Fremd

Ich bin sicher, dass es einigen von euch auch so geht wie mir. Ich will vermeiden, mich zu wiederholen, da ich dieses Thema schon öfter beschrieben habe:

 

Ich fühle mich fremd.

So fremd wie sich jemand fühlen muss, der von einem anderen Planeten kommt.

Ein Heimatloser.

 

Wo auch immer ich bin, beinahe überall fühle ich Fremdheit. Ich schaue mir die anderen Menschen an und sie sehen so aus wie ich aber sie sind anders. Als Jugendliche sagte ich einem Psychologen, dass ich nicht verstanden werde. Er fragte inwiefern, aber ich konnte es nicht erklären. Es muss bei Nietzsche oder Schopenhauer gewesen sein, wo ich den Begriff „Zaungast“ las. So fühlte ich mich: Sie luden mich ein, die die ich sah; sie sprachen mit mir; sie wollten mich involvieren; doch immer, wenn ich in ihrer Nähe war, spürte ich, dass es eine Andersartigkeit zwischen ihnen und mir gibt. Es war mir vollkommen schleierhaft (im wahrsten Sinn des Wortes), was es sein sollte – warum es so war.

 

Ich bin in einer Familie groß geworden, die immer Geld hatte; ich hatte viele Möglichkeiten, mich weiterzubilden; ich hatte genug Kleidung, genug Essen, genug Trinken – und mein Leben wurde zunehmend unerträglich.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich feststellte, wie hässlich Menschen sein können. Nicht von ihrer Art her, sondern von ihren Gesichtern. So, als hätte ich zuvor nie direkt in ein Gesicht gesehen, wurde eine Art Schleier weggezogen und ich wurde mit einer Realität konfrontiert, die für mich erschreckend war.

Vorher war ich in mir selbst gewesen. Irgendetwas hatte sich verändert. Als wäre es bis dahin legitim gewesen, autistisch zu sein, wurde ich nun daraus gerissen und stellte fest: Die meisten Menschen um mich herum sind hässlich. Ich hatte Angst vor ihnen, wie vor einer anderen Spezies. Sie waren laut, schrill, aufdringlich, redselig.

 

Es ist schrecklich.

Ich bin ein Fremder in dieser lauten, schrillen, aufdringlichen, redseligen Welt.

 

Als Kind und Jugendliche war ich umgeben von Heuchlern. Menschen, die nicht so handelten, wie sie sprachen. Sie sagten a und taten b. Dass das Standard ist, habe ich erst viel später begriffen.

 

Ich erlebe die Welt, in der ich lebe, meistens als feindlich, denn sie ist der Feind für alle diejenigen, die Ruhe und Ordnung brauchen; für alle diejenigen, die wortkarg und speziell sind. Immer wieder höre ich, dass Menschen doch so unterschiedlich sind, aber mir begegnen permanent Menschen, die alle nach den gleichen Regeln leben, die die gleichen Bedürfnisse haben.

Wie viele Menschen begegnen mir, für die es ein Traum ist, nach New York zu reisen.

Und wie wenige Menschen begegnen mir, die am liebsten ganz alleine für sich sind. Und nein, damit meine ich nicht die, die sagen: „Ich bin auch mal gern alleine.“ Die sind es nicht!

Sage ich einen Satz, sagen sie dazu 10.

Permanent muss ich mehrere Fragen stellen, um eine konkrete Antwort zu erhalten.

 

Vor kurzem hatte ich einen Mailkontakt mit meiner Krankenversicherung und stellte eine simple Frage. Daraufhin kam eine ausufernd lange Mail zurück, die alles beantwortete, nur nicht meine Frage. Ich dankte (wie das gesellschaftlich üblich ist) und merkte an, dass meine Frage nicht beantwortet sei. Nach ein wenig hin und her, antwortete mir endlich eine andere Person, die in knappen Sätzen eine konkrete Antwort sendete.

 

Es dauert teilweise sehr lange, bis ich auf meine Fragen eine Antwort erhalte. Per Mail, mündlich, privat und/oder beruflich. Das Umfeld ist egal. Erst dachte ich, es läge an mir, aber egal wie ich meine Fragen formuliere, sehr selten begegne ich Menschen, die konkret antworten.

 

Ich fühle mich wie ein Fremder.

 

Wie eine Art, eine Spezies, die nicht viele Verbündete und Gleichgesinnte hat, die stets in Regionen kommt, die artenfremd sind, ja geradezu feindliche Lebensbedingungen bereit halten. Manche von jenen, die gegen eine AS-Diagnose sind, bringen das Argument vor, dass das doch nichts brächte, man verändere sich nicht.

Mir hat die Diagnose sehr geholfen.

 

Ich möchte euch skizzieren, wie ich das bildlich sehe:

 

Gesetzt den Fall, ich wäre von einem anderen Planeten und wäre hier auf dem Planeten Erde gelandet, ohne zu wissen, woher ich komme. Ich sähe genauso aus wie alle anderen und spräche die gleiche Sprache. Und jede Anmerkung meinerseits, irgendetwas mit mir oder den anderen sei anders, träfe auf Abwehr und Abwertung, sodass irgendwann der Gedanke einträte, ich sei nicht richtig, meine Wahrnehmung sei falsch. Wie wohltuend wäre es da, wenn ein Planetenforscher, ein Spezienspezialist sagen würde: „Der Planet Erde ist ja gar nicht Ihre Heimat, Sie kommen vom Planeten x.“

 

Das fehlende Puzzleteil. Das Wissen: Ja, ich habe es richtig wahrgenommen, ich bin richtig so, wie ich bin.

 

Und wie viel Traurigkeit das in mir auslöste …

 

Dass ich stets an mir gezweifelt habe. Dass es so weit ging, dass ich mich quälte und umprogrammieren wollte, nur, weil ich dachte, ich sei krank und verrückt.

Einzig und alleine das hat mich krank gemacht: Dass ich dachte, ich müsse so sein, so handeln, so denken, so sprechen, so aussehen wie die anderen. Dass ich dachte, ich dürfte kein Zaungast sein, sondern Mitglieder einer Herde. Oder anders: Dass ich dachte, ich müsste Zaungast sein. Das bin ich längst nicht mehr; eure Weide ist nicht die meine.

 

Meine Heimat ist in mir drin. Manchmal fühle ich sie auch um mich herum: In Natur, wenn ich dort alleine bin; wenn ich alleine musiziere; wenn ich mich alleine mit etwas beschäftige, was mich interessiert. Bis jetzt habe ich eine Person kennen gelernt, mit der ich zusammen sein kann, ohne meine NT-Maske automatisch aufzusetzen. Diese Person ist ebenfalls AS. Bei den NTs habe ich es noch nie erlebt, dass ich meine Maske fallen lasse. Zu groß ist der Unterschied; zu früh habe ich gelernt, an dieser Maske zu feilen; zu absonderlich wäre ich für sie. Ich merke meine Maske, manchmal ist es so, dass ich mich selbst wie von außen beobachte; und in einigen Fällen läuft in mir eine Art „Filter“ ab, der in Sekundenschnelle das Erwartete und Gewünschte meines Gesprächspartners analysiert und „ausspuckt“ – auch das erlebe ich bewusst. In manchen Fällen funktioniert dieser Filter nicht und ich bin ratlos. Dann tauchen die Momente auf, in denen ich in eine Art Error-Zustand gehe: In Small-Talk Situationen tritt Schweigen auf und ich frage mich angestrengt, worum es nun geht; aber auch das habe ich nun begriffen: Es geht nicht um ein sinnvolles, effizientes Gespräch.

 

Nach längerem Nachdenken über all das, habe ich für mich entschieden: Vergiss es, Deine Energie darauf zu verschwenden, einen Platz unter den anderen zu finden. Ich kann nur meine eigenen, privaten Lebensumstände verbessern und kreieren. Vergiss es, zusammen mit anderen leben zu können, oder Wohnraum teilen zu können. Es ist nicht machbar. Für sie nicht, für mich nicht.

 

Sie brauchen Gesellschaft, um sich aufzuladen.

Ich brauche Ruhe, um mich aufzuladen.

 

Ganz, ganz selten begegne ich Menschen, die für mich angenehm sind in ihrer Art und ihrem Verhalten.

 

Ich bin ein Fremder.

 

Und ich lote noch aus, wie weit ich unter den anderen autistisch sein darf und wo die Grenze ist. Denn Fakt ist: Ich kann nicht so sein wie die Menschen, die mir permanent begegnen, das zu versuchen, wäre Selbstzerstörung und somit mein Todesurteil.

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