verbringen.“ Das war so, als hätte mir ein Richter lebenslänglich aufgedrückt. Nein! Lieber den Tod als das!

Ich weiß nicht wie viele Faktoren zusammenkommen mussten, bis ich eines Morgens folgende Entscheidung traf: Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr! Ich brauche Hilfe!

 

Und da ich wusste, dass vonseiten meiner Eltern keine Hilfe zu erwarten war, nahm ich die Sache selbst in die Hand: Ich sprach sehr offen mit meinem Chef, ich sprach mit meinem Hausarzt usw. Und so war es dann beschlossen: Ich kam in eine Klinik.

 

Es war ein interessanter Moment, in dem ich mich dazu entschied. Es stand mir so klar „wie Kloßbrühe“ vor Augen, dass es nur zwei Wege gab: Entweder so weitermachen und mich irgendwann umbringen, oder den Pfad abbrechen und was anderes versuchen. Es gab keine Diskussion mehr, kein „sich schämen“ ob der angeblichen Schwäche.

 

Das, was mir am meisten geholfen hat, war, dass ich aus meinem Umfeld heraus konnte. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, ein klein wenig zur Ruhe zu kommen. Die Therapiestunden, die Beschäftigungsmaßnahmen waren sekundär; wichtig war: Ruhe. Endlich alleine sein.

Das hat teilweise Angst und Trauer ausgelöst, die ich nicht beschreiben kann. Von dem Moment bis jetzt, war ein ewig langer Weg.

 

Manchmal, wenn ich nicht zufrieden bin mit dem, was ich momentan leiste, was ich mache, was ich zustande bringe, dann schaue ich mir den Weg an, der hinter mir liegt: So weit bin ich schon gegangen – durch Alkoholmissbrauch, Selbstgeißelung, Angst, Trauer, Verzweiflung, Hass – dass ich erleichterter darauf blicke, was vor mir liegt, welchen Weg ich gewählt habe.

Es sind Millimeterschritte und doch fühlt es sich an, als hätte ich schon tausend Mal die Erde umkreist.

 

Später habe ich begonnen, mir meine Familie anzuschauen, die unerlösten Dinge, die weitergegebenen Muster. Da fand ich einige, die den Alkohol nutzten, um aus der Realität zu fliehen. Teils Menschen, die durch Alkoholabhängigkeit obdachlos wurden und letztendlich ärmlich verreckten.

 

Nie wieder will ich dahin zurück – zu dem Sumpf, der alles Reale verschwommen macht, und die Tage ungelebt dahin dümpeln. Das ist kein lebenswertes Leben. Ich wünsche allen, die Alkohol missbrauchen oder alkoholabhängig sind, dass sie es schaffen, davon wegzukommen. Ich wünsche euch das sehr.

 

Es ist sehr, sehr schmerzhaft, nicht mehr betäubt zu sein, denn dann taut man auf wie jemand, der zuvor eingefroren war. Das ist ein weiter Weg … und er hat seinen Preis: Wie zuvor leben, das geht dann nicht mehr, und meist sind davon auch Beziehungen betroffen (ich habe einige Menschen kennengelernt, die wieder anfingen zu trinken, weil ihr Partner ebenfalls abhängig vom Alkohol ist). Wie gut, dass es in meinem Leben weitaus weniger Beziehungen gibt und ich sehr gut mit mir alleine sein kann.

 

Als es mir derart schlecht ging (auch schon vorher) hatte ich nicht gewusst, wie wichtig für mich Rückzug und Ruhe sind. Nun weiß ich das. Es ist wie Aufatmen, wie Auftanken, wie das Aufsaugen von Stärke. Und was ich über mich lernte war auch, dass ich in derartigen Krisensituationen zu mir stehe, egal wie viele dagegen reden. Mein Fundament ist stark. Woher das auch immer kommen mag.

0 Kommentare

Keinen Humor?

Ich habe vorhin einen Artikel gelesen, in dem stand, dass Asperger-Autisten es u.a. so schwer in sozialen Situationen haben, weil sie keinen Humor verstehen. Vor ein paar Tagen habe ich auf Facebook einen Artikel gelesen, in dem stand, dass der typische Aspie nicht lache.

 

Dann bin ich kein Aspie.

 

Ich lache. Viele erleben mich ernst, besonders auf der Arbeit, aber ich bin ein durchaus humoriger Mensch, und wenn ich mal meine Schauspielerkünste raushole (anscheinend kann ich andere Menschen gut nachmachen) oder meine Umschreibungen einer Begebenheit etwas übertreibe oder die Sachen auf den Punkt bringe (zugegeben, da kann auch mal eine etwas derbere Sprache hervortreten), lachen andere, und zwar nicht nur ein wenig, sondern richtig, mit Tränen und derlei Erscheinungen.

 

Ich erinnere mich, dass ich mal in einer „edlen Runde“ eloquenter Musikinteressierter saß und einer versuchte, im elaborierten Sprachstil zu sagen, was er von einem nicht Anwesenden hielt. Irgendwann wurde mir das zu blöd und ich sagte: „Er ist also ein blasiertes Schwein!?“

 

Die Anwesenden waren sehr amüsiert.

 

Ich arbeite in einem Bereich, in dem eher die gesellschaftliche Unterschicht vertreten ist. Zumindest was die Bezahlung angeht. Ich habe meistens mit Kollegen zu tun, die alle an irgendeinem konkreten Merkmal erkennbar sind. Der eine summt vor sich hin und redet mit sich selber. Der andere zeigt eigentümlich Bewegungsabläufe. Wieder ein anderer redet ständig davon, dass er jeden Tag Käsekuchen esse. Eine ehemalige Kollegin hatte die Angewohnheit, sich vor jemanden hinzustellen und diesen anzustarren. (Und wer weiß, was ich selbst alles für Merkmale aufweise …)

 

Besonders die Art, wie sich jemand bewegt (inklusive Mimik) oder wie er redet, scheine ich gut abspeichern und nachahmen zu können.

 

Und das mache ich manchmal. Ich habe Kollegen schon zum weinenden Lachen gebracht.

Von wegen kein Humor …

 

Und jetzt zum Lachen:

 

Ich gebe es zu: Ich wirke teils sehr ernst. Besonders wenn es darum geht, zu arbeiten, dann schaltet mein Kopf auf Logik. Quassel mich dann nicht voll mit irgendwelchen Sachen – ich konzentriere mich gerade. Und wenn dann nicht alles so läuft, wie ich das will, dann gehen andere auch schon mal in Deckung. Aber ich lache trotzdem („wenn es einen Anlass zum Scherzen gibt, schmunzle ich gern einmal“ – um mal Loriot zu zitieren). Meistens über mich selbst oder darüber, was ich gerade denke oder über lustige Wortkombinationen. Manchmal gibt es auch Menschen, die genau meinen Humor treffen. Das ist aber eher selten.

 

Ich stand mal in einem Einkaufsladen und schaute so herum. Hin und wieder finde ich sowas interessant: Die Menschen wuseln herum, reden alles Mögliche; dann schaue ich mir Schilder an und lese, was da so steht, manchmal entdecke ich Rechtschreibfehler usw. Und da las ich auf einem Schild eines in den Supermarkt integrierten Schnellrestaurants: „Heute. Cordon Blue.“ Das fand ich amüsant und habe das im Kopf weitergesponnen: „Heute im Angebot: Cordon Green … Cordon mit grünschleimiger Soße …“ Ja, das ist lustig und dann lache ich auch oder schmunzle zumindest.

 

Ach ja … die Autisten, die ich kenne, lachen übrigens auch. „Keinen Humor verstehen“ – diese Hypothese müsste deutlicher umschrieben werden. Vielleicht wurde dort auch Humor mit Ironie gleichgesetzt. Ja, das ist dann schon schwieriger zu verstehen. Und Witze: Ich habe seit einigen Jahren einen einzigen Lieblingswitz, den ich nicht müde werde, lustig zu finden. Aber es gibt Witze, die verstehe ich nicht (oder erst nach ein paar Jahren).

 

Aber generell zu sagen: „Aspies verstehen keinen Humor“. Oder „der typische Aspie lacht nicht“. Das entspricht m.E. nicht der Realität, sonst wäre ich eine Ausnahme unter den Aspies, die ich bereits persönlich kennen gelernt habe.

1 Kommentare

Verhalten - Gesprächsthemen

Vorab: Mich interessiert das Verhalten anderer Menschen, deshalb thematisiere ich das hier. Ich bin mit diesem Text, den ich geschrieben habe, nicht hundertprozentig zufrieden. Um dieses Bedürfnis nach Perfektion zu durchbrechen, veröffentliche ich den Text trotzdem.

 

Also los:

 

Wenn ich selbst recht zufrieden und in einem guten Kontakt mit mir bin, dann verwende ich Energie dafür, mein Umfeld zu betrachten und zu analysieren. Das Thema „Smalltalk“ habe ich hier schon zuhauf angesprochen, aber noch nicht so detailliert, wie ich es jetzt wahrnehme. Es gibt zig Verhaltensweisen, die mir fremd sind und die ich hinterfrage. In diesem Text geht es um „Gesprächsthemen“:

 

Fallbeispiel Nummer 1:

 

Ich kenne eine Person, die ein interessantes und für mich sehr oft anstrengendes Verhalten an den Tag legt, welches ich noch nicht hinreichend verstehe. Warum verhält sich diese Person so?, frage ich mich dann.

Innerhalb weniger Minuten bringt sie zahlreiche unterschiedliche Gesprächsthemen an. Ich werde einen Anteil daran haben, weshalb sich die Person mir gegenüber so verhält. Die „Dialoge“ hören sich dann so an:

 

Person: „Das Wetter ist ja heute auch gut.“

Ich: „Mhm.“

Person: „Gestern waren wir ja auf der Geburtstagsfeier von x.“

Ich: „Ja. Hat es Dir gefallen?“

Person: „Ja. Wir sind nicht lange geblieben.“

Ich: Schweigen.

Person: „X und Y haben sich ja verlobt.“

Ich: „Mhm.“

Person: „Morgen soll es wieder schlechter werden.“

Ich: „Was genau?“

Person: „Das Wetter.“

Ich: „Achso.“

 

Beispiel Ende.

 

Ich merke gerade selber, dass ich der Antwort, weshalb diese Dialoge so geführt werden, näher komme: Anscheinend möchte die Person Kontakt zu mir aufnehmen, weiß aber nicht mit welchem Thema. Deshalb geht sie unterschiedliche Themen in schneller Folge durch.

Mich interessieren Unterredungen überhaupt nicht, die mit dem Austausch von Neuigkeiten über andere Leute zu tun haben. Da beißt man bei mir auf Granit. Ob x oder y verlobt ist, ob jemand ein neues Auto hat, nach Spanien geflogen ist oder sonst was – all das interessiert mich nicht. Wie es meinem Gesprächspartner dabei geht oder warum mein Gesprächspartner das thematisiert, interessiert mich, denn das berührt sein Gefühlsleben. Manchmal versuche ich, diese Unterredung dorthin zu führen. Dann hört sich das so an (gleicher Gesprächspartner):

 

Person: „Ich wusste gar nicht, dass die sich verlobt haben.“

Ich: „Hättest Du das gerne eher gewusst?“

Person: „Na ja … eigentlich ist das auch egal. Aber irgendwie ist es komisch.“

Ich: „Was ist komisch?“

Person: „Dass man das als letzter erfährt.“

Ich: „Ist das ein Problem für Dich?“

Person: „Nein! Ein Problem ist das nicht.“

Usw.

 

Solche Unterredungen sind schwierig für mich, denn ich weiß, dass die Person ein Problem damit hat, dass sie irgendetwas nicht erfahren hat, aber gleichzeitig leugnet sie das. Für mich ist das ein Indiz dafür, dass es hier um eine „alte Sache“ geht. Es geht nicht um die aktuelle Situation, sondern um etwas, was die Person bereits seit langer Zeit kennt – z.B.: Sie wird nicht informiert; sie fühlt sich ausgeschlossen usw. Aber dies begreiflich zu machen, ist für mich unmöglich, wenn ich mit zwei Personen in dem Gesprächspartner rede: Eine Person, die es leugnet, und eine Person, die sich ärgert. Und selbst wenn ich mal länger mit der Person spreche, die sich ärgert und die empfänglich dafür ist, dass es womöglich gar nicht um die Jetztsituation geht, kann ich ziemlich sicher sein, dass diese Überlegung nichts bewirkt und in kommenden Momenten das Spiel von vorne beginnt.

 

Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen möchte oder ob ich überhaupt weiterhin damit umgehen will.

 

Fallbeispiel Nummer 2:

 

Ich habe es oben bereits angedeutet: Das permanente Reden über Ereignisse, die andere Menschen betreffen (die nicht zugegen sind). Letztens war ich im Wald spazieren und setzte mich auf eine Bank. Zwei laut vor sich hinsprechende ältere Damen kamen vorbei und ich hörte (zwangsweise) diesen kurzen Dialogausschnitt:

 

Dame 1: „Die hat sich scheiden lassen und hat jemanden im Internet kennen gelernt. Dann ist sie nach Bayern gezogen.“

Dame 2: „Und jetzt ist sie wieder hier?“

Dame 1: „Nein, nein. Die lebt immer noch in Bayern.“

 

Wenn ich sowas höre, dann habe ich zig Fragezeichen im Kopf:

Warum sprechen zwei Menschen über solch ein Thema?

Was nützt es ihnen, das zu besprechen?

Ist ihr Leben derart langweilig, dass sie die Ereignisse im Leben anderer Menschen besprechen müssen?

Was würde passieren, wenn sie besprechen würden, was in ihnen gerade vorgeht?

Was würde passieren, wenn sie gar nicht sprechen würden?

 

Ich weiß es nicht. Ich bin auch ziemlich sicher, dass ich keine schlüssige Antwort erhalten würde, wenn ich nachfragen würde.

 

 

Fallbeispiel Nummer 3:

 

Ständige Kritik.

 

Egal um was es geht: Jemand lässt sich scheiden, jemand hat Schulden, jemand ist arbeitslos etc. Die Personen werden kritisiert. Ein Ungleichgewicht wird hergestellt zwischen der Person, die kritisiert und der Person, die sich z.B. scheiden lässt. In der Transaktionsanalyse würde man sagen: Die Person, die kritisiert, vermittelt, dass sie okay ist, und zeigt mit ihrer Kritik an der anderen Person, dass diese nicht okay ist.

 

Wir leben alle (die einen mehr, die anderen weniger) in einem Muster. Es gibt Situationen, in die jeder von uns immer mal wieder „gerät“ – oder anders, damit die Selbstverantwortlichkeit klar wird: Jeder von uns inszeniert sein Muster. Z.B. gibt es Menschen, deren Beziehungen immer scheitern – meistens auch aus ähnlichen Gründen. Das ist ein Muster, welches inszeniert wird. Von beiden Parteien.

Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage: Diese Muster sind durchbrechbar. Aber erst, wenn man verstanden hat, was sie zeigen, welche frühen Verletzungen sie thematisieren, und wenn man dann diese frühen Verletzungen gefühlt hat. (Nicht dass das falsch verstanden wird: In meinem Leben gibt es noch zig bewusste und unbewusste Muster. Und wahrscheinlich wird es immer Muster geben, die sich erst nach und nach zeigen.)

 

Mir ist auch in solchen Situationen noch nicht hinreichend klar, weshalb alles Mögliche kritisiert wird.

Spricht der Kritiker vielleicht nur nach, was er selbst als Kind von seinen Eltern gehört hat?

Kritisiert er, um für sich zu erleben, dass er in Ordnung ist und der andere nicht?

Kritisiert er, weil er sich eigentlich selbst nicht okay findet und nun eine Chance sieht, das umzukehren?

Kritisiert er etwas, was er selbst gerne hätte/möchte? (Scheidung z.B.)

 

Wenn ich jemanden ähnlich kritisiere, dann liegt das daran, dass es mir zum Beispiel nicht gut geht oder dass ich irgendein Bedürfnis in mir nicht wahrgenommen habe, und ich dieser Unzufriedenheit (versteckt) Ausdruck verleihen will. Ähnlich wird es teilweise bei anderen auch sein.

 

Aber grundsätzlich ist es so:

Auch hier komme ich bis jetzt nicht an den Kern der Sache, weil mein Gesprächspartner sich dann abschottet. Manchmal versuche ich, herauszufinden, weshalb Kritik geübt wird, aber dann zieht mein Gesprächspartner eine Mauer um sich und der Teil, der Kritik geübt hat, hat sich verabschiedet.

0 Kommentare

Sehnsucht

“I went to the woods because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived.”

 

(Henry David Thoreau, Walden)

 

 

Manchmal möchte ich fortgehen von dem, was und wie ich lebe; ich möchte den Tumult der Menschwelt verlassen, mit so wenig materialem Ballast wie nur möglich. Ich möchte meine Sachen größtenteils verkaufen und den Rest irgendwo unterstellen, und fort gehen. Ich weiß nicht genau, wohin, aber weggehen will ich.

 

Dorthin, wo mir kaum ein Mensch begegnet, wo es still ist.

Dorthin, wo ich Wälder, Berge, Wasser sehe.

Dorthin, wo niemand Musik abspielt, wo kein Auto fährt und keiner redet.

Ich will morgens den Sonnenaufgang im Nebel sehen.

Wandern will ich.

Ich will wandern und dann einen See erblicken, der sich vor mir auftut.

Ich will von weitem Berge sehen und diesen entgegen gehen. Stundenlang.

Ich will das Rauschen des Windes in den Bäumen hören.

 

Niemand soll mir begegnen auf meinem einsamen Weg.

 

Schlafen will ich. Ich will mich im Sommer in den Schatten eines Baumes legen und schlafen.

Nichts tun will ich. Ich will an einem See, auf einem Berg oder einer Erhöhung eines Waldes sitzen und einfach nur gucken. Schauen, wie die Wolken am Himmel wandern, wie ein paar vereinzelte Vögel sich am Himmel bewegen, wie Falken kreisen, wie sich das Gras im leichten Wind bewegt.

Schweigen will ich. Des Morgens, des Mittags und des Abends.

Ich will nachts aufwachen und feststellen, dass es still ist, dass kein Lärm gemacht wird.

Lesen will ich. Was sich lohnt zu lesen, will ich lesen.

Schreiben will ich. Was sich lohnt zu schreiben, will ich schreiben.

 

Ja, manchmal denke ich daran, wegzugehen. Dann spüre ich eine Sehnsucht in mir wie Fernweh.

0 Kommentare

Zwei Wege

Ich habe einen großen Vorteil gegenüber vielen anderen Menschen: Es ist okay für mich, alleine zu sein; Teil eines Sozialgefüges zu sein ist mir nicht so wichtig wie ihnen. Ich habe gelernt, dass die allermeisten Menschen, die nicht aspergertypisch sind, auch im Beruf die soziale Nähe suchen und darunter leiden, wenn sie bei privaten Unterredungen ausgeschlossen werden – in den Pausen oder während Arbeitssituationen, in denen gesmalltalkt wird. Ich dagegen suche das Alleinsein und die Ruhe, es ist mir nur lieb, wenn ich nicht eingebunden werde.

 

Das ist der Vorteil, den ich habe, da ich sowieso einen einsamen Weg begehe und weiter begehen werde:

 

Durch meine Arbeit an mir selbst, entferne ich mich immer mehr von anderen Menschen. Woraus besteht diese Arbeit an mir selbst? Es ist: Das Betrachten von vermittelten Überzeugungen und die Verwerfung derselben; das Fühlen von verdrängten Gefühlen; das Analysieren von Denkweisen, die destruktiv sind; das Aushebeln von Verboten (z.B. nichts erreichen zu dürfen); das Umgehen und Entlarven von Gefühlen, die mit dem Jetzt nichts zu tun haben; die Annahme meines Körpers und das Herausfinden, was ich möchte und was mir gut tut; das „richtige“ Sprechen bzw. die „richtige“ Nutzung von Sprache, um nicht weiterhin alles Vermittelte zu bekräftigen/verstärken (Beispiel: „Da muss man durch!“), und einiges mehr, was aber zum Erklären zu umfangreich wäre, da ich davon ausgehe, dass die meisten meiner Leser nicht die Kenntnisse der Transaktionsanalyse haben wie ich.

 

 

Wenn ein Mensch, der auf das Sozialgefüge weitaus mehr angewiesen ist als ich, diese Selbst-Arbeit auf sich nimmt, wird er womöglich schnell feststellen, dass sich eine Kluft zwischen ihm und den anderen auftut. Mir ist diese Kluft seit meiner Erdenzeit bekannt – das ist nichts Neues, ich kann damit umgehen. Aber jemand der nicht geübt ist? Das stelle ich mir sehr schwer vor.

 

Diese Selbst-Arbeit bleibt auch nicht ohne Folgen. Ich habe mich deswegen von zwei Freundschaften getrennt, da mir klar wurde, welche irreale Funktion sie haben – dort wurden viele Überzeugungen bestätigt, die ich in meiner Kindheit vermittelt und übernommen hatte. Ebenso wird es den meisten Menschen in Beziehungen gehen: Sie sind mit jenen Partnern zusammen, weil diese das Bekannte vermitteln (oder sie stellen fest, dass sie den anderen geheiratet haben, weil er sich so wie ein Elternteil verhält); will man sich nun aber von diesem Bekannten lösen, ist womöglich eine Trennung kaum zu umgehen.

 

Auch deshalb ist es so schwer.

 

Ich weiß nicht, ob es noch mehr Wege gibt, aber ich sehe momentan zwei:

  1. Das Verharren im Bekannten – das ist sicherer und angenehmer aber weitaus unvitaler. Das bedeutet: Weiterhin vor sich selbst fliehen, Gefühle nicht fühlen, z.B. Überzeugungen der Eltern predigen und leben usw.
  2. Der Weg zu sich selbst – der ist unangenehmer, mitunter gefährlich aber weitaus vitaler. Das bedeutet: Sich selbst anschauen, Gefühle fühlen, übernommene Überzeugungen anzweifeln usw.

 

Mein Eindruck ist, dass sich die allermeisten für Weg 1 entscheiden. Das hat gute Gründe. Weg 2 ist ein teils sehr beängstigender, einsamer und kalter Weg. Er ist riskant. Und manchmal denke ich, ich komme gar nicht mehr aus dem Dunkeln, welches ich in mir entdeckt habe, heraus. Aber doch: Immer wieder tauche ich auf daraus und dann erlebe ich eine temporäre Ruhe, für die es sich lohnt, ins Dunkle zu gehen.

 

Und so ist es gut, dass ich Asperger-Autist bin, denn sonst müsste ich auch noch mit der Tatsache klarkommen, dass ich mich immer weiter von den anderen entferne. Ich merke es zwar trotzdem, dass mir das Leben der meisten anderen Menschen immer absonderlicher erscheint, aber ich leide nicht darunter, dass ich kein Teil ihres Sozialgefüges bin.

0 Kommentare

Solche Menschen

Ich höre immer genauer darauf, was andere Menschen sagen und wie sie es sagen. Welche Wörter sie benutzen und welche logischen Fehler ihnen unterlaufen. Nicht, um sie dann zu verbessern (obwohl das auch vorkommt und ich manchmal als Klugscheißer oder Besserwisser gelte), sondern um Schlussfolgerungen zu ziehen, was sie selbst vermittelt bekommen haben und nicht hinterfragen.

 

Ich habe beschlossen, einige dieser Dinge hier zu thematisieren. Es sind teils banale Äußerungen, die aber „haken“, die irgendwie bei mir hängenbleiben.

Ich habe nun schon öfter gehört, dass von „solchen Menschen“ die Rede ist, wenn es sich z.B. um folgende „Untergruppen“ handelt: (Ich wähle Beispiele, die ich selbst miterlebt habe)

  • Behinderte. Reales Zitat dazu: „Solche Menschen haben auch ein Recht darauf, zu leben.
  • Über Menschen mit sexuellen Vorlieben (z.B. masochistische Neigungen). Zitat: „Mit solchen Menschen stimmt was nicht. Das ist doch krank.“
  • Menschen, die andere betrügen, hintergehen (nicht meine Bewertung!). Zitat: „Es gibt halt solche Menschen.“
  • Wenn es darum geht, konkrete Unterschiede festzustellen. „Ja, bei uns ist das so! Aber es gibt solche … die machen das nicht.“

 

Menschen, die Führungspositionen inne haben und besser verdienen: „Solche Menschen kümmern sich nicht um die anderen.“ Menschen, die reich sind: „Solche Menschen sind auch nicht glücklich.“ Menschen, die länger studieren als andere: „Solche Menschen müssen doch mal anfangen zu arbeiten!“ Die Konstellation „solche Menschen“ kann man auch mit „die“ übersetzen: „Die wissen doch nicht, was Arbeit ist!“; „Die haben es gut, wir mussten früher ganz andere Dinge machen!“; „Die wissen nichts zu schätzen!“; „Die sind doch alle bekloppt.“

 

Übrigens: Den letzten Satz habe ich auch schon öfter geäußert. Deshalb kann ich das gut betrachten und vielleicht ist meine Antwort, weshalb ich so etwas sage, identisch mit der Antwort, weshalb andere in dieser umfangreichen Form solche Wortkombinationen verwenden.

 

Wenn ich sage: „Die sind doch alle bekloppt!“, dann ist das ein Zeichen dafür, dass ich gestresst bin. Meistens ist dem (auf der Arbeit) vorangegangen, dass ich versucht habe, eine Aufgabe strukturiert und zeitlich perfektioniert zu Ende zu bringen. Dann kommt irgendetwas dazwischen und bringt meine Planung durcheinander. Das ist dann der Punkt, an dem ich sage: „Die sind doch alle bekloppt.“ Ich verwende „die“, damit ich nicht persönlich werden muss, damit ich mich nicht mit einer speziellen Person auseinandersetzen muss. Ich halte es allgemein und verlasse meine rationale Ebene. Diese Äußerung beinhaltet kein Lösungspotential. Anstatt selbst zu schauen, ob ich diesen Umstand provoziert bzw. inszeniert habe (und wie ich nun weiter vorgehe), schiebe ich die Schuld auf andere, die ja bekloppt sind.

 

Im Privaten denke ich das häufig über die „Christen“, mit denen ich aufwachsen musste und die mich negativ geprägt haben. Mit „die sind doch alle bekloppt“ kann ich gut wegschieben, was aber in meinem Inneren als Angst und Schrecken auslösende Überzeugung herrscht. Auch hier beinhaltet meine Äußerung kein Lösungspotential.

 

Und warum sagen andere so etwas wie: „Solche Menschen haben auch ein Recht darauf, zu leben!“? Wer sind „solche Menschen“? Ich denke, dass Menschen, die das sagen, diese Untergruppen von sich wegschieben wollen („mit dem Menschenschlag habe ich nichts zu tun“), vielleicht sogar abwerten, und sich als etwas Besseres, Normaleres („normal“ scheint wichtig zu sein) ansehen.

 

Ich finde es verwirrend, dass – wenn andere Menschen vor sich hin reden – diese (oben aufgelisteten) Beurteilungen, Bewertungen durchschimmern, sie aber, wenn ich sie konkret frage, antworten, dass doch alle Menschen wertvoll oder dass sie selbst doch auch nicht normal seien, Fehler machen, Macken haben usw. So langsam vermute ich, dass in vielen Menschen zwei sichtbare Ebenen (und gewiss ganz viele unsichtbare) bestehen:

 

Die eine (unbewusste) Ebene ist die, die nicht hinterfragt wird – das ist nun mal alles so; das wurde so gelernt. Auf dieser Ebene wird einfach daher geplaudert … „hachja“, „solche Menschen“, „ja ja, so ist das“ … bla bla ….

Die andere (bewusstere) Ebene ist die, die im Inneren aktiviert, dass nicht angeeckt werden darf: „Nein, nein … ich bin nicht normal. Wer ist das schon? Wir sind doch alle wertvoll.“

 

Mir fehlt die Klartext-Ebene. Aber ich verstehe, warum sie gemieden wird, weil man dann nämlich selbst gemieden wird (und das ist für NTs die Katastrophe). Wenn ich auf die Klartext-Ebene gehe, dann wird das als unhöflich eingestuft. Ich habe mich davon zurückgezogen und zwar in dem Moment, als ich merkte, dass mein Hinterfragen oder meine Anmerkungen auf gesellschaftliche Überzeugungen stoßen, die auf keinen Fall angetastet werden dürfen. Das letzte Mal habe ich angezweifelt, dass die geäußerte Meinung, jede Mutter würde ihr Kind lieben, korrekt ist. Ich bin zwar autistisch, aber dass das bis dahin der Gipfel der Unverfrorenheit meinerseits war, habe ich auch mitgekriegt. Übrigens habe ich mich von dieser Ebene zurückgezogen, um meinen Arbeitstag zu ertragen und nicht noch von allen Seiten angefeindet zu werden – ich schweige nun meistens.

 

Ich finde es faszinierend, wenn eine Gruppe von Menschen zusammensteht und sie sich gegenseitig in ihren Überzeugungen bestätigen („Das ist doch so, oder sehe ich das falsch?“ – was so viel heißt wie: „Bestätige meine Meinung, denn ich selbst glaube nicht wirklich daran!“ oder es heißt: „Bestätige meine Meinung, sonst bist Du raus aus unserer Gruppe, Du …!“). Das ist ein wenig wie Sauferei – sie machen sich gegenseitig betrunken mithilfe ihrer wackeligen Überzeugungen, die aber wenigstens in der Gruppe stark sind.

 

Und dann kommt da so ein Autist daher … („solche Menschen haben ja eh kein Taktgefühl!“ – übrigens habe ich ein gutes Taktgefühl, musikalisch bin ich) und sagt im übertragenen Sinn: „Ähm, Verzeihung, ihr habt da was geäußert, wovon ich nicht überzeugt bin. Ich denke, das ist nicht korrekt. Ich bringe mal kurz euer Lebensfundament ins Wanken.“ Ach, Du liebe Zeit …

 

Aber zurück zum Thema „solche Menschen“. Zumindest ist solch eine Äußerung eine Distanzschaffung zwischen sich selbst und „diesen“ Menschen. Es wird seine Funktion haben (das steht außer Frage!), wie sie auch eine Funktion bei mir hat, wenn ich andere als „bekloppt“ betitle.

0 Kommentare

Mein Kopf

Warum der Titel „mein Kopf“? Weil das, was ich thematisieren werde (insbesondere den Unterschied zwischen anderen und mir) irgendetwas mit dem, wie mein Kopf funktioniert, zutun haben muss.

Ich kann allgemein sagen: Das Gefühl von Gleichheit ist mir fast so fremd wie die Rückseite des Mondes.

 

Schon mein ganzes Leben lang lebt in mir das Gefühl des Andersseins. Ganz früher, als ich noch nicht so sehr über die Außenwelt nachdachte, weil ich noch sehr in meiner Innenwelt lebte, dachte ich nicht intensiv darüber nach, aber auch zu jener Zeit schon, wenn ein fremdes Gesicht in meiner Umgebung auftrat, fühlte ich mich abgestoßen und sehnte mich nach Distanz. „Irgendwie sind die anderen sonderbar/seltsam“ – das habe ich oft gedacht und denke es heute beinahe täglich.

 

Aber was genau macht dieses Anderssein aus?

 

Als Jugendliche habe ich das so ausgedrückt: „Ich fühle mich immer unverstanden.“ Aber warum, das konnte ich nie richtig benennen. Wahrscheinlich denkt und fühlt das jeder Jugendliche auf diesem Planeten, aber ich dachte und fühlte es bereits davor und ich denke und fühle es seitdem fast ständig: Ich bin anders/andere verstehen mich nicht.

 

Das Leben auf diesem Planeten wurde für mich unerträglich. Ich hatte keine Ahnung warum. Mit 15 Jahren begann ich, mich aktiv für das Lesen zu interessieren: Ich las alles Mögliche, insbesondere Themen zur Psychologie. Ich las auch Goethe, Schiller, Nietzsche. Einer meiner Klassenlehrer schenkte mir einige Bücher zum Thema Entwicklungspsychologie. Ich habe das Zeug gelesen und stieß irgendwann, irgendwo auf den Begriff „Autismus“. Es war immer nur von Kanner-Autismus die Rede, nie vom Asperger-Syndrom – das habe ich einige Jahre später erst entdeckt. Aber das, was da über Kanner-Autismus stand, war dem, was ich wahrnahm und fühlte und dachte, weitaus näher als jede Beschreibung über Neurotypische.

 

Ich weiß noch, dass ich dachte: „Irgendwie bin ich autistisch aber Kanner-Autist bin ich nicht.“ Ich kam immer und immer wieder auf den Begriff Autismus zurück, bis ich dann eines Tages im Internet auf den Begriff „Asperger-Syndrom“ stieß und bei der Beschreibung dachte: „Das bin ich.“ Und alle Tests, die ich dann machte (und ich habe alle mir zur Verfügung stehenden Tests zu dem Thema im Internet gemacht – ich liebe alle möglichen Arten von Tests, ich kann nicht genug davon bekommen), sagten: Sie haben höchstwahrscheinlich das Asperger-Syndrom. Aber dann verdrängte ich das wieder ein paar Jahre, bis ich beschloss, das doch fachmännisch/fachfrauisch abklären zu lassen.

 

Die Zuordnung zu dieser Spezies (AS) hat bei mir einiges klar gemacht, was das Gefühl des Andersseins anging – so wird es jedem von denen gehen, die die Diagnose haben.

Der permanente Eindruck, dass ich nicht dazu gehöre, dass ich mich noch so sehr anstrengen kann, aber dennoch einsam weiterwandere, war „real“ und „richtig“ geworden. Vorher hatte ich mich immer wieder abgewertet (und mache es auch heute noch hin und wieder) und mir gesagt: „Ich bin krank/verrückt/unnormal. Mit mir stimmt etwas nicht.“

 

Mit der Rückendeckung der Diagnose, kann ich nun klarer die Unterschiede benennen. Für mich ist das Asperger-Syndrom eine ganz andere Art der Wahrnehmung. Das ist nicht nur irgendeine Kategorie wie introvertiert und extravertiert (wobei da auch schon große Unterschiede bestehen), sondern es ist eine vollkommen andere Seinsform.

Das starke Unwohlsein, welches bei Small-Talk auftritt, ist eines der deutlichen Hinweise: Ich kann mit jedem Menschen dieser Welt ein gutes, flüssiges Gespräch führen, wenn es z.B. um das Thema Arbeit geht. Beispiele:

 

Mein Chef kommt zu mir und fragt mich Dinge bezüglich eines aktuellen Auftrages: Es ist für mich überhaupt kein Problem, ihm auf jede dahingehende Frage zu antworten. Ich rechne ihm vor, wie schnell wir sind, wie viel wir haben, was wir noch brauchen etc. Ich fühle mich sicher. Weicht er aber nur einer Millimeter von dieser Ebene ab und bringt etwas Ironisches, Lustiges, gar Persönliches ein, bin ich wie verstockt. Entweder greift dann irgendeine Sprachschablone meinerseits, oder es kann peinlich werden. (Zum Glück liegt die Wahrscheinlichkeit, dass mein Chef so etwas tut unter 1 Prozent).

 

Bleiben wir bei der Arbeit: Eine Kollegin und ich sprechen über einen Auftrag, der getätigt werden muss. Kein Problem. Ich fühle mich sicher. Und dann kommen manchmal solche Sachen: „Sag mal, was ist denn wieder mit xy los?“; „Und, was machst Du heute noch so?“; „Heute vor einer Woche hat meine Tochter geheiratet.“ Ach, Du meine Güte! Mein Kopf läuft von jetzt auf gleich auf Höchstleistung: Was sage ich jetzt? Wie sage ich es? Muss ich sie jetzt dabei anschauen? Wie komme ich nun auf das Thema Arbeit zurück? Usw.

 

Das lässt sich auf zig Situationen übertragen. Was ich damit ausdrücken will: Es ist sehr, sehr anstrengend für mich, mit anderen Menschen zu smalltalken, von einer Ebene auf die andere zu switchen. Ich arbeite doch mit denen, ich bin nicht mit ihnen befreundet. Ich sag’s mal ganz offen: Es gibt Kolleginnen, die erzählen mir manchmal etwas, von dem ich überhaupt nichts verstehe – nicht, dass ich den Kontext nicht verstehe, ich verstehe noch nicht einmal, worum es geht oder welches Thema gerade angesprochen wird. Das sind Extremfälle, aber es gibt Menschen, die erzählen etwas und machen dabei so viele Anspielungen (die man sich selbst zusammendichten muss), dass ich genauso wenig verstehe wie ich verstünde, wenn jemand japanisch mit mir spräche (Anmerkung: Ich kann kein japanisch). Die Mischung aus Kopfnicken und „hm, ja“ hat mich schon vor manch einer peinlichen Situation gerettet. Zum Glück gibt es auch andere Menschen. Wenn irgendwo ein Sprichwort oder eine Redewendung ausgesprochen wird, die mir nicht bekannt ist, kann ich diese Menschen fragen: „Was bedeutet das?“, und dann erklären sie es mir. Wenn andere wieder kontextlos reden, kann ich fragen: „Worum geht es gerade?“, und dann erklären sie es mir.

 

Ich weiß nicht, ob auch folgendes zum Thema AS gehört, aber da es mich betrifft und ich AS bin, hat es auch irgendetwas damit zu tun:

 

Mein Kopf beschäftigt sich mit Dingen, mit denen sich Köpfe anderer nicht zu beschäftigen scheinen. Ich habe ein aktuelles Beispiel von heute Morgen:

 

Andere sprachen in meiner Nähe über das Thema „Regen“, dabei war ich gerade gedanklich bei dem Thema „Vektorrechnung“ (genauer: Ebenengleichungen). Ich hatte mich gestern Abend damit beschäftigt und es hatte mich etwas geärgert, dass ich das schon mal besser konnte. Solche Fälle gibt es zuhauf: Andere erzählen etwas zu irgendeinem Small-Talk-Thema und ich bin mit irgendwelchen anderen Fragen beschäftigt. Ich kann das nur ansatzweise wiedergeben, da sich mein Kopf am Tag mit so vielen Dingen beschäftigt, dass es selbst mir schwer fällt, eine genaue Auflistung zu machen. Ich denke zum Beispiel über das nach:

 

-     Wie der Fachbegriff für irgendetwas lautet. Z.B. Thorax oder Epidermis, Epilimnion (jetzt gerade denke ich an „Satisfaktion“, weil ich es vor kurzem gehört habe), Anapher, Bolus-Tod, Polynomdivision usw.

 

-      Sehr, sehr oft formuliere ich Sätze in meinem Kopf; übernehme Sätze von anderen; gehe durch, wie ich etwas am besten erklären kann; was ich zu sagen haben; wie ich es zu sagen habe (Betonung). Das habe ich für mich „Sprachschablonen-System“ getauft. Oder ich sage dazu: „Das ist versprachlicht“ oder „Das ist noch nicht versprachlicht.“

 

-       Wie ich es schaffe, das, was ich z.B. im nächsten Monat alles erledigen will, unterzubringen. Solche Sachen macht mein Kopf fast für sich alleine, da muss ich so gut wie nicht mehr aktiv eingreifen: Das ist eine Art Strukturbildung. Das mache ich ständig. Man kann sich das wie ein Puzzle vorstellen, welches immer wieder neue Puzzleteile dazu bekommt und welche ich dann immer wieder neu einfüge, je nachdem, wie es passt – und dann nehme ich Optimierungen vor. Dabei besteht auch die Aufgabe darin, mögliche Konflikte zu erkennen und dann auszuhebeln.

 

-    Um welches Problem es sich handelt: Gibt es irgendetwas in etwas Geschriebenem oder Gesagtem, was „nicht passt“, also wo irgendein Fehler liegt oder irgendeine versteckte Botschaft, denke ich halbbewusst darüber nach, bis ich die Lösung habe. Dabei arbeite ich fast nur mit Assoziationen.

 

-      Assoziationen: Was ich wo, wie, wann erlebt habe; was wer, wie, wann, wo gesagt hat. Ich habe ein „Bild-Gehirn“, ich kann zu jeder Unterredung und zu jedem Ort, an dem ich mal war, zurückgehen, wenn ich davon ein Bild abgespeichert habe (ich meine nicht damit, dass ich dann noch alles exakt weiß, wie es gesagt wurde). Nenn mir irgendeinen Ort, an dem ich mal war (und den ich nicht aufgrund möglicher schlimmer Ereignisse verdrängt habe) und ich kann mich sofort an diesen Ort beamen.

 

-    Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit der Transaktionsanalyse und mit PCM (Process Communication Model von Taibi Kahler). Schlicht gesagt ist das ein (psychologisches) Modell, welches sich damit beschäftigt, zu erklären, warum sich Menschen so verhalten, wie sie sich verhalten, welche Motive dahinter stehen usw. Welche Antreiber sie haben und wie sie sich im Stress verhalten. Welche Beschlüsse sie in ihrer Kindheit gefasst haben, welchen „unbewussten Lebensplan“ (Skript) sie gewählt/für sich formuliert haben und was das auf Dauer bedeutet. Wie ihre Eltern oder nahe Bezugspersonen mit ihnen als Kind umgegangen sind und was sie nun weiter leben.

Darüber hinaus unterteilt PCM (basierend auf TA) Menschen in Persönlichkeitstypen – alle Menschen haben alle Persönlichkeitsanteile in sich, nur die Verteilung, also die Intensität der Ausprägung der Persönlichkeitsanteile ist individuell. Ich analysiere jeden Tag und zwar jeden Menschen, der in mein Blickfeld gerät. Ich weiß wahrscheinlich einiges mehr über die Menschen, die mit mir reden, als ihnen lieb ist. Ich sage dazu nichts, aber ich analysiere sie. Das ist keine wirklich bewusste Aktivität mehr, das ist so, als stoße etwas Gesagtes etwas in mir an, was mit dem Modell zu tun hat – daraus bilde ich dann eine Verknüpfung zu dem, was ich darüber weiß und schlussfolgere. Je nachdem, wie oft ich zu der gleichen Schlussfolgerung komme, wird sie fester oder muss noch öfter überprüft werden.
Erschreckender Weise komme ich sehr, sehr oft zu dem Ergebnis: Es muss diesem Menschen im Inneren sehr, sehr schlecht geht, aber er hat überhaupt keinen Zugang zu seinen Gefühlen. Und all die vergangenen Jahrzehnte hat er dafür gesorgt, dass in diesen Bereich seines Inneren kein Funken Licht fällt. A) weil es zu schrecklich wäre, sich das anzuschauen und b) weil sich dann sein ganzes Leben (insbesondere sein Sozialgefüge) verändern würde.
Dahingehend habe ich einen sehr großen Vorteil: Da mir das Sozialgefüge nicht so wichtig ist wie Neurotypischen und da ich sowieso nicht wirklich dazugehöre, gibt es für mich aus der Richtung keinen Anreiz, meine inneren Konflikte, Nöte, Leiden zu verdrängen. Es ist für mich vollkommen in Ordnung, wenn sich mein Sozialgefüge verändert. Für Neurotypische kann das mitunter eine schwere Lebenskrise auslösen.
Und jetzt höre ich mit dem Thema TA mal auf, denn ich glaube, dass das zu einem Spezialinteresse geworden ist und ich niemanden vollquatschen/volltexten will.

 

-   Seit Jahren gibt es Phasen in meinem Leben, in denen ich mich temporär für etwas interessiere. Das hat immer einen äußeren Anreiz. Meistens steht am Anfang die Feststellung, dass ich zu einem Thema so gut wie gar nichts weiß. Dann beschäftige ich mich z.B. mit juristischen Themen: Dem Erbrecht oder Arbeitsrecht. Mit einer Fremdsprache. Mit einem medizinischen Thema.

 

-      Darauf aufbauend habe ich vor kurzem beschlossen, mich mit jedem Thema zu beschäftigen, was mich interessiert und was mir Spaß macht. Deshalb liegen in meiner Wohnung nun vermehrt Logikrätsel, Allgemeinbildungsbücher und Mathematikbücher herum. Ich habe mich jahrelang immer nur ein wenig mit dem beschäftigt, was mich interessiert, weil ich dachte, dass ich aufgrund meiner sonstigen Beschäftigungen gar keine Zeit finde, mein Kopf sich dann irgendwann überfordert fühlt oder das nur ein Ausdruck dafür sei, dass ich nicht weiß, was ich will. All das habe ich ausgehebelt und Verblüffendes festgestellt: a) Mein Kopf ist überhaupt nicht überfordert, im Gegenteil, ich fühle mich seitdem ruhiger und ich nehme an, dass ich mich in Zukunft noch ruhiger fühlen werde, wenn ich das weiter ausbaue; b) es ist überhaupt kein Zeichen von „ich weiß nicht, was ich will“, es ist ein Zeichen dafür, dass mich sehr viel interessiert und mein Kopf viel Nahrung braucht und c) ich finde tatsächlich Zeit dafür, trotz all der Dinge, die ich sonst noch mache.

 

 

Das sind die Aspekte, die mir spontan eingefallen sind. Es gibt noch weitere Aspekte, die ich eindeutig dem Asperger-Syndrom zuordne, aber das dann in einem anderen Blogtext.

 

0 Kommentare

Unerträglich

Ich arbeite nicht so viele Stunden am Tag wie andere. Meistens 6 Stunden, manchmal 8 Stunden, wenn man meine sonstigen Tätigkeiten wie Schriftstellerei oder meine theoretische Ausbildung nicht dazu rechnet. Ich rechne nun nur mit den Stunden, die ich tatsächlich in sozialer Umgebung mit all dem intersubjektiven Kram verbringen muss. (Ja, muss, denn sonst wäre ich arbeitslos und von meiner Schriftstellerei kann ich (noch) nicht leben)

 

Ich werde Menschen, denen es nicht so ergeht wie mir, wohl niemals verdeutlichen können, was es bedeutet, als Vulkanier unter den Erdenmenschen verweilen zu müssen: Es ist ein Albtraum, die Hölle, ein Fahrschein in die Verzweiflung oder in die Irrenanstalt, wenn man nicht aufpasst und irgendwie lernt, sich zu schützen.

 

Ihre Themen, ihr Reden und ihre Lautstärke sind für mich Folter. Ich betrete morgens um sechs Uhr das Schlachtfeld und halte halbwegs stand, bis die Zeit vorbei ist – und danach muss ich mich versorgen, damit ich nicht aus Verzweiflung von einer Brücke springe.

Ja, ich brauche definitiv eine andere Arbeitsstelle.

Leider gibt es bis dahin nicht die Möglichkeit, ihnen verständlich zu machen, dass sie mich in Ruhe lassen sollen. Was brächte das? Wenn sie nicht mit mir reden, reden sie doch mit meinem Nebenmann/meiner Nebenfrau, und das ist fast so schlimm wie wenn sie mit mir sprächen. Ich bekomme es ja mit, ich höre es ja, dieses ständige, permanente, sinnlose, penetrante Smalltalken. Es endet nicht.

 

Auf meiner Facebook-Seite hatte ich vor ein paar Tagen geschrieben, dass ich manchmal überlege, mich unbeliebt zu machen, damit mich andere meiden, denn ihr Meiden sei in ihrer Welt eine Strafe und in meiner eine Belohnung oder Wohltat. Einige von jenen, die das kommentiert haben, haben mitgeteilt, dass sie jenen die Wahrheit sagen, damit sie sie in Ruhe lassen. Grundsätzlich sehe ich das genauso: Klartext reden.

 

Aber Klartext führt zu Konsequenzen: Sie lassen einen ja nicht in Ruhe, sie fangen an, hinter Deinem Rücken zu reden, Dich schlecht zu machen, Dich zu foppen. Vor kurzem wurden einige meiner Kollegen von einer Kündigungswelle erfasst. Ich war nicht betroffen, aber ich habe gesehen, wie das gemacht wird: Du bekommst Deine Kündigung und das war’s. Auf Wiedersehen. Du kannst auch mit anwaltlichem Beistand dagegen angehen, dann erhältst Du ein paar hundert Euro Abfindung und bist trotzdem raus. Es interessiert die Leute nicht, wer da rausfliegt. Sozialwahl? Das gibt’s auch nur auf Papier. Wenn Du denen nicht passt, bist Du raus. Egal ob Du gerade krankgeschrieben bist, Kinder hast oder länger dort arbeitest als andere. Eine Rechtfertigung finden sie schon.

 

Und so ähnlich grausam sind die, die ich da kenne, auch mit ihrer penetranten, belästigenden Art: Sie drängen Dir ihren Scheiß auf, obwohl Du Dich überhaupt nicht dafür interessierst und auch kein Interesse heuchelst.

 

Und wenn ich es dann halbwegs ertragen habe, was auf der Arbeit wieder für eine Soziallast an mir ausgelassen wurde, komme ich in meine Wohnung und muss mir bestenfalls den Lärm der Nachbarn gefallen lassen. Da werden die Türen geknallt, lautstarke Gespräche geführt, die Technomusik hochgedreht, damit auch jeder im Umkreis von zwei Kilometern was mitbekommt; abends wird auf dem Balkon gesoffen – in voller Lautstärke rumgelallt – als ob’s jemanden interessiert!

 

Das Einzige, was einigermaßen davon abhält, völlig den Verstand zu verlieren oder was davon abhält, dem Drang nachzugehen, sich den Kopf aufzuschlagen, ist Gehörschutz.

Es bringt alles nichts: Auf längere Sicht brauche ich einen neuen Job und eine andere Wohngegend, doch manchmal habe ich nicht einmal mehr die Kraft, mich darum zu kümmern.

 

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, hätte ich gerne einen einsamen Ort, an den ich mich hin und wieder beamen darf.

1 Kommentare

Du bist aber empfindlich!

„Sei nicht so empfindlich!“

„Du bist aber empfindlich!“

„Dann musst Du Dich mal abhärten!“

 

Wenn ich mal den Versuch mache, Menschen in meiner Umgebung mitzuteilen, dass ich lärmempfindlicher bin als sie und sie dann darum bitte, darauf Rücksicht zu nehmen, erhalte ich oben genannte Antworten. Besonders absurd ist es, wenn das genau die Leute sagen, die bei dem Lärm, den sie verursachen, selbst zusammenschrecken würden, wenn sie das Geräusch nicht selbst verursachen oder „kommen hören“ würden.

 

Gehen wir aber davon aus, dass es eine Art von Lärm/Lautstärke ist, die sie nicht stört, aber mich immens. Tagein tagaus gehe ich in die NT-Welt, ich ertrage ihr Gerede, ihren Small-Talk, ihr soziales und auch physisches Nähebedürfnis (alle weiteren Aufzählungen wären je nach Person anders intensiv, also belasse ich es dabei, was ich definitiv täglich erlebe.

Es ist anscheinend nicht möglich, zu verdeutlichen, wie sich das Durcheinander-Reden mehrerer Leute für mich anhört:

 

1.       Gesetzt den Fall, jemand will mir in dem Moment, in dem mehrere Leute durcheinander reden,
etwas sagen, muss ich mich massiv anstrengen, um überhaupt noch etwas von dem, was man mir sagen will, zu verstehen – meistens ist das nicht möglich.
2.       Es hört sich an wie Rauschen.

 

Meistens sage ich dann: „Ich verstehe gerade gar nichts. Lass uns das bitte woanders besprechen.“ Das ist dann okay.

Sage ich aber so etwas: „Könntest Du bitte etwas leiser sein“ oder „Könntest Du das bitte nicht in der Lautstärke machen, ich bin sehr lärmempfindlich“, höre ich das oben genannte.

 

Ich versuche hin und wieder, Menschen, die nicht „so empfindlich“ sind wie ich, aufzuzeigen, wie ich wahrnehme. Es gibt Momente, in denen andere zu mir sagen: „Boah … die/der redet aber viel! Das ist ja unerträglich!“ Ich versuche dann zu vermitteln, dass für mich der Zustand, den die Person gerade erlebt hat, Normalität ist. Das ich das jeden Tag empfinde. Manchmal verstehen es die Leute, oft nicht.

 

Ich möchte den „Du bist aber empfindlich!“-Sprechern mitteilen:

 

„Wisst ihr was? Und das ist auch gut so! Denn wäre ich nicht so empfindlich, dann würde ich mich wie ihr derart beschallen, dass ich gar nicht mehr zur Ruhe käme. Denn wäre ich es nicht, dann wäre ich unempfindlich und abgestumpft. Denn wäre ich es nicht, dann gäbe es gar keine Möglichkeit, Kleinigkeiten wahrzunehmen, dann würde ich nicht richtig hören und nicht richtig sehen. Denn wäre ich es nicht, dann wäre ich wir ihr! Dann würde ich anderen Leuten sagen, sie sollten sich doch mal abhärten! Dann würde ich ihnen sagen, dass sie nicht in Ordnung sind; dass sie nicht richtig sind; dass sie falsch sind; dass sie nicht hinein passen in eine Welt der Unempfindlichen!“

 

Und zu denen, die meinen, man gewöhne sich an alles:

 

„Das ist nicht korrekt! Das ist dummes Geschwätz! Wir können ja mal den Versuch starten: Immer wieder, wenn mir danach ist, gebe ich Dir eine Ohrfeige. Wir können dann mal schauen, wie lange es dauert, bis Du Dich daran gewöhnst.“

 

Und ich meine „gewöhnen!“, nicht ertragen, nicht versteinern, sondern gewöhnen, wie man sich an einen neuen Bettbezug gewöhnen kann.

0 Kommentare

Der Unterschied

Zu Beginn ein Batman-Zitat, da ich Batman schon immer klasse fand.

Er wird gefragt: „What’s the difference between you and me?“

Batman: “I’m not wearing hockey pads!”

 

Um „hockey pads“ soll’s in diesem Text nicht gehen. Aber um die Frage: „What’s the difference between you and me?“

 

Interessen: Einer der großen, auffälligen Unterschiede zwischen mir und anderen ist, dass sich andere für Dinge interessieren, die mich nicht interessieren. Sie haben ein ausgeprägtes Interesse daran, über Schicksalsschläge, Katastrophen und ähnliches zu reden. Ich besitze keinen Fernseher und höre kein Radio – das ist auch gar nicht notwendig, ich bin immer up to date, da ich berufstätig bin und die Kollegen bereits um kurz vor 6 Uhr morgens allerlei Neuigkeiten verbreiten: Ein Unfall hier, ein Toter dort, ein Anschlag in x, eine Vergewaltigung von y. Privat geht das dann weiter: Habe ich Kontakt zu meiner Mutter, bin ich immer up to date: Herr x hat das gemacht/gesagt, Frau y ist das und das zugestoßen. Oft habe ich diese Leute jahrelang nicht gesehen, weiß gar nicht, von wem die Rede ist oder kenne sie noch nicht einmal. Die Spitze dieses „updatens“ ist, wenn mir die Handlung eines Films oder eines Buchs erzählt wird; oder, noch schlimmer: Ein Interview rezitiert wird. Mich interessiert das nicht, aber mein Desinteresse interessiert die Leute nicht. (Stichwort: Einfühlsamkeit/Diskretion: So etwas lernt man nicht von der Majorität; die meisten Menschen sind indiskret und nicht einfühlsam)

 

Wenn ich mal erzähle, was mich interessiert oder womit ich mich beschäftige (was ich äußerst selten anderen mitteile), dann höre ich so etwas wie: „Dein Gehirn will ich auch haben. Du interessierst Dich für so vieles!“ Ich nehme an, dass so etwas ein Kompliment sein soll.

 

Es ist tatsächlich so, dass sich viele Menschen, die ich kenne, etwas fragen oder gerne etwas wissen wollen (in dem Moment), aber sie schließen diese Wissenslücke nicht, recherchieren nicht. Banales Beispiel: Ich habe mindestens 10 Mal auf der Arbeit von ein und derselben Person die Frage gehört: „Ist Christi Himmelfahrt in unserem Bundesland auch ein Feiertag?“ (Übrigens: Ja, Christi Himmelfahrt ist auch in NDS ein Feiertag)

 

Ich frage mich, warum sie selbst nicht die Antwort herausfinden.

 

Ich wurde auch mehrfach von ein und derselben Person gefragt, ob ein Siebenschläfer unter Naturschutz steht. Die fragende Person hat sich nicht die Mühe gemacht, das selbst herauszufinden. (Übrigens: Ja, ein Siebenschläfer steht unter Naturschutz)

 

Bei mir ist das ganz anders: Ich will meine Fragen selbst beantworten. Habe ich eine Frage zum Thema Arbeitsrecht, gehe ich in die Bücherei oder ins Internet und recherchiere; habe ich eine Frage zu einem Vogeltyp, suche ich diesen Vogel. Habe ich ein Problem, will ich die Lösung finden. Wenn andere Menschen also irgendetwas fragen, warum finden sie die Antwort nicht selbst heraus? Warum machen sie sich nicht die Mühe? Was ist denn, wenn es ihnen seelisch schlecht geht und sie sich fragen, warum das so ist – machen sie sich dann auch nicht die Mühe, darüber nachzudenken oder die Antwort herauszufinden?

 

Ziele/Vorstellungen/Veränderungen: Ständig begegne ich Leuten, die etwas in ihrem Leben verändern wollen, die nicht zufrieden mit dem Jetzt-Zustand sind. Die absolute Spitze dessen, was ich schildern möchte, hat mir mal eine Bekannte vor Jahren präsentiert, mit der ich ein Gespräch führte. Sie bat mich darum, ihr zu helfen, denn ich würde mich ja auskennen mit Therapie und dergleichen. Ich setzte mich also in ihre Wohnung und sie schilderte mir das, was ich eh schon wusste: Chaos, Depression, Suizidgedanken etc. Ich habe ihr dann mehrere Möglichkeiten aufgezeigt, aber jede Anmerkung meinerseits (Betonung: JEDE!) wurde mit einem Gegenargument abgehakt. Egal was ich sagte – sie fand für alles eine Ausrede, eine Verneinung – warum es nicht gehen könne.

 

So etwas erlebe ich abgeschwächt bei vielen Menschen. Sie fragen mich, wie ich das machen würde, ich äußere mich dazu und sie finden immer Gegenargumente. Kleiner Einschub: Nur damit das klar ist – mir ist das grundsätzlich gleichgültig, was ihr macht, denn das ist nicht mein Leben.

Oder sie erzählen, wie schrecklich ihre Arbeit ist, wie schrecklich ihre Beziehung ist, wie schrecklich ihre Bekannten sind, wie schrecklich sie aussehen, wie schrecklich sie sich fühlen … aber sie verändern gar nichts, nichts. Manche Situationen sind nicht von jetzt auf gleich änderbar; manche Konflikte müssen bedacht werden, die Konsequenzen müssen abgewogen werden; manchmal geht es um Arrangements und nicht um den großen Trennungsschritt – aber die meisten Menschen, die ich so reden höre, machen nicht einmal den Versuch, etwas zu ändern.

Und darum geht’s mir: Der Versuch. Yoda sagt: „Do or do not. There is no try!” Aber Yoda hat gut reden, der hat ja auch seine Superkräfte. Es gibt Entscheidungen, die sind nicht plötzlich zu machen oder umzusetzen, da bedarf es mehrerer Versuche, mehrerer Überlegungen. Und grundsätzlich beißt sich das Zitat auch selbst in den Schwanz, denn sobald ich es versuche, mache ich ja etwas oder mache ich etwas anderes.

 

Ich hab’s mal so verglichen: Wenn jemand von mehreren Drogen abhängig ist, wäre es fahrlässig, alle Drogen auf einmal abzusetzen. Es beginnt mit der ersten Droge und wenn diese ausgeschlichen ist, geht es an die nächste Droge. Alles auf einmal ist grausam.

 

Bezüglich „Ziele“ erlebe ich es öfter, dass es um Geld geht. Ja, Geld ist überlebenswichtig; Geld zu haben ist äußerst angenehm; Geld erleichtert das Leben immens. Aber bezüglich dessen, was ich beruflich machen will, ist es nicht das non plus ultra. Ich höre öfter so etwas: „Dann verdienst Du richtig Geld.“ Anscheinend ist das, was ich dazu denke, derart andersartig, dass ich immer wieder auf verstörte Menschen treffe, wenn ich ihnen das sage: Nein! Tatsächlich habe ich nicht studiert, um das große Geld zu machen. Nein! Tatsächlich steht für mich im Vordergrund, meinen Job zu mögen.

Interessant ist in diesem Kontext auch die Frage an Menschen: „Was möchtest Du denn einmal werden?“

Diese Frage ist für mich vollkommen unlogisch. Wieso „werden“? Bin ich noch nicht? Ich habe eine neue, passende Erwiderung darauf gefunden: „Ich werde nicht, ich bin schon.“

Eine ähnliche Äußerung habe ich mal von jemandem gehört: „Du machst Dich.“ Du machst Dich? Hä? Wie, ich mache mich? Bin ich noch nicht gemacht? Ich entwickle mich vielleicht, aber ich mache mich? Wirklich sonderbar, welche Wörter für was gebraucht werden. Es ist mir auch egal, was ihr eigentlich damit meint – sagt es oder sagt es nicht, es gibt kein meinen!

 

Freunde: In der Vergangenheit hatte ich mal so etwas, was ich „Freunde“ nennen würde, aber als ich herausgefunden habe, dass Freundschaft nur mit gegenseitiger Skriptbestätigung und Maschengefühl (siehe Transaktionsanalyse/Abk. TA) einhergeht, habe ich das abgehakt. Diese Erkenntnis-Tür der TA hat sich für mich geöffnet und somit ist die Tür zu solcher (bewussten!) Zelebrierung von Maschengefühlen zu. Das hat seinen Preis: Diese Freundschaften habe ich beendet. Ich sehe auch nicht, dass ich in naher Zukunft Freundschaften brauche oder will. Gemeinsame Spezialinteressen – das könnte eine Grundlage für Freundschaften in der Zukunft sein, mehr sehe ich dort jetzt nicht.

 

Aber Menschen, die keine Freunde haben, wirken sonderbar. Einzelgänger wirken sonderbar. Es entspricht der Norm (heißt: Ist normal), dass Menschen Freunde haben oder Freunde wollen. Die Frage ist: Warum?

Nietzsche hat die Freundschaft so hoch gepriesen. Aber Nietzsche hatte keine Freunde – und die Freunde, die er irgendwann in seinem Leben mal glaubte zu haben, hat er verworfen – ich denke, Nietzsche wäre weiter gekommen, wenn er sich gefragt hätte, weshalb er überhaupt Freunde haben will. Aber vielleicht hat er darüber nachgedacht und es nicht aufgeschrieben. Und dann stellt sich auch noch die Frage: Wenn jemand ständig „falsche Freunde“ hat, warum sucht er sich die dann aus? Das muss einen Grund haben.

Oder wie Hercule Poirot sagen würde: „Es gibt immer ein Motiv! Und wenn es die Polizei nicht herausgefunden hat, dann ist es … wie sagt man? … unorthodox!“

 

Manchmal sagt man mir aber, ich sei ein „Freund“.

„Wir sind doch Freunde.“

„So etwas machen Freunde doch füreinander.“

Also ich bin momentan niemandes Freund und das ist auch gut so. Mit wem auch immer diese Menschen befreundet sind, mit mir nicht. Und ich sage es auch deutlich: „Das, was Du an Sozialem willst, das kann ich Dir nicht bieten!“ Warum  „kann ich nicht“? Weil ich die meiste Zeit des Tages alleine sein muss, um mich aufzuladen, andernfalls gehe ich kaputt.

 

Und wenn ich gefragt würde: „Was unterscheidet Dich von anderen?“,

würde ich wohl sagen: „Sieht wohl so aus, dass ich die Welt anders wahrnehme.

0 Kommentare

Angst

Dieser Blogeintrag ist nicht autismusspezifisch. Ich weiß nicht, ob NTs oder Asperger-Autisten oder Hochsensible etc. mehr Angst empfinden. Mir waren die Übergriffigkeiten der anderen Menschen schon immer unangenehm – Angst empfand ich davor nicht. Oft wünsche ich mir eine „Unsichtbarkeitsfunktion“, damit ich verschwinden kann und man mich nicht anspricht, denn das ist anstrengend – Angst empfinde ich davor nicht.

 

Dieser Eintrag ist in Ich-Form geschrieben, was nur bedeutet, dass ich aus meiner Perspektive schreibe. Es bedeutet nicht, dass andere diese Ängste nicht kennen oder ich mehr unter diesen Ängsten leide als andere.

Als Kind hatte ich mit vielen Ängsten in mir zu tun: Ich hatte Angst vor Krankenhäusern; vor Menschen, die sehr laut redeten oder gar schrien; vor Gott und seiner Macht; vor der Hölle; vor betrunkenen Menschen; vor Menschen, die schlagen und plötzlich ausflippen; vor den verzerrten Gesichtern der Menschen, wenn sie meinem Gesicht so nahe kamen; vor Gespenstern, Toten, Geistern; davor verlassen zu werden, weggegeben zu werden.

Ich kenne die Gründe dieser Ängste.

 

Schon früh lernte ich, mir das nicht anmerken zu lassen, wenn ich Angst empfand. Ich lernte, dass die mich umgebenden Menschen nicht sahen, was Ängste auslöste (weder bei mir, noch bei ihnen selbst); ich lernte, dass es nicht gut ist, darüber zu sprechen; ich lernte, dass es eine Schwäche ist, Angst zu empfinden. Und somit begann ich, im Geheimen Angst zu haben.

 

Sobald ich anfing, in eine Richtung zu gehen, die Ent-wicklung, Bildung, finanzielle Sicherheit, Freiheit, Zufriedenheit versprach, brach eine Angst über mich ein, dass ich wie gelähmt nichts mehr konnte oder diese Richtung selbst torpedierte, indem ich sie mir vermasselte.

Heute kenne ich auch diese logischen Zusammenhänge. Die Transaktionsanalyse erklärt dies auf sehr klare Weise.

 

Ich durfte das alles also nicht schaffen und darf es noch immer nicht.

 

Mein Weg geht aber in genau diese Richtung der Ent-wicklung. Das bedeutet somit auch: Überall „ist“ Angst. Überall lauert die Gefahr. Überall lauern die Verbote. Ich darf es nicht und sobald ich es versuche, rühre ich an der Todesangst.

 

Es ist so klar wie Kloßbrühe, dass daran aber kein Weg vorbei geht. Nur ist das, was manche Menschen raten genau der falsche Weg. Es ist der gleiche absonderliche Rat wie jener: „Es geht Dir schlecht? Dann unternimm doch mal was Nettes!“ Was genauso viel heißt wie: „Es geht Dir schlecht? Dann lenk Dich auf jeden Fall davon ab! Rühre nicht daran, befasse Dich nicht damit!“ Dann tun sie genau das, was Eltern tun, die nicht auf die Gefühlswelt ihrer Kinder eingehen: „Ach … das ist doch nix. Hab Dich nicht so!“ (Autisten bekommen das sehr häufig zu hören: „Das ist Dir zu laut? Stell Dich mal nicht so an! Bist DU aber empfindlich!“)

 

Mir wurde vermittelt, dass Angst Schwäche ist. Mir wurde vermittelt, dass niemand (wahrlich … niemand!) Verständnis haben wird, dass man mich verstoßen wird und verachten. So denn, wage ich es und mache es hier öffentlich:

 

Ich bin voller Angst. Wo ich auch gehe und stehe – gewiss ist, dass ich Angst empfinde. Manchmal ist sie unterschwellig da, manchmal lähmend und grausam. Manchmal verzweifle ich und glaube nicht mehr daran, dass ich meinen Kurs beibehalten kann. Ich drehe und wende mich und überall schreit mir Angst entgegen. Bis jetzt ist mir nur ein Mensch begegnet, dem dies auffiel.

 

Dieses Gefühl bringt mich nicht weiter, hilft mir nicht. Es blockiert mich. Und ich weiß es wohl, dass ich dieses Gefühl den Ereignissen zuordnen muss, die dazu gehören. Manche Menschen in meinem Umkreis haben sich dafür entschieden, ihre Innenwelt ruhen zu lassen wie einen Friedhof oder einen unberührten, starren See.

Das ist nicht mein Weg.

 

Vor Jahren schon wusste ich: „Ich muss da ran. Irgendwann.“

 

Verschleierung, Erstarrung, Abtötung, es nicht mehr versuchen, sich fügen und schweigen … diesen Pfad habe ich nicht eingeschlagen. Natürlich besteht immer die Option, zurückzugehen, doch noch zu entscheiden, nicht zu heilen und sich abzulenken.

 

Aber dieser Tag ist nicht heute.

0 Kommentare

Zermürbend

Ich habe nun einige Stunden darüber nachgedacht, ob ich diesen Text so scharf schreiben sollte, wie er mir „vorschwebt“. Inwiefern das auf Verständnis trifft und inwiefern auf Ablehnung. Diejenigen, die sehr reizempfindlich sind, hochsensibel, als psychisches Grundbedürfnis Ruhe brauchen, werden nachvollziehen können, was ich meine. Jene, die all das nicht sind und viel Ruhe nicht brauchen, werden dieses Gefühl der Zermürbung nicht kennen – das wird die Majorität sein, denn ansonsten wären die Menschen, die ich hier darstellen werde, bereits ausgestorben bzw. würden auf massive Ablehnung stoßen.

 

Ich nehme permanent wahr – und mit „permanent“ meine ich: Bis zu 24 Stunden am Tag -, dass die Privatsphäre-Grenze eines Menschen von vielen anderen Menschen ständig mindestens tangiert, aber zumeist überschritten wird. Ich habe dazu eine bildliche Darstellung im Kopf, die ich in naher Zukunft skizzieren werde, um es auch so deutlich zu machen, da man mir des Öfteren mit „Argumenten“ begegnet, die augenscheinlich logisch aber näher betrachtet unlogisch sind.

 

Als Beispiel führe ich das Thema „Lärm“ an:

 

Die Majorität scheint sich in einer lärmenden Umgebung wohl und heimisch zu fühlen. Sie haben nicht nur externe Lärmquellen wie Radio/Fernseher/PC’s/Laptops (ob Musik, Geplapper eines Moderatoren oder sonstiges) zur Verfügung, um die sie umgebenden Menschen in ihrer Privatsphäre zu belästigen, sie sind auch in ihrem eigenen Verhalten lärmend. Tatsächlich sind diese Menschen Lärm. Sie gehen laut, sie reden laut, sie bewegen sich laut.

Es ist ihnen tatsächlich unmöglich, leise zu gehen. Wenn sie gehen, dann stampfen sie auf dem Boden auf wie Elefanten auf zwei Beinen. Wenn sie irgendeine Haushaltstätigkeit oder Nahrungsaufnahme tun, tun sie diese laut: Sie klappern mit Geschirr, sie schlagen und knallen mit Türen, sie klackern mit Besteck wenn sie essen. Sie schlucken laut, sie atmen laut. Sie rascheln, knistern, rutschen hin und her, schnipsen mit ihren Fingern, trommeln mit denselben auf einer Oberfläche, stöhnen herum, schieben Sachen auf Tischen herum, stoßen an Stühle, schieben Stühle laut an den Tisch heran … und so weiter.

Kant schreibt in seinen Schriften zur Geschichtsphilosophie folgendes dazu:

„Denn ich sehe keinen andern Bewegungsgrund hiezu [Anm.: das Herumlärmen], als daß sie ihre Existenz weit und breit um sich kund machen wollen“.

 

Und ich habe noch nicht ihre Sprache thematisiert:

Sie reden in einer Lautstärke, dass man meint, sie müssten einen Bombenangriff überschreien. Ganz abgesehen von ihren komplett überflüssigen Wortäußerungen.

 

Es kann nicht anders sein, als dass die meisten Menschen diese Art, sich zu verhalten, teilen und befürworten, denn es begegnet mir derart oft und regelmäßig, dass, wenn es nicht so wäre, diese lärmenden Menschen ziemlich schlechte Karten in der Gesellschaft hätten.

Die „schlechten Karten“ hat nun aber derjenige, der reizempfindlich, hochsensibel und ruhe-sehnsüchtig ist. Immer und überall ist er diesem ausgesetzt.

Geht er wandern, kann er darauf mit Gewinnchancen wetten, dass er Menschen begegnet, die die Natur zu einer Lärmhölle machen. Als Anmerkung: Es interessiert niemanden, was ihr da lautstark mitteilt! Geht er schlafen, kann er darauf mit Gewinnchancen wetten, dass irgendwo irgendein Lärmliebender seiner Sehnsucht nach lautstarker Musik nachgeht. Ich weiß nicht, ob es allen bekannt ist: Es gibt Kopfhörer. Die gibt es für nicht einmal 10 Euro im Supermarkt.

Ich spreche hier übrigens nicht über Ausnahmen. Ich spreche hier von regelmäßiger Lärmfolter, unter der Woche; nachts!

Ich weiß auch nicht, ob das bekannt ist: Es gibt in Deutschland eine gesetzlich geregelte Nachtruhe, die bei Nichteinhaltung zu einem (nicht unerheblichen) Bußgeld führen kann.

 

Lärm macht bekanntlich krank. Da aber die Minorität immer Anpassung leisten muss, leidet auch diese darunter. Wir müssen es hinnehmen. Wir müssen damit leben, dass wir womöglich krank werden, weil die meisten Menschen rücksichtlos und übergriffig sind. Wir müssen des Nachts Gehörschutz in unserer eigenen Wohnung tragen.

An manchen Tagen, wenn ich bereits von all dem zermürbt worden bin, wenn ich mich fühle wie jemand, den man ordentlich verprügelt hat, habe ich den starken Drang, mir meinen Kopf an einer Wand aufzuschlagen. Damit es endlich, endlich aufhört. Damit ich es nicht mehr ertragen muss. Und wenn diese Verzweiflung sehr stark wird und ein Overload überlebt wurde, bleiben nur noch die Resignation und die Tatsache, dass die Menschen egoistisch und grenzüberschreitend sind und dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich das ändern wird, gen null strebt.

 

Und jetzt höre ich schon diejenigen aufschreien, die sich angesprochen fühlen: „Wie kann man nur so intolerant sein?“; „Autisten und Nicht-Autisten sollten Wege zueinander finden und sich nicht bekämpfen.“

Zu den Leuten, die mir Intoleranz vorwerfen und schon vorgeworfen haben, sage ich: Ihr habt keinen blassen Schimmer, worum es geht. Ihr habt keine Ahnung! Das, was ihr als „ich auch“-Vergleiche anbringt, ist ein Witz!

Und zu denen, die meinen, es gäbe für Autisten und Nicht-Autisten Wege zueinander: Das sehe ich nicht so. Es mag ganz vereinzelte Ausnahmen geben, aber in der Masse ist es nicht machbar. Ich bekämpfe auch die Nicht-Autisten nicht, das ist unmöglich. Aber Wege zueinander finden? Das ist ein Traum. Eine Illusion.

 

Mit das Schlimmste ist das nicht ernst genommen werden. Und wie sollte die Majorität das auch ernst nehmen, da sie sich mit Lärm doch so wohl und heimisch befindet? Wenn man ihnen sagt, dass man keine Freunde hat, dann packen sie all ihre Mitleidstüten aus und überhäufen einen mit Beileidsbekundungen; aber wehe, Du machst ihnen klar, dass Du gar keine Freunde willst, dann bist Du der Alien vom Dienst. Es ist also gleich, was wir Vulkanier machen, die Reaktionen der Nicht-Vulkanier sind meistens absonderlich und meistens das, was sie selbst für sich haben wollen. Es interessiert sie gar nicht, was uns stört oder nicht stört, sie stellen keine Fragen, sie handeln automatisch, wie sie sich selbst gegenüber handeln würden.

 

Als ich jemandem mitteilte, ich sei sehr lichtempfindlich – ich führe ständig eine Sonnenbrille mit mir herum. Im Sommer, wenn die Sonne scheint und keine Wolke dieselbe verdeckt, bin ich ohne Sonnenbrille so gut wie blind -, sagte derjenige, man sei ja nicht mit Sonnenbrille auf die Welt gekommen, und außerdem sei das eine Frage der Entspannung. Ja, sagt mal … habt ihr noch alle Tassen im Schrank? Ist das Dummheit oder Bosheit oder Gedankenlosigkeit? Was stimmt mit euch nicht?

Merkt ihr eigentlich, was ihr da macht? Ist euch klar, dass eure Aussagen massiv abwertend sind? Und dann kommt ihr allen Ernstes mit dem Begriff Intoleranz – ja, merkt ihr’s noch?

 

Sehr oft, wenn ich wieder von außen derart bedrängt und eingeschränkt werde, stellt sich in mir der starke Drang nach Rückzug ein. Manchmal stelle ich mir einen Ort vor, der sehr menschenfern ist. Und hätte ich einen Wunsch bei einer Fee frei, wäre es genau das: Einen Ort, wo man mich nicht belästigt, damit diese Zermürbung aufhört, damit ich nicht krank werde. Wobei ich sehr sicher bin, dass jene, die diese Abwehrleistung nicht aufbringen müssen, sich schon längst krankgeschrieben und eine Kur beantragt hätten.

 

Und: Nein, danke! Ich brauche euer Mitleid nicht. Benutzt eure Kopfhörer, wenn ihr Musik hören wollt. Haltet mal den Mund, wenn ihr wandern geht. Lasst die Menschen in Ruhe, die euch nicht von selbst ansprechen. Es wäre ein großer Fortschritt, wenn ihr anderen ihre Ruhe lassen würdet, damit die Minderheit der Gesellschaft sich nicht ständig und überall verbiegen muss, damit sie überlebt.

3 Kommentare

Der "soziale Mantel"

Ich habe mir in den vergangenen Jahren einen „Mantel“ für soziale Situationen angefertigt. Er ist ein Schutz, eine Abwehr, eine Distanz-Äußerung ohne Worte. Denn es ist sehr kalt in den Gesellschaftskreisen der Erdlinge.

 

Ich erlebe permanent starke Rivalität, Heuchelei, Lügerei, Abwertung, Grenzüberschreitung, Übergriffigkeiten, Respektlosigkeit und vieles mehr. Abgesehen davon, dass ich schon vor langer Zeit gemerkt habe, dass ich anderen selten vertrauen kann, hat die Erfahrung im Erwachsenenalter mit den mich umgebenden Menschen dafür gesorgt, dass ich noch vorsichtiger bin. Es ist naiv, zu glauben, dass Menschen respektvoll bleiben, wenn man nett ist oder sich zurückhält. Es gibt viele Motive, weshalb Anfeindungen und Lästerei ausgelöst werden können.

 

Es sind Kleinigkeiten, die dazu führen:

 

Man sitzt nicht mit ihnen am Tisch.

Man hält permanent eine gewisse (physische) Distanz ein.

Man erzählt nichts über sein Privatleben.

Man ist ehrlich.

Man antwortet mit einem „Nein“ auf alle Aktivitäts-Anfragen im privaten Bereich.

Man stellt kritische Fragen.

 

Es ist für einen Autisten schlicht unmöglich, gänzlich „normal“ zu wirken. Ich glaube von mir, dass ich sehr unauffällig in meinem Verhalten bin, aber das ist ein Irrglaube. Dafür erhalte ich zu viele Rückmeldungen, dass ich „anders“ wirke.

Was damit genau gemeint ist, hat man mir bis heute leider nicht sagen können.

 

Das Unerträglichste ist, wenn eine oder mehrere Personen über alles, was geht und steht und sich bewegt, schlecht redet. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, was sie an dem anderen auszusetzen haben, es geht anscheinend nur um das Schlechtmachen dieser Person.

Ich bin gewiss keine Heilige (zum Glück. Oder: Ich hab’s versucht, hat nicht geklappt). Auch ich lege teils Verhaltensweisen im Stress an den Tag, die ich nachher reflektierend als nicht besonders gelungen bewerte. Aber die Ausmaße der Lästereien der Menschen, die sind mir unbekannt. Von einer Sekunde auf die andere können sie über den, der gerade noch nett und freundlich war (weil er zugegen war), schlecht reden. Manchmal wundere ich mich, dass sie nicht plötzlich anfangen, über sich selbst schlecht zu reden, so massiv ist ihre „Switcherei“.

 

Ich war schon öfter live dabei, wie sich Meinungen in Gemeinschaften bilden. Sie beginnen damit, über eine Person (c) zu reden, die nicht anwesend ist. Person (a) erzählt, dass sich Person (c) so und so verhalten habe. Person (b) bewertet dies nach dem Muster wie Person (a). Beide sind sich einig, dass die nicht anwesende Person (c) diese und jene Eigenschaften habe und dass man sie nun nicht mehr mag. Und überhaupt … total eigenartig ist diese Person (c).

Dann wird es grotesk. Person (a) fängt an, über Person (b) schlecht zu reden, wenn diese nicht anwesend ist. Person (b) beginnt, über Person (a) schlecht zu reden, wenn Person (a) nicht anwesend ist. Und ich stehe dann dabei und denke: „Merken die nicht, was die da machen?“

 

Mein „sozialer Mantel“ blockt das ab. Ich halte mich raus. Es gibt keine andere Möglichkeit, um diesem Spiel zu entgehen. Es gibt noch eine einzige Möglichkeit, die ich als Option in Betracht ziehe, aber das muss wohl überlegt sein: Sie im geeigneten Moment darauf aufmerksam machen, was sie da tun. Aber im beruflichen Bereich werde ich das nur tun, wenn ich weiß, dass ich kündigen werde. Menschen einen Spiegel vorhalten kann eine Lawine lostreten. Andererseits: Die Strafe des sozialbedürftigen Menschen ist der Entzug der sozialen Zuwendung und das wäre für mich sehr zu befürworten. Das wäre also keine Strafe, sondern ein anzustrebendes Ziel. Doch viele können nicht zwischen Sozial- und Sachebene unterscheiden. Ihre Strafe hätte somit auch Auswirkungen auf der Sachebene.

 

Mein „sozialer Mantel“ verhindert, dass ich naiv vertraue und das für „bare Münze“ nehme, was man mir sagt oder versichert. Ich weiß es ja: Sobald ich außer Sichtweite (eher: Hörweite) bin, wird man über mich genauso reden wie über alle anderen. Vielleicht sogar noch mehr, weil ich doch so „anders“ wirke.

0 Kommentare

Gute Vorsätze

Ich habe noch nie „gute Vorsätze“ gehabt, zumindest nicht solche, die ich zumeist von anderen Menschen höre: Abnehmen, endlich Sport machen, mit dem Rauchen aufhören, mit dem Trinken von Alkohol aufhören usw.

Ein Jahreswechsel geht nicht spurlos an mir vorbei. Seit Jahren beschaue ich mir das vergangene Jahr und führe mir „vor Augen“, was gewesen ist, was ich erreicht habe, welche Veränderungen ich herbeiführte usw.

 

Und jedes Jahr sehe ich: Es ist sehr, sehr viel Dynamik in dem, was ich erlebt, erreicht habe. Ich weiß noch, dass ich am 31.12.2015 darüber nachdachte, dass ich umzog, eine andere Arbeitsstelle annahm und eine vergangene, die mir gut gefiel, hinter mir ließ, ziemlich viele Tiefs und ein paar Hochs hatte.

Dazu kam, dass ich meinen Hochschulabschluss erhielt.

Sehr viel Dynamik.

 

Dieses Jahr kann ich zwar keinen Hochschulabschluss verzeichnen aber wiederholt mehrere berufliche Neuorientierungen, nochmals einen Umzug, zudem zwei Buchveröffentlichungen und die Erfahrung, eine AS-Beziehung zu führen.

Sehr viel Dynamik.

 

Diese Dynamik ist spannend, energiebringend und mitunter massiv anstrengend. Und ich habe viele, viele Vorstellungen, wie ich mein Leben im neuen Jahr gestalten will. Die Erfahrung zeigt mir, dass ich vor Veränderungen nicht zurückschrecke, dass ich durchaus bereit bin, etwas zu wagen, zu riskieren. Darüber hinaus lerne ich mich mit jedem Schritt, den ich gehe, besser kennen. Es gibt viel zu erforschen, anzuschauen, zu erfahren.

 

Nein, gute Vorsätze habe ich nicht, wie andere Menschen. Wenn es voran geht, wenn es nicht stagniert, wenn ICH nicht stagniere – dann ist das schon genug. Und wenn ich dann noch den Mut habe, Theorie und Praxis zu vereinen, dann ist das noch besser.

0 Kommentare

AS-Beziehung: Blickkontakt

AS-Beziehung: Darf ich das?

Blickkontakt

 

Ich habe viele „Darf ich das?“-Fragen in mir gehabt, als ich eine Beziehung zu einem anderen Asperger-Autisten begann.

Das ist verständlich, denn ich hatte noch nie eine derartige Beziehung und die vorherige Beziehung führte ich mit einem Nicht-Autisten.

 

Das „nicht Anschauen“ gilt als unfreundlich, wobei ich glaube, dass das vorgeschoben ist. Wahrscheinlich sagen das solche Leute nur, weil sie nicht fähig sind, Blickkontakt für eine kurze Zeit zu unterbinden. Ich habe sogar schon die absonderlichsten Dinge gehört, als ich darum bat, mich nicht anzuschauen. Eine der Reaktionen war: „Ich möchte Dich aber anschauen, weil das sonst unhöflich ist.“ Hä? Wie? Ist das für ihn selbst sich selbst gegenüber unhöflich? Anders kann es ja nicht sein, denn wenn es für mich unhöflich wäre, hätte ich nicht darum gebeten. Aber das ist nicht das Thema.

 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich in einer AS-Beziehung keinen Blickkontakt suchen/halten muss. Es kann nur ein Autist verstehen, was das für eine Erleichterung ist. Für die Nicht-Autisten evtl. ein passendes Beispiel: Wenn Dir ständig jemand mit einer äußerst hellen Taschenlampe in die Augen strahlt und er Dir sagt: „Schau nicht weg, das ist unhöflich!“, Du also irgendwann lernst, irgendwie damit umzugehen, Du nun aber jemanden kennen lernst, der das nicht macht und Du plötzlich spürst, wie sich Deine Augen entspannen dürfen und dieselben nicht mehr schmerzen, ist das sehr erleichternd.

Das war meine erste Frage an mich in dieser AS-Beziehung: „Darf ich Blickkontakt vermeiden?“

Ja, gewiss. Es ist sogar erwünscht. Was für eine neue, angenehme, gute Erfahrung.

 

3 Kommentare

Spezialinteressen

(Fast) jeder Autist kennt das: Wenn man sich mit einem seiner Spezialinteressen beschäftigt, kann man stundenlang die Welt vergessen. Insbesondere mein Napoleon-Interesse hat mich schon manches Mal um eine ruhige Nacht gebracht. Ich konnte nicht aufhören, ich musste unbedingt noch dieses und jenes lesen, dieses und jenes aufschreiben, dieses und jenes ausdrucken und in meinen Ordner einheften usw.

Auch die Schreiberei hat mich schon manches Mal derart gefesselt, dass ich wie weggebeamt vor meinem PC saß und tippte. Oder während des Wanderns pausierte und schrieb; oder im Zug fast vergaß, wann ich aussteigen musste.

Momentan haben sich diese zwei Interessen etwas gelegt.

 

Die meiste Spezialinteresse-Energie verwende ich seit Monaten für die Transaktionsanalyse (TA). Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht darüber nachdenke: Analyse anderer, Analyse meiner selbst. Ich nutze meine Kenntnisse fast schon automatisch. Ich sehe nicht, dass sich das in naher Zukunft ändern wird, dafür gibt es noch zu viel darüber nachzudenken, zu analysieren, zu strukturieren. Und … was gibt es Besseres mit sich alleine als zu analysieren und zu strukturieren?

Lange Zeit hatte ich mich von der Psychologie getrennt. Sie passte nicht, sie war mir immer zu ungenau, gar zu oberflächlich. Mir fehlte immer wieder die Antwort auf die Frage: „Warum?“ Und dann erzählte mir jemand von der Transaktionsanalyse. Ich schaute mir das näher an und stellte fest: „Das hat gefehlt!“ Alles andere interessiert mich in der Psychologie nicht mehr: Ich will nichts mehr über Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie hören, weder theoretisch noch praktisch, das ist für mich alles nur noch Mumpitz. Insbesondere die Verhaltenstherapie ist für mich derart sinnlos und auch gefährlich, dass ich damit nichts mehr zu tun haben will. Für mich fällt das unter das, was die meisten Menschen tun: Sich ablenken und sich nicht mit dem eigentlichen Problem (der eigentlichen Ursache) beschäftigen.

 

Die TA ist also zum Spezialinteresse (SI) geworden. Das Beste an diesem SI ist, dass ich es überall mit hinnehmen kann und überall anwenden. Ich kann ständig analysieren, wenn ich will. Ich kann permanent trainieren. Ich kann zuordnen, bestimmen, verstehen, agieren usw. Anders als das Napoleon-Interesse. Das kann ich nicht ständig „leben“. Auch die Schreiberei kann ich nicht überall ausführen.

Vielleicht habe ich deshalb logischerweise die Energie für die anderen zwei Interessen teils abgezogen, um mich mit der TA zu beschäftigen, welche ich immer anwenden/ausagieren kann.

Deshalb ist es auch nur konsequent gewesen, dass ich mein Master-Studium Philosophie abbrach und nun gen Psychologie strebe.

0 Kommentare

Meltdown

Ein Meltdown („Kernschmelze“) tritt bei manchen Autisten ein, wenn ein Overload vorangegangen ist. Man kann sich das vorstellen wie einen platzenden Luftballon, den man immer und immer mehr mit Wasser füllt. Es fühlt sich an wie ein „Crash“ im Kopf, als würden zwei Züge mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zu fahren und dann kollidieren. Man kann das Gefühl auch wie eine Explosion im Kopf beschreiben.  Plötzlich ist der Höhepunkt der Reizüberflutung erreicht und es geht nicht mehr anders, als all das unkontrolliert auszulassen.

Manchmal mit Schlagen, manchmal mit Schreien, mit Werfen eines Gegenstandes usw. Das Schlimmste ist, wenn Personen im Umfeld keine Rücksicht darauf nehmen, dass man sich in einem kritischen bis eskalierenden Zustand befindet und immer weiter auf denjenigen einreden, ihn vielleicht noch berühren oder ihm nahe kommen.

Für mich war das in meiner Jugendzeit die Hölle. Ich hatte keine Chance, die Außeneinflüsse auszusperren, ich wurde permanent von außen getriggert.

Tipps für diejenigen, die keine Ahnung davon haben, wie sich ein Meltdown anfühlt:

 

 

- Lasst mich in Ruhe, wenn es soweit ist. Steht auch nicht daneben und schaut zu, wie ich ausflippe. Geht einfach weg und seid nicht da.

 

- Fasst mich auf keinen Fall an! Es könnte sonst sein, dass ich mich schützen muss und euch wegstoße oder schlage. Euer Angefasse löst Schmerzen in mir aus. Ihr greift mich damit an.

 

- Redet auf keinen Fall! Eure Worte sind wie Messer in meinem Kopf. Es tut weh, wenn ihr redet. Ich habe bereits ohne diesen Zustand Schwierigkeiten mit euerm Gequassel, lasst mich damit erst recht in Ruhe, wenn ich in einem Meltdown oder Overload bin. Fragt auch nichts, bietet nichts an.

 

 

Zusammenfassend:

 

 

- Verschwindet.

 

 

Wenn sich der Meltdown gelegt hat, kommt meistens eine Phase der Apathie. Auch in dieser Phase gilt: Lasst mich in Ruhe. Nur wenn ich auf euch zukomme, ist das genehm. Ich brauche dann Ruhe, Dunkelheit und vielleicht eine repetitive, schlichte Tätigkeit. Beginnt mit mir kein Gespräch! Mein System ist in dem Zustand komplett heruntergefahren, ich habe dann keine Worte mehr, nichts mehr kann ich versprachlichen. Lärm ist dann wie eine Folter. Schaut mich auch nicht an, fasst mich nicht an.

So oft behaupten viele Nicht-Autisten, sie wären empathisch, könnten sich somit in den anderen einfühlen, wären so taktvoll, höflich und achtsam, aber liebe Nicht-Autisten, ihr bildet euch ganz schön viel ein.
In den meisten Fällen habe ich es erlebt, dass Nicht-Autisten weder achtsam, noch empathisch sind.

 

0 Kommentare

Der ewige Wanderer

Mein Leben fühlt sich an wie eine Reise. Ich treffe hie und da auf Gruppen, doch ich bleibe nicht dort, ich bin nur ein Gast an diesem Ort. Ich spüre, dass es nicht das ist, was ich mir vorstelle. Andererseits verweilen auch die anderen nicht lange bei mir. Es gibt in meinem Leben wenig, was sie selbst suchen. Ich kann nicht ablenkend für sie sein; ich kann auch nicht spannend für sie sein. Meistens möchte ich schlicht nur irgendwo sitzen oder meine Arbeit tätigen. Ich möchte gar nicht mit ihnen über etwas Belangloses sprechen. Für sie heißt es, Entspannung zu erfahren, sich mit anderen auszutauschen, ich halte mich lieber zurück. Was sollte ich erzählen? Alles, worüber ich nachdenke, ist sehr intim. Ich spreche nicht darüber, dass die Sonne scheint. Ich spreche nicht darüber, dass es kalt geworden ist.
Meine Assoziation ist eher absonderlich. Wenn einer sagt: „Es ist kalt geworden“, dann denke ich: Ja, manchmal wird es im Inneren kalt und es bedarf viel Wärme, um dies wieder rückgängig zu machen, um wieder zu erwärmen, aufzutauen. Und schlussendlich kann das sehr schmerzhaft sein.
Aber die anderen meinen das Wetter und ich meine mein Innenleben.
Es ist eine andersartige Seinsweise.
Wenn andere anfangen, zu pauschalisieren und alles schlecht zu machen, verfalle ich ins Schweigen. Ich signalisiere keine Aufmerksamkeit ihnen gegenüber. Ich schaue sie nicht an, ich reagiere nicht nonverbal, geschweige denn verbal. Ich weiß, dass sie das gerne möchten, damit sie sich wohl fühlen, aber dafür gibt es andere Menschen, die so ticken wie sie.
Ich bin zu scheu für diese Menschen. Extrovertierte fragen gerne viel: Was man so macht und ob man verheiratet sei; ob man Kinder habe; welche Ausbildung man gemacht habe; was man denn mal werden wolle usw. Warum fragen sie das? Es geht doch gar nicht um mich. Wenn ihr was erzählen wollt, macht das, aber nutzt mich nicht als Vorlage für eure verbalen Interessen. Ich weiß wohl, dass es ein „Abchecken“ ist, dennoch will ich manchmal sagen: „Es ist okay. Ich tue Dir nichts, ich bin keine Gefahr. Aber ich möchte Dir auch nichts „geben“, Dich nicht befriedigen.“
Und doch sag ich es nicht, es wäre zu absonderlich. Unbewusst würden sie es vielleicht verstehen aber sagte ich so etwas – ich müsste noch seltsamer wirken. Wirke ich seltsam? Ich weiß es nicht genau. Man wird mich gewiss betiteln mit solchen Wörtern wie: „Schüchtern“, „introvertiert“, „in sich gekehrt“ – das ist in Ordnung. Es ist für sie notwendig, zu kategorisieren.

Ich reise weiter. Manchmal bleibe ich sitzen auf einer Reise. Dann sitze ich dort in Natur und sitze nur … und wie ruhig ist alles, wie angenehm spüre ich den Wind auf meinem Gesicht. So könnte es bleiben. Wenn ich es realisieren könnte, dann bliebe ich sitzen, ewig, ewig … nimmer mehr zurück. Im Gespräch mit mir, ohne Lärm, oder Blabla, mit dem Blick auf Wald oder Wiese oder Bach.

 

 

Facebook

0 Kommentare

Beziehung zwischen zwei Aspies

Ich habe vor längerer Zeit eine Beziehung mit einem NA (Nicht-Autist) geführt. Nun habe ich eine Beziehung mit einem anderen Aspie. Das ist ein sehr großer Unterschied.

Endlich erlebe ich es, dass Gespräche in einer Beziehung klar und strukturiert sein können; ich den anderen nicht anschauen muss (tatsächlich schauen wir uns kaum an); die Treffen klar geregelt sind (vor unserem ersten Treffen haben wir das Meiste abgesprochen - z.B. wie wir uns begrüßen); die Haptik eine ganz andere und bessere ist; wir lange miteinander schweigen können; der andere sich genauso ruhig verhält wie ich; es kein Small-Talk gibt usw.

Unsere Basis ist sehr erwachsen und wir haben uns für Klartext entschieden: Keine verdeckten Botschaften, keine Doppelbotschaften etc.

Ich bin sehr froh darüber, dies erleben zu dürfen.

--------------------

Facebook

0 Kommentare

Gewöhnung

Manchmal lese ich Beiträge von Menschen, die glauben, man gewöhne sich an etwas, wenn man es nur oft genug tut. Bei mir ist das nicht der Fall bzw. verschlimmert sich sogar:

 

- Seit über 30 Jahren schauen mich die Leute, mit denen ich zu tun habe, ständig an: Bei Gesprächen, bei Tätigkeiten, wenn ich rede, wenn sie reden – manche beugen sich sogar vor, als ob sie mein Gesicht erspähen wollen. Ich gewöhne mich nicht daran. Es ist mir immer unangenehm und manchmal ist es gar unerträglich und manchmal tut es mir sogar weh. Seit 30 Jahren passe ich mich daran an, dass die meisten Menschen in meiner Umgebung das Gucken nötig haben – ich habe mal eine Person darum gebeten, mich 5 Minuten beim Sprechen nicht anzusehen, es war ihr nicht möglich.

 

- Laute Geräusche: Seit 30 Jahren stört es mich, wenn jemand die Türen knallt, wenn jemand laut geht, laut redet, gar schreit, laut mit Geschirr klappert, pfeift, singt, irgendwelche sonstigen Geräusche macht. Ich habe mich nicht daran gewöhnt. Im Gegenteil, je öfter und langanhaltender es vorkommt, desto abartiger ist es mir.

 

- Nähe-Distanz-Verhältnis: Seit 30 Jahren habe ich ein anderes Nähe-Distanz-Verhältnis. Als Kind wollte ich schon nicht, dass mich irgendwelche Leute umarmen, anfassen, knuddeln etc. Seitdem ich selbst bestimmen kann, wer mich berührt, habe ich ständig das Bedürfnis, das Nähe-Distanz-Verhältnis bei Leuten zu ändern, neben denen ich sitze, stehe oder gehe.

 

Das liegt daran, dass ich Autist bin und dass ich in den aufgezählten Bereichen anders „ticke“. Das ist aber nicht nur bei Autisten so: Das Nähe-Distanz-Verhältnis ist z.B. bei Extrovertierten und Introvertierten ein anderes. Ebenso gibt es einige Hochsensible, die ähnlich auf Lautes, Buntes, Reizendes reagieren wie Autisten: Es ist zu viel.

 

Ich habe beschlossen, mich in einigen Bereich meines Lebens nicht mehr in ein Muster zwingen zu lassen. Gegen laute Geräusche gibt es Ohropax und beim Nähe-Distanz-Verhältnis kann ich darauf aufmerksam machen. Leute, die meinen, in meiner Wohnung laut sein zu müssen, bekommen keinen Zutritt mehr. Ich will nur noch bedachte, leise, angenehme Menschen in meine private Sphäre lassen.

 

0 Kommentare

Das Meer

Ich liebe das Meer. Insbesondere die Brandung. Keine Welle ist wie die andere. Ich könnte und habe schon stundenlang darauf geschaut und hatte ein tiefes Gefühl des "es ist richtig". Wohlig fühlte ich mich.
Ich liebe die Natur. Wälder, Felder, aber besonders liebe ich das Meer. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Kind und Jugendliche oft am Meer war.

Man schaut darauf und schaut in die Weite, der Seewind geht, die Luft ist salzig, man hört das Rauschen. Und wenn man an dem richtigen Ort ist, kann man sogar Kilometer weit gehen, ohne dass jemand anderes präsent ist.

Vielleicht sieht man hie und dort ein paar Insulaner, aber die gehen dort auch nicht spazieren, weil sie einen Gesprächspartner suchen. Vielleicht ist ein Ort am Meer ein passender Ort für mich.

Egal welche Jahreszeit, egal welche Tageszeit, für mich ist Wasser immer faszinierend. Ich liebe das Meer, definitiv!

 

(Foto: Mittelmeer, Italien, Cervo)

0 Kommentare

Overload

Ein Overload ist die Hölle.
Es gibt keine andere Beschreibung dafür.
Manchmal spürt man, dass er kurz bevorsteht: Dann breitet sich die Anspannung im ganzen Körper aus, die Wahrnehmung wird noch detaillierter, die Geräusche lauter, das Licht eindringlicher, greller. Worte anderer werden wie Messer, die schneidend sind, im Kopf Schmerzen auslösen.

Und dann ist er da. Überfällt den Körper und die Seele. Alles wird grässlich und schrill. Nur noch weg - fort - Sicherheit finden. Da sein, wo es dunkel ist, wo nichts spricht, wo kein Lärm herrscht. Jedes Gesicht wird grotesk und verzerrt, löst Schmerzen aus, schlimmer als sowieso schon.

Panik stellt sich ein. Bloß nicht inmitten der Menschenmasse umfallen! Bloß nicht noch Aufmerksamkeit auf sich ziehen! Bloß nicht in jemandem den Impuls anrühren, dass man angesprochen werden will oder gar berührt.

Und dann: Endlich - in Sicherheit. Gerade so hat man sich zurück in seine Wohnung geschleppt. Nichts ist mehr wichtig - nur hinlegen, nur überleben. Auf den Boden legen, atmen, nichts denken.
Manchmal gesellen sich starke Kopfschmerzen hinzu und eine undefinierbare Verzweiflung, eine Schwäche des Körpers, eine komplette Überforderung.
Manchmal hilft es, wenn man sich stereotypen Bewegungen hingibt, manchmal hilft nur: Abwarten. Atmen. Den Boden fühlen, auf dem man liegt.

Wie froh ist man dann, wenn niemand zugegen ist, wenn nur noch man selbst und die Dunkelheit und die Ruhe da sind. Die NT-Maske ist gefallen, es gibt nichts mehr, was diese aufrecht erhält. Nun ist man gänzlich festungslos.

Und irgendwann - langsam - langsam ... nach Stunden, geht es wieder. Empfindlich ist alles. Jede Regung ist langsam und eigentümlich. Aber man hat es hinter sich.

 

(Eine nun wieder hergestellte Vulkanierin)

 

Facebook

0 Kommentare

An manchen Tagen

An manchen Tagen wünsche ich mir, es gäbe einen Ort, an den ich mich für kurze Zeit beamen kann, um Ruhe zu haben. Dort wäre es sehr ruhig und reizarm. Es würden keine Autos fahren und generell wäre dort kein Mensch anzutreffen. Ich würde niemanden reden hören und nichts tun müssen, was angeblich so wichtig ist. Keiner käme und fragte: "Was ist mit Dir?" und ich würde nicht spüren, dass ich wieder irgendetwas Seltsames getan habe, wobei ich nicht weiß, was es genau ist. Ich müsste mich nicht in einen vollbesetzten Zug quetschen und Panik unterdrücken; ich müsste nicht sprechen oder jemanden anschauen. Ich dürfte einfach nur da sein und die Wolken anschauen oder das Gras, welches sich im Wind bewegt. Stunden um Stunden könnte ich dort einfach sitzen, liegen, stehen und schauen, was um mich herum passiert, ohne die ständige, immer präsente Obacht-Haltung, ob nicht doch irgendwo ein Mensch ist und gleich anfängt, zu reden oder irgendetwas zu tun.

 

Ja, ich spüre eine große und tiefe Sehnsucht in mir, die immer wieder fragt: Gibt es denn auf dieser Erde keinen Ort für mich, an dem ich sein kann, was und wer ich bin?


An manchen Tagen ist es einfach zu viel. Und ich habe das Gefühl: Je älter ich werde, desto stärker wird diese Sehnsucht, sich raus zu nehmen aus der Gesellschaft, nicht mehr zu kämpfen. Die Uniform "an den Nagel" hängen und sagen: "Okay, ich hab's versucht, aber so kann ich nicht mehr leben!"

 

Facebook

0 Kommentare

Mein psychisches Grundbedürfnis

Mein stärkstes psychisches Grundbedürfnis ist das Alleinseinkönnen. Habe ich nicht die Möglichkeit, mich regelmäßig im privaten Bereich zurückzuziehen, gerate ich in starken Stress und kann krank werden.

Diese Erkenntnis war immens wichtig, um herauszufinden, warum es mir in manchen Lebensphasen sehr schlecht ging. Ich höre manchmal mit, wie andere den Ratschlag geben: "Du musst raus gehen unter Leute, Dich ablenken."
Aber beides wäre für mich genau das Falsche. Weder sollte ich dann hinaus und unter Leute gehen, noch gar mich ablenken. Solche Ratschläge gibt man mir zum Glück nicht.

Es ist doch interessant, dass sich manche Menschen lieber von sich abwenden als sich dem eigenen Inneren zuzuwenden.

 

Facebook

0 Kommentare

Das Gerüst - mein Kartenhaus

Grundsätzlich ist fast alles geplant. Die meisten Risiken, Veränderungen sind bedacht. Wenn ein Elefant vom Himmel fallen sollte: Ich bin bereit. Es würde mich nicht überraschen. Auch weitestgehend unlogische Ereignisse werden in Betracht gezogen.

 

Mein Gerüst ist aufgebaut. Ich weiß, was ich zu tun habe; ich weiß zum Großteil, was die Leute in meiner unmittelbaren Nähe tun werden; ich weiß, welcher Weg der kürzeste, welcher der angenehmste, welcher der längste ist, wenn ich an einen Ort möchte.

Ich weiß, an welchem Tag und zu welchen Wetterbedingungen mein Lieblingssee aufsuchbar ist, ohne dass mir mehr als 2 bis 3 Menschen begegnen.

 

Ich kenne weitestgehend die besten Einkaufszeiten, die besten Zugfahrzeiten. Die Städte, in denen ich länger war, kann ich im Kopf abwandern.

 

Ich weiß, wie penetrant Menschen sein können und auf welche unverschämten Fragen ich mich einstellen muss. Ich weiß, dass sie meine Privatsphäre nicht akzeptieren und dass sie nicht lange ruhig sein können.

 

Das ist mein Gerüst. Wenn ein Ereignis bevorsteht, dann werden Möglichkeiten, Wege, Situationen im Kopf konstruiert, bis es mein "Okay" bekommt. Das kann etwas dauern. Ich konstruiere ein Kartenhaus, welches so perfekt ist, wie es zu dem Zeitpunkt möglich ist. Verbesserungen können immer getätigt werden, das ist eine Erfahrungssache.

 

Fragst Du mich: "Willst Du morgen mit mir Fahrrad fahren?"

Dann muss ich das erst überprüfen und einfügen oder nicht einfügen. Es sei denn, ich habe bereits in Betracht gezogen, mit Dir Fahrrad zu fahren oder ich habe generell einige Freistunden in Betracht gezogen, die mir zur Verfügung stehen und auch Sozialkontakt beinhalten können.

Wenn Du mich dies fragst, dann brauche ich Zeit, um das zu bedenken.

Ich muss es in mein Kartenhaus einfügen.

Es sei denn, es ist ausgeschlossen, dann erhältst Du sogleich eine Verneinung.

 

-------

 

Und wenn ich mein Gerüst/mein Kartenhaus nicht habe?

Dann kann ich nichts, bis ich es habe.

 

Verlange von mir nicht, "spontan" zu sein.

Erwarte nicht von mir, dass ich das aufgebe, dann hast Du nur noch mit einem Nicht-Zurecht-Kommenden zu tun.

Erwarte nicht von mir, dass ich bin wie Du.

Ich erwarte von Dir auch nicht, dass Du aufhörst, über Small-Talk-Themen nachzudenken.

 

0 Kommentare