Gefühle abtöten

Als ich jugendlich war, beschloss ich, meine Gefühle abzutöten. Sie waren mir lästig, unerträglich, zu schmerzhaft, um sie in meinem Leben haben zu wollen. Ich dachte: „Wenn ich nicht mehr fühlen müsste, dann wäre alles einfacher.“

 

Ich beschloss das Abtöten meiner Gefühle, weil es mir so furchtbar schlecht ging. Ich wollte nicht mehr leben und erkannte, dass es dem Großteil meines Umfeldes gleichgültig war, dass es mir so ging. Sie wollten es nicht sehen und erst recht nicht hören. Wenn ich etwas andeutete oder gar Klartext sprach, wurden sämtliche Schutzmechanismen des anderen aufgefahren, um das zu verdrängen, was ich sagte.

 

Zu einem gewissen Grad schaffte ich es, meine Gefühle abzutöten, aber ganz hat es nie funktioniert. Manchmal hatte ich den Eindruck, kalt wie Eis zu sein. Nicht rational, das ist etwas anderes, sondern wie vereist. Ich hatte viele meiner Gefühle vereist aber sie lebten trotzdem unter dieser Eisdecke weiter.

Dann irgendwann kam eine lange Zeit der Verwirrung, die anscheinend typisch ist, wenn Eis wieder auftaut und man das, was darunter zum Vorschein kommt, nicht mehr kennt.

 

Vor kurzem überflog ich in einem Forum einen Beitrag, der thematisierte, dass die Person lieber nicht mehr fühlen wolle. Ich weiß nicht, wie weit diese Person fortgeschritten ist in diesem „Projekt“, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das Abtöten der Gefühle nicht funktioniert. Es ist nicht machbar. Irgendwo und irgendwie suchen sich Gefühle ihren Weg, auch wenn man sie nicht fühlt: Sie werden zu körperlichen Schmerzen oder Symptomen; sie zeigen sich im Gesicht, im Gang, in der Stimme. Und wenn diese Gefühle nicht gefühlt werden wollen, wird der Mensch hässlich, krank, grau, abgestumpft.

Ich sehe Menschen, die nicht fühlen wollen. Wenn dieser Zustand fortgeschritten ist, dann wirken sie kalt, hart, wie Geister wandeln sie herum, und dennoch spricht ihr ganzer Körper von dem Gefühl, welches nicht gefühlt werden will.

 

Ich bin nun Anfang 30 und erst jetzt traue ich mich, in Gefühle hineinzugehen. Meistens sträube ich mich noch, denn ich denke, es würde schlimmer. Immer noch ist es weit verbreitet, dass man sich von „unangenehmen“ Gefühlen ablenken soll, aber das habe ich oft versucht und es hat mich nicht weiter gebracht.

 

Vielleicht wollte ich meine Gefühle auch abtöten, weil ich glaubte (und teils noch glaube), dass sie mich sonst töten. So wie ich Bereiche in meinem Inneren lange Zeit nicht sehen wollte, weil ich dachte, es würde etwas Schreckliches passieren, wenn ich sie mir anschaue. Das Wegschauen ändert aber nichts daran, dass diese Bereiche da sind. So ist es auch mit den Gefühlen: Nicht hinschauen bedeutet nicht, dass sie plötzlich verschwinden. Sie sind da. Und das Gefühl findet immer einen Weg, sich zu zeigen, egal wie geartet.

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